Sprengstoff-Drohne

Aktualisiert am 11.08.2026, 10:48 Uhr

Eine Spur führt über die Drohne in Leipzig zu dem Anschlag auf ein DHL-Zentrum 2024.
© IMAGO/EHL Media

Am Flughafen Leipzig wurde eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt. Neue Recherchen decken nun auf: Ein Beschuldigter aus dem DHL-Brandsatz-Fall soll bereits 2024 Drohnenteile nach Deutschland geschmuggelt haben.

Der Fund einer sprengstoffbeladenen Drohne am Flughafen Leipzig/Halle vergangene Woche hat die deutschen Sicherheitsbehörden aufhorchen lassen. Entdeckt wurde die Drohne in unmittelbarer Nähe ukrainischer Antonow-Transportmaschinen, über die am Vortag Munitionslieferungen für die Ukraine abgewickelt worden waren.

Jetzt bringen gemeinsame Recherchen von „Süddeutscher Zeitung“ (SZ), NDR und WDR eine brisante Verbindung ans Licht. Derselbe Mann, der im sogenannten DHL-Brandsatz-Fall 2024 Pakete mit Brandsätzen transportierte und scharf stellte, soll im Sommer desselben Jahres auch Drohnenteile und SIM-Karten nach Deutschland geliefert haben – also jene Technik, die auch zur Steuerung der in Leipzig sichergestellten Sprengstoffdrohne benötigt wird.

Aufträge von einem anonymen „Warrior“ aus Russland

Bei dem Mann handelt es sich um Wladislaw D., ein junger Ukrainer. Er koordinierte seine Fahrten laut Ermittlungsakten detailliert mit einem anonymen Auftraggeber über den Messenger-Dienst Telegram. Dieser nannte sich „Warrior“ – hinter dem Pseudonym vermuten die Ermittler einen Mann namens Aleksej K. aus dem russischen Krasnodar, wie die SZ berichtet.

Im Juli 2024 erhielt D. demnach einen ungewöhnlichen Auftrag: Im litauischen Kaunas sollte er unter anderem auf einem Friedhof Maisdosen, Drohnen-Propeller und ein Gestell aus Plastikrohren ausgraben. Für umgerechnet 2.000 Euro transportierte er die Funde ins polnische Lodz. Im Verhör nach seiner späteren Festnahme bezeichnete D. die Gegenstände als „Elektroschrott“. Polnische Ermittler hegten dagegen einen ganz anderen Verdacht: In den Dosen könnte sich Sprengstoff befunden haben. In einer passenden Halterung montiert, ließen sich Drohnen damit in fliegende Bomben verwandeln – eine Methode, die auch im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zum Einsatz kommt.

Die Parallele zum aktuellen Leipziger Fund ist frappierend: Auch an der dort entdeckten Drohne soll eine mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllte Konservendose befestigt gewesen sein.

Schmuggler hatte wohl Hilfe in Deutschland

Am 12. Juli 2024 grub D. den Recherchen zufolge auf demselben Friedhof in Kaunas eine weitere Lieferung aus – diesmal bestimmt für Deutschland: Drohnen-Propeller und eine Halterung mit Plastikrohren. Unterwegs lud er zusätzlich zwei Redmi-Telefone, fünf Play-SIM-Karten und ein Laptop-Ladegerät ein – Gegenstände, die auch zur Fernsteuerung von Drohnen genutzt werden können.

An der polnisch-deutschen Grenze geriet D. in eine Polizeikontrolle. Sein Auftraggeber „Warrior“ reagierte laut den Chatprotokollen mit einem einzigen Wort: „Scheiße“. Doch die Beamten ließen den Kurier passieren. „Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche Verdachtsmomente hatten“, schrieb D. anschließend an seinen Auftraggeber. Die Lieferung gelangte unbehelligt nach Düsseldorf.

Besonders brisant: D. war in Deutschland offenbar nicht auf sich allein gestellt. Polnische Ermittler gehen davon aus, dass bislang nicht identifizierte Personen dort auf ihn warteten. Zudem hatte jemand Drohnenpropeller in einem Gebüsch nahe Bahngleisen für ihn deponiert, die D. auf dem Rückweg nach Polen mitnahm. Der Ukrainer gestand sämtliche Transporte – doch wer seine Helfer in Deutschland waren, ist nach wie vor ungeklärt.

Waren die Fahrten Testläufe für Anschläge?

Die zentrale Frage der Ermittler lautet nun: Handelte es sich bei den Lieferungen um Vorbereitungen für künftige Anschläge mit Sprengstoffdrohnen? Im DHL-Fall gehen die Behörden bereits davon aus, dass Beschuldigte Pakete in die USA verschickten, um Transportrouten für Sprengstoff zu testen – ein tatsächlicher Anschlag erfolgte dort jedoch nicht. Andere Experten deuten die Aktionen als Machtdemonstration, mit der die Hintermänner die Reichweite ihres Netzwerks unter Beweis stellen wollten. Mindestens 20 Personen sollen in den DHL-Fall verwickelt gewesen sein, in Polen und Litauen stehen zehn Beschuldigte vor Gericht.

Auch zwei weitere Beschuldigte aus dem DHL-Fall hielten sich 2024 in Deutschland auf und reisten nach Frankfurt am Main. Was sie dort genau taten, bleibt unklar. Deutsche Ermittler sollen 2024 und 2025 mehrere Gebäude durchsucht und Personen befragt haben, fanden aber wohl keine Beweise für Straftaten. Einer der beiden Männer gab an, sie seien lediglich als Touristen unterwegs gewesen, so die SZ. Beide stehen derzeit noch wegen der verschickten Brandsätze vor Gericht.

Gegen „Warrior“ erheben die Ermittler zusätzlich den Vorwurf, für einen Brandanschlag auf einen litauischen Ikea-Markt verantwortlich zu sein. Er und weitere mutmaßliche Drahtzieher wurden bislang nicht gefasst.

DNA-Spur verbindet Leipzig-Drohne mit DHL-Fall

Dass der aktuelle Drohnenfund und die Brandsatz-Serie von 2024 zusammenhängen könnten, stützt auch ein weiterer Befund: Wie die „Bild“ berichtete, wurde an der Leipziger Drohne eine DNA-Spur gesichert, die identisch mit einer Spur vom Brandanschlag auf das DHL-Logistikzentrum im Juli 2024 sein soll. Für jene damalige Serie von Paket-Brandsätzen sehen europäische Ermittler eine Verbindung zum russischen Militärgeheimdienst GRU.

Ein Überwachungsvideo zeigt laut der „Zeit“ zudem, wie die Drohne direkt auf ein ukrainisches Frachtflugzeug zuflog, auf dessen Tragfläche einschlug und zu Boden fiel. Warum der Sprengsatz dabei nicht detonierte, ist bislang ungeklärt.

Bundesregierung rüstet Drohnenabwehr auf

Die Bundesregierung reagierte auf den Vorfall vergangene Woche mit einem Ausbau der Abwehrkapazitäten. So soll die Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei von 130 auf 300 Einsatzkräfte aufgestockt und künftig von acht statt vier Standorten aus operieren. Das heißt, an allen acht Großflughäfen – darunter Frankfurt, München, Berlin und Leipzig/Halle – sollen die Kräfte der Bundespolizei mit mobiler Drohnenabwehrtechnik ausgestattet werden.

Eine Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren wies das Verteidigungsministerium hingegen zurück. Die zu schützenden Flächen seien schlicht zu groß, als dass die Streitkräfte dies leisten könnten. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte zuvor eine Grundgesetzänderung ins Gespräch gebracht, um die Bundeswehr bei der Drohnenbekämpfung einsetzen zu können – der SPD-Außenpolitiker Ralf Stegner hielt dem entgegen, dass es dafür derzeit weder die nötige Mehrheit noch eine zwingende Notwendigkeit gebe.

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Experte: Deutschland fehlt ein gemeinsames Lagebild

Wie verwundbar Deutschland gegenüber Drohnenangriffen tatsächlich ist, verdeutlichte Jan-Eric Putze, Geschäftsführer des Unternehmens Droniq – einem Gemeinschaftsunternehmen von Deutscher Telekom und Deutscher Flugsicherung.

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Es fehle vor allem an einem System, das den Flugverkehr von Drohnen und anderen Flugobjekten in einem gemeinsamen Lagebild sichtbar mache. „Nur wer die Situation kennt, kann fundierte Entscheidungen treffen“, sagte Putze. Technisch sei eine Überwachung auch größerer Räume durchaus möglich – etwa durch das Scannen von Funkfrequenzen, KI-gestützte Kameras und Mikrofone oder Passivradar. Bislang arbeiteten jedoch nur vereinzelte Kommunen an solchen Lösungen. (red)

Verwendete Quellen