5,8 Milliarden. So viele Masken bestellte Jens Spahn in der Coronakrise, ohne dass sie je alle benötigt worden wären. 5,8 Milliarden Schutzbrillen könnte er jetzt beschaffen – und jede einzelne, so scheint es, würde ihm aus der Hand gerissen werden. Ein Euro pro Stück kosteten den Bund die Masken. Jeden Preis könnte er für die Brillen von den Leuten nehmen.
Berlin ist im Sofi-Fieber. Alle wollen plötzlich die Sonnenfinsternis am Mittwochabend schauen. Solch einen Hype gab es wahrscheinlich seit 1999 nicht mehr, als ganz Deutschland foliert den Himmel anstarrte. Nur die Schutzbrillen, die dafür angeraten sind, sind kaum noch zu bekommen.
„Ausverkauft“, „ausverkauft“, „ausverkauft“ steht allerorten an den Ladentüren. Andere machen durch Aushänge deutlich, dass sie nie welche im Sortiment hatten. „Ich habe hier im Fünf-Minuten-Takt Leute, die reinkommen und fragen“, sagt ein freundlicher Mitarbeiter eines Optikers an der Gedächtniskirche. „Ich suche auch noch welche“, sagt ein Verkäufer im Alexa.

Ingo Salmen hat am Dienstagabend selbst noch versucht, an eine Schutzbrille zu gelangen. Vergeblich.
In Berlin ist der Brillen-Notstand ausgebrochen. Wie konnte es so weit kommen?
Es handelt sich, daran kann in der Linken niemand ernsthaft zweifeln, eindeutig um einen Fall von Marktversagen. Wann es eine Sonnenfinsternis gibt, ist Jahrzehnte vorher bekannt, da wird man doch wohl rechtzeitig alle seine Produktivkräfte zusammenreißen können, um ein bisschen Pappe und Folien auszuschneiden und zu verkleben. Der Handel scheint kein lernendes System zu sein: Schon bei der letzten Verschattung vor einem Jahr waren alle Brillen Tage vorher restlos ausverkauft. Wer schreibt jetzt eine Eingabe ans Politbüro?
Wo ist der Regierende Bürgermeister mitten in der Krise?
Erstaunlich, dass Elif Eralp noch nicht die sofortige Enteignung aller Schutzbrillen-Konzerne verlangt hat. Mit Enteignungsforderungen hält sie sich zurück, seit ihre Partei in den Umfragen führt. Warum aber hat Stefan Evers, der selbsternannte „Endgegner vom Schlendrian“, nicht längst Arbeitslose zur Brillenproduktion herangezogen, als sich das Desaster abzeichnete?
Wo turnt der Regierende Bürgermeister schon wieder mitten in der Krise herum? Und hat Franziska Giffey eigentlich inzwischen ein Insta-Video aus der Alten Dorfschule Rudow gepostet, in dem sie vorführt, wie jeder selbst noch schnell mit ein bisschen Liebe seine eigene Brille basteln kann?
Bloß nicht festlegen, aber bloß nichts verpassen
Es hat sich aber auch der perfekte (Sonnen)Sturm zusammengebraut. Die Deutschen müssen mit einer partiellen Sonnenfinsternis Vorlieb nehmen. Wer auf totale Verdunkelung steht, hat bereits einen Flieger nach Malle gebucht, wo sich das Militär auf einen Großeinsatz vorbereitet. Der gemeine Berliner hingegen, jüngst aus dem Urlaub zurückgekehrt, von Waldbränden in Südfrankreich gestählt, von Bullenhitze auf Sardinien gegerbt, schlendert in diesen Tagen lässig durch seine Stadt, hockt vorm Späti oder streicht sich noch einmal über die Hutkrempe, ehe er vor der Bar das Gläschen Vino zum Mund führt.
Irgendwann bekommt er mit, dass da was auf ihn zukommt. Die diversen Medien der Stadt beschallen sein Smartphone verlässlich mit Pushmeldungen voller Veranstaltungstipps und Verhaltenshinweise. Frühzeitig auf einen Partybesuch festlegen, will sich der Berliner ja das ganze Jahr nicht. Wenn aber dann der Wetterdienst noch gute Sicht vorhersagt, will er natürlich auch nichts verpassen – zumal das ganze Spektakel wunderbar in den Feierabend fällt. Und wer lässt in dieser Stadt so eine Party schon aus, kostenlos und ohne Schlangestehen?
Die Solidarität der Berliner
Dann ist’s am Ende wie mit Pandemien und Stromausfällen: Richtig vorbereitet hat sich niemand. Doch in der größten Krise ist auf die Solidarität der Berlinerinnen und Berliner immer noch Verlass. Wie wäre es, wenn Jung und Alt am Mittwochabend zusammenstehen und aufeinander Acht geben, dass niemand mit bloßen Augen auch nur mal verstohlen in die Sonne blinzelt, dafür aber die wenigen Schutzbrillenbesitzer ihr Exemplar nach und nach herumreichen?
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Eine Illusion? Dann muss eben doch Jens Spahn ran. Die nächste totale Sonnenfinsternis in Deutschland ist am 3. September 2081. Bis dahin schaffen wir das.