Chris Andrews wollte Rock ’n’ Roll spielen. Doch „Yesterday Man“ machte ihn vor 60 Jahren weltberühmt. Der in Olfen lebende Musiker blickt auf sein ungewöhnliches Leben.

„I‘m her yesterday man. Well, my friends, that‘s what I am“, so beginnt der nun schon über 60 Jahre alte frühere Nr. 1-Hit „Yesterday Man“. Und mit diesen mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt bekannten Zeilen beginnt 1965 auch die große Karriere von Christopher, bekannt als Chris Andrews aus Romford im Osten von London. Ausgerechnet ein Song, den der Brite ursprünglich gar nicht selbst singen wollte, machte ihn weltberühmt. Heute lebt der 83-Jährige gemeinsam mit Frau und Managerin Alexandra in Olfen, vor dem Umzug im vergangenen Jahr war er 17 Jahre lang in Selm zu Hause.

Mit weiteren großen Hits wie „To Whom It Concerns“, „Pretty Belinda“ und „Carol OK“ wurde Chris Andrews zum sehr erfolgreichen Popsänger. Als Vorbilder nennt der Brite, der seit 2016 auch im Besitz des deutschen Passes ist, aber Chuck Berry, Jerry Lee Lewis und den frühen Elvis Presley. „Ich wollte Rock ‘n‘ Roll auf der Bühne machen, das ist wirklich meine Leidenschaft“, erzählt der Musiker gut sechs Jahrzehnte später im Rückblick auf eine Karriere, die noch längst nicht beendet ist. Mit Titeln in diesem Stil trat Chris Andrews noch auf etwas kleineren Bühnen auf, kam im Winter 1961 erstmals nach Deutschland und trat dort im bekannten Top Ten Club an der Reeperbahn auf.

Erfolg nach mehreren Absagen

Doch es sollte anders kommen. Als Komponist für seine Kollegin Sandie Shaw hatte er schon mehrere Hits geschrieben. Doch diese neue recht eingängig wirkende Melodie, zu der noch kein Text vorlag, gefiel der späteren Siegerin des heutigen Eurovision Song Contest nicht. „Sie sagte, es passe nicht zu ihrem Stil“, zuckt Chris Andrews auf dem heimischen Sofa sitzend mit den Schultern. Für sich selbst, den aufstrebenden und begeisterten Rock ‘n‘ Roll-Künstler, hätte er einen solchen Song natürlich auch nicht komponiert. Als aber weitere Künstler das Angebot ablehnten und ihn Freund Bill Wyman, immerhin Bassist der Rolling Stones, ermunterte, das Stück selbst aufzunehmen, entschied er sich dafür und schrieb den passenden Text über die Beziehung zu einer früheren Partnerin.

„Eigentlich hatte ich gedacht, dass Yesterday Man auf der B-Seite der Schallplatte landet. Auf der anderen Seite war mein Song Too Bad You Don‘t Want Me, ein richtig geiles Rock ‘n‘ Roll-Stück. Aber die Plattenfirma hatte wohl schon geahnt, dass Yesterday Man erfolgreicher wird“, erzählt Chris Andrews. Innerhalb von 24 Stunden seien bereits 50.000 Platten verkauft worden und dem heutigen Wahl-Olfener wurde klar, dass sich sein Leben und seine Musik von nun an verändern würden.

Chris Andrews steht lächelnd an einer Bank, im Hintergrund Natur.Popstar Chris Andrews zieht es in Olfen häufig in die nahen Steverauen.© Jura Weitzel

Kein Auftritt ohne Yesterday Man

Wie oft er seitdem „Yesterday Man“ auf den Bühnen dieser Welt gesungen hat, kann er nicht mehr zählen. Auch wenn er gar nichts dagegen einzuwenden hätte, bei manchen Konzerten auf seinen ersten großen Hit zu verzichten, wird das vom Publikum nicht geduldet. „Die Leute erwarten, dass ich das singe, und skandieren dann schon „Yesterday Man, Yesterday Man“, deswegen singe ich den Song auch jedes Mal“, schmunzelt Chris Andrews.

Ähnliches gilt für „Pretty Belinda“, den Song über eine hübsche Frau, die im Bootshaus am Fluss wohnt, und die weiteren großen Pop-Hits. Zwischendurch muss aber noch Zeit für etwas Rock ‘n‘ Roll sein, dann spielt Chris Andrews mit Leidenschaft die großen Songs von Chuck Berry und Jerry Lee Lewis.

Mehr als 700 Songs

Auch nach dem Aufschwung für seine eigene Karriere komponierte Andrews weiterhin für nationale und internationale Künstler wie Agnetha Fältskog von ABBA, Cher oder Suzi Quatro. Bis heute sind so mehr als 700 Songs aus seiner Feder zusammengekommen, die er in seinem mit mehreren seiner Auszeichnungen dekorierten Tonstudio im Olfener Keller entwirft. „Wenn Chris im Autoradio einen Song von anderen Künstlern, den er geschrieben hat, hört, dreht er sofort die Musik lauter. Wenn er aber einen seiner Songs hört, dreht er leiser“, erzählt Ehefrau Alexandra. Seine eigenen Lieder habe er schon zu oft gehört, meint der Sänger dazu nur.

Alexandra Andrews war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Yesterday Man“ noch nicht geboren. „Mit sechs Jahren habe ich auf dem Plastikplattenspieler die ersten Chris-Andrews-Hits gehört. Mein Vater war Fan und es war supercool, als er mich mit 11 Jahren zum Konzert mitgenommen hat. Da sind Chris und ich uns zum ersten Mal begegnet“, erinnert sich die heute 50-jährige Reittherapeutin. Dass die beiden einmal 2007 in Cappenberg heiraten würden, war damals noch nicht abzusehen. „Gestern hatten wir unseren 19. Hochzeitstag“, erzählt die damalige Braut im gemeinsamen Gespräch, während Chris Andrews plötzlich auffällt, dass er diesen Jahrestag am Vortag offenbar vergessen hat.

Alexandra und Chris Andrews gehen Hand in Hand spazierenVor 19 Jahren haben Chris und Alexandra Andrews in Cappenberg geheiratet. Die 50-Jährige ist heute auch seine Managerin.© Jura Weitzel

Freude zwischen Stall und Auen

Das Paar wollte durch den Umzug von Selm nach Olfen bewusst „sich das Leben einfacher machen“, wie beide im Gespräch mit dieser Redaktion im Sommer 2025 erzählten. Besonders das Damwild in den nahen Steverauen freut sich immer, wenn die beiden vorbeikommen. Die Idylle der münsterländischen Kleinstadt und die Unterstützung seiner Frau beim Füttern der Pferde im Stall auf dem Hof Wiemers bedeuten aber nicht, dass Chris Andrews beim Komponieren kürzertritt. „Die Leute wollen immer Songs haben, no chance“, meint der 83-Jährige nur zur Frage, ob er irgendwann mal aufhören will.

Noch in diesem Jahr wird Chris Andrews zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder einen neuen Song veröffentlichen. Das Stück mit dem Titel „Nothing to lose“ hat einen ernsten Hintergrund. Ein langjähriger Gitarrist, mit dem er auf Tour war, ist während der Corona-Pandemie gestorben. „Eigentlich wollte Chris das Lied schon früher veröffentlichen, aber es war emotional zunächst für ihn noch zu schwierig“, weiß Alexandra. Wie eng der Musiker und seine alten Bandkollegen nach den gemeinsamen Jahrzehnten verbunden sind, zeigt auch eine Anekdote aus dem vergangenen Herbst.

Chris Andrews am Tiergehege mit Reh, das ihm sein Maul entgegenstreckt, Alexandra Andrews beobachtet lächelndDas Damwild in den Olfener Steverauen weiß, dass Chris Andrews häufig Futter mitgebracht hat.© Jura Weitzel

Geburtstagsparty statt Umzug

Während das Ehepaar Andrews noch mit dem Umzug nach Olfen beschäftigt war, kündigten die Musikerkollegen und -freunde von Chris Andrews an, am 15. Oktober, seinem Geburtstag, vorbeizukommen. „Die sind dann mit Instrumenten gekommen und haben bis halb fünf morgens gespielt. Wie das bei den neuen Nachbarn angekommen ist, weiß ich nicht“, schmunzelt Alexandra Andrews.

Wer Chris Andrews beim Flashmob auf dem Olfener Marktplatz am 1. August erlebt hat, weiß, dass die Energie der Liveauftritte bei ihm auch im Alter nicht nachlässt, trotz des immer wiederkehrenden Lampenfiebers. An keinem Konzertabend darf „Yesterday Man“ im Programm fehlen. Mit den Zufällen, die zu dieser Pop-Karriere führten, geht der verhinderte Rock ‘n‘ Roll-Star heute ziemlich gelassen um. Vor kurzem erst habe er durch Zufall erfahren, dass Sandie Shaw, mit der er heute immer noch in Kontakt ist, bereits 1967 in einer TV-Show in Bratislava „Yesterday Man“ mit dem Original-Text doch gesungen hat. „Mir hat sie das gar nicht erzählt, aber das braucht sie auch nicht“, meint Chris Andrews. So ist „Yesterday Man“ seit nunmehr 60 Jahren das Lied, das er selbst auf allen Bühnen spielt und den Lauf seines Lebens entscheidend beeinflusst hat.

Chris Andrews mit Sonnenbrille und Mikrofon innerhalb einer MenschenmengeChris Andrews zeigte beim Flashmob auf dem Marktplatz in Olfen, welche Energie er bei seinen Auftritten auch mit 83 Jahren mitbringt.© Jürgen Weitzel

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich am 5. August 2026.