Ende Juni 1957 beginnt europaweit eine kurze Hitzewelle. In Karlsruhe steigen die Temperaturen auf über 30 Grad, Anfang Juli erreichen sie 37 Grad. Die Schüler haben hitzefrei, aus allen Großstädten meldet die Getränkeindustrie einen seit Jahren nicht mehr gekannten Rekordbetrieb und das neue Kühlschrankgeschäft boomt. Auch die Polizei darf ihre Jacken und Handschuhe ausziehen.

Hitzewelle in Karlsruhe. (Archivbild)

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Hitzewelle in Karlsruhe. (Archivbild)
Foto: Thomas Riedel

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Hitzewelle in Karlsruhe. (Archivbild)
Foto: Thomas Riedel

Die Polizei darf die Jacke ausziehen

Am letzten Wochenende im Juni erlebt Europa eine brütende Hitze. In London gibt es Temperaturen, die seit acht Jahren nicht mehr vorgekommen sind. Anfang Juli geht es weiter, mit bis zu 35 Grad im Schatten in Berlin. Die Anzahl der Todesopfer beim Baden steigt.

Den Uniformträgern der Polizei, Bundesbahn, Bundespost und Straßenbahn wird die sogenannte „Marscherleichterung“ gestattet – das heißt, sie dürfen auf Jacken, Schärpen und Handschuhe verzichten. Die Mütze muss weiterhin getragen werden.

Polizei Karlsruhe. (Symbolbild)

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Polizei Karlsruhe. (Symbolbild)
Foto: Thomas Riedel

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Polizei Karlsruhe. (Symbolbild)
Foto: Thomas Riedel

Mit den steigenden Temperaturen verzeichnet der Kühlschrankmarkt einen Umsatzanstieg, der weit über dem im gleichen Zeitraum des Vorjahres verzeichneten Anstieg liegt. Bislang besitzen nur 16 Prozent der westdeutschen Haushalte einen Kühlschrank, doch die Hitzewelle hat eine starke Nachfrage ausgelöst.

Trotz der Hitzewelle beginnen die diesjährigen Badischen Tennismeisterschaften auf den Plätzen des Karlsruher Eislauf- und Tennisvereins.

Die Kinder haben hitzefrei

In der ersten Juliwoche haben sowohl die Karlsruher Oberschulen als auch die Volksschulen ihre Schüler um 12 Uhr nach Hause geschickt. Ein Erlaß des Kultusministeriums vom April 1956 gibt vor, dass der Unterricht ab 12 Uhr beendet werden darf, „wenn der Unterrichtserfolg wegen drückender Hitze in Frage gestellt ist“. Diese drückende Hitze liegt vor, wenn in den Schulräumen um 10 Uhr 23 Grad im Schatten gemessen wird.

Fichte-Gymnasium in Karlsruhe. (Archivbidl)

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Fichte-Gymnasium in Karlsruhe. (Archivbidl)
Foto: Ronald Wittek, dpa

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Fichte-Gymnasium in Karlsruhe. (Archivbidl)
Foto: Ronald Wittek, dpa

Ein Mädchengymnasium hat eine andere Methode versucht – die Schule beginnt eine Viertelstunde früher und so gibt es entsprechend früheren Schulschluss. Jetzt überlegen sich die Direktoren der Karlsruher Gymnasien, ob der Unterrichtsbeginn in den kommenden Wochen um eine Stunde vorverlegt werden könnte. Dieser Vorschlag wird nicht überall begrüßt, da man Bedenken hat, dass die Schüler dann eine Stunde weniger schlafen würden – sie werden bei dieser Hitze bestimmt nicht früher ins Bett gehen.

Das Stadtschulamt entscheidet, dass während der Hitzeperiode alle Klassen jeden Vormittag mindestens zwei Stunden Unterricht haben. Das bedeutet, dass auch die Klassen, die vorwiegend nachmittags Unterricht haben und infolge der „hitzefrei“ Regel gar keinen Unterricht hätten, zumindest morgens im Unterricht sind.

Enorme Mengen an Getränken müssen geliefert werden

In fast allen Betrieben der Getränkeindustrie in Karlsruhe muss in drei Schichten gearbeitet werden, um die enormen Mengen an Getränken zu liefern, die in dieser Hitzephase gebraucht werden. Die Produktion ist in vielen Betrieben mehr als verdoppelt – es wird erwartet, dass die Temperaturen über 35 Grad steigen. In vielen Gaststätten gehen die alkoholfreien Getränke aus, da der Konsum so stark ist.

Zusätzlich zu 30 eigenen Lastwagen sind bei einer der großen Brauereien seit Tagen fünf 12-Tonnen-Mietfahrzeuge im Einsatz, um das Bier zu transportieren. Bei den Brauereien ist auch die Nachfrage nach Stangeneis sehr groß. Die meisten Gaststätten haben längst auf elektrische Kühlschränke umgestellt und viele Leute holen dort Eis.

Erfrischung im Sommer im Rheinstrandbad Rappenwört.

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Erfrischung im Sommer im Rheinstrandbad Rappenwört.
Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger 1957 A 4 127/2/24

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Erfrischung im Sommer im Rheinstrandbad Rappenwört.
Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger 1957 A 4 127/2/24

In einer Getränkefabrik in der Nähe von Neureut wird auch in drei Schichten gearbeitet – hier werden stündlich 5000 Flaschen abgefüllt. Hier und auch in einem großen Betrieb in Durlach werden Studenten eingesetzt, um auszuhelfen.

Die Trinkwasserversorgung ist gefährdet

In früheren heißen Sommern war der Rekordverbrauch von Trinkwasser in Karlsruhe 70 Millionen Liter am Tag. Am 4. Juli war der Tagesgesamtverbrauch in Karlsruhe auf 92 Millionen Liter gestiegen. In vielen deutschen Städten herrscht bereits Wassermangel, oder die Wasserversorgung ist sogar völlig zusammengebrochen. Die Karlsruher Wasserwerke bitten die Bevölkerung, Wasser zu sparen.

Während in manchen Städten die unnötige Verschwendung von Wasser bestraft wird, vertraut man in Karlsruhe auf die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein der Karlsruher Bürger, Wasser nur für lebenswichtige Zwecke zu benutzen. Die großen Brunnen und Wasserspiele bleiben in Betrieb, weil das keine Wasserverschwendung ist – sie werden im Umlaufverfahren betrieben.

Hitze in Karlsruhe am 29. Juli 2026.

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Hitze in Karlsruhe am 29. Juli 2026.
Foto: Paul Mayer

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Hitze in Karlsruhe am 29. Juli 2026.
Foto: Paul Mayer

Das Miniatur-Pumpwerk in Durlach, errichtet 1956 im Durlacher Wald neben dem alten Wasserwerk I, rettet die Wasserversorgung von Durlach und liefert täglich eine Million Liter Trinkwasser nach Durlach. Seit Anfang der Hitzewelle arbeitet das Werk auf vollen Touren.

Pro Kopf und Tag 409 Liter

Der bisherige Jahresdurchschnitt lag bei 240 Liter pro Kopf und Tag, aber während dieser Hitzewelle liegt er bei 409 Liter Wasser pro Kopf und Tag. Das bedeutet nicht, dass jede Person täglich 400 Liter konsumiert – diese Durchschnittszahl beinhaltet auch den gewerblichen Verbrauch, der entsprechend berücksichtigt wird. Diese Zahl spiegelt jedoch die Leistung der Wasserversorger während dieser heißen Tage wider. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten hat die Karlsruher Trinkwasserversorgung nicht versagt.