Es war mehr ein Raunen als eine Schuldzuweisung. Als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt in der vergangenen Woche seinen Urlaub unterbrechen musste, weil am Flughafen in Leipzig eine mit Sprengstoff bestückte Drohne aufgetaucht war, hütete sich der erfahrene Politiker, schnelle und klare Schuldzuweisungen auszusprechen. Mit größtmöglicher Zurückhaltung formuliert er seine Analyse und spricht von einem „hybriden“ Angriff „fremder Mächte“. Doch wer sind diese fremden Mächte? War es Russland? Inzwischen wird längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand über den möglichen Urheber spekuliert. Und die amerikanischen Geheimdienste scheinen ebenfalls entsprechende Hinweise zu haben.
Das Wall Street Journal schreibt unter Berufung auf Geheimdienstberichte, dass die Drohne mit Sprengstoff wahrscheinlich der russischen Regierung gehöre. Der US-Sender CNN zitiert einen US-Verteidigungsbeamten in Europa mit der Aussage, die USA seien zum Schluss gekommen, dass die Drohne von einem russischen Geheimdienst sei. Beide Medien gehen sogar noch einen Schritt weiter: Sie sehen den Angriff im Zusammenhang mit Geheimdienstanalysen, die davon ausgehen, dass Russland innerhalb der nächsten Jahre ein Nato-Land angreifen könnte. Laut diesen internen Quellen testet Putin mit kleinen Angriffen den Zusammenhalt der Nato und beobachtet die Reaktion der USA.
Bundesregierung hält sich im Drohnenfall weiter zurück
Die Bundesregierung bleibt indes bei ihrer Zurückhaltung. Das Ziel dahinter dürfte klar sein: Sie will sich nicht weiter in den Krieg zwischen Russland und der Ukraine ziehen lassen, vermeidet jeden Schritt, der eine Reaktion Moskaus wahrscheinlich machen würde – und jeden Schritt, der eine klare politische Antwort Deutschlands, Europas und der Nato zwingend machen würde. So wird der Drohnenvorfall zur juristischen statt zur politischen Angelegenheit. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr. Gleichzeitig soll die neue Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei deutlich größer werden als bisher geplant und auf 300 Kräfte anwachsen.
„Ich kann die Bundesregierung noch verstehen, wenn sie vorsichtig ist, aber irgendwann muss klar gesagt werden, dass Russland dahintersteckt“, kritisiert Joachim Krause, Direktor emeritus des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. „Mir fallen sonst keine fremden Mächte ein, die so etwas auf unserem Boden durchführen.“ Berlin müsse reagieren, und „zwar nicht nur mit einer Verdoppelung der bescheidenen Drohnenabwehrfähigkeiten der Bundespolizei“, sondern mit deutlich mehr Kapazitäten und auch mit Aktionen, die Russland wehtun.
Kreml schiebt Verdacht im Fall Leipzig auf die Ukraine
Im Kreml weist man die Vorwürfe unterdessen zurück und versucht, den Verdacht auf die Ukraine zu lenken. Es werde versucht, antirussische Hysterien in Deutschland zu schüren. Tatsächlich wären Sabotageversuche unter „falscher Flagge“ in einem Krieg, in dem eine der Parteien massiv von ausländischer Unterstützung abhängt, durchaus möglich. Als warnendes Beispiel gilt unter anderem der Sprengstoffanschlag auf die Gaspipeline Nord Stream 2. Schon früh hatten sich Experten festgelegt, dass dies nur aus Moskau gesteuert sein könnte. Inzwischen ist klar, dass ein Ukrainer Kopf der Angreifer war.
Und doch sprechen im Fall des Drohnenangriffs von Leipzig durchaus viele Indizien für eine russische Täterschaft. Die Technik war professionell, der Sprengstoff wird üblicherweise von Militärs genutzt, das Ziel war eine ukrainische Frachtmaschine, die laut Medienberichten sogar Kriegsmaterial an Bord hatte. Der Kreml, so Sicherheitsexperte Krause, führe zudem unter Präsident Wladimir Putin schon lange einen nicht-linearen Krieg gegen Deutschland, der bei Desinformationskampagnen und der Unterstützung rechtspopulistischer Parteien beginne und in verschiedenen Formen der hybriden Kriegführung seine Fortsetzung finde. „Wobei das Gewaltniveau stets gesteigert wird, je nachdem, wie die Reaktionen unserer Seite ausfallen“, warnt er.
Drohnen-DNA aus Leipzig taucht auch in Litauen auf
Einer, der schon früh Moskau im Verdacht hatte, war Roderich Kiesewetter, Militärexperte der CDU im Bundestag. „Modus operandi, Technik, Zeitpunkt und Zielsetzung passen in das Muster Russlands“, erklärt er seine Beweggründe. Weil Russland militärisch in der Ukraine nicht vorankomme, versuche es seine Ziele auf anderen Wegen zu erreichen. „Hybride Angriffe haben deshalb als Zielsetzung auch immer eine psychologische Komponente“, sagt der Abgeordnete. „Russland will uns dazu bringen, auf Appeasement – im Prinzip Unterwerfung – zu setzen.“ In ganz Europa sei derzeit zu erkennen, dass Russland seine hybride Kriegsführung ausdehne. Dazu zählt Kiesewetter die Explosion einer russischen ballistischen Rakete in Polen, die Zerstörung eines rumänischen Wohnhauses mit Toten durch eine russische bewaffnete Drohne, die Zerstörung eines lettischen Elektrizitätswerks durch eine von Russland umgeleitete ukrainische Drohne sowie Morddrohungen gegen die Inhaber deutscher Rüstungsfirmen.
Im Fall Leipzig könnte zumindest ein weiteres Puzzleteil für Klarheit sorgen: Auf der Drohne sind Spuren von DNA gefunden worden. Nach Informationen der Wochenzeitung Zeit wurde dieselbe DNA schon einmal in Litauen registriert.