„Das Wasser überspülte die Wurzeln am Ufer, stürzte über eine Treppe hinab und wurde weiß aufschäumend über den Bruchsteinen zu Gischt verarbeitet. Ich bin frei, dachte er, während er Brot und Käse abschnitt und aß. Seit er in der Bandfabrik wohnte, fühlte er sich, als ob ihm Flügel gewachsen wären.“ So schreibt Dietrich Rauschtenberger in seinem im Juni veröffentlichten Roman „Blanck steigt aus“ über eine Szene in den 1980er Jahren. Das Schreiben war nur eines seiner Talente. Der Autor und Musiker ist am Sonntag nach schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren gestorben.

Ob sein Roman, der bei Books on Demand erschien, ein Vermächtnis ist, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Und doch trägt die Geschichte über einen Lehrer, der seinen Beruf hasst und von einem Leben als Jazzmusiker träumt, autobiografische Züge. Rauschtenberger betont in der Vorrede, der Roman spiele in Schmulch, einer fiktiven Stadt zwischen Hagen und Wuppertal. Das reale Schwelm war seine Heimat, Wuppertal sein musikalischer Wirkungskreis, ein Jazzclub im Stadtteil Langerfeld eine seiner ersten Spielstätten.

Geboren 1939, führte er als Lehrer und junger Familienvater ein zunächst bürgerliches Leben – auch wenn ihn das Schlagzeug und der Jazz begeisterten. Zusammen mit den Wuppertaler Musikern Peter Kowald und Peter Brötzmann gehörte er in den 1960er-Jahren zu den Mitbegründern des Free Jazz in Europa. Rainer Widmann kann sich daran noch gut erinnern: „Ich war in der Börse für das Jazzprogramm verantwortlich und habe viele Konzerte für ihn organisiert“, erzählt Widmann, der im Laufe der Jahre eine Freundschaft mit Rauschtenberger entwickelte. „Ein kritischer und streitbarer Mensch, der sich gern provokativ gab, um andere herauszufordern.“ 1976 erschien seine erste Langspielplatte mit der Band „Open Field Music“ und er tourte mit unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern. „Vor einigen Jahren hat er bei Wolfgang Schmidtke noch das Saxofonspiel gelernt“, erzählt Widmann. Doch ihn auf die Musik zu reduzieren, wäre einseitig. Rauschtenberger war ein Multitalent. Er schrieb Hörspiele, wirkte im Theater mit und brachte 1979 sein Romandebüt „Heute ist morgen gestern“ heraus. Weitere Bücher folgten. Bis zu seinem letzten Werk, das in seiner melancholischen Philosophie wie eine Bilanz wirkt – und Fragen aufwirft, die sich vielleicht nie ganz beantworten lassen: Habe ich die Wahl, wie mein Leben aussehen wird? Oder ist es von Beginn an Bestimmung? Wie viel Wahrheit kann die Liebe ertragen? Und was ist eigentlich ein Gewissen?

„Er war klar im Kopf und hat bis zum Schluss getippt“, erinnert sich Widmann bewegt. Gemeinsam mit seiner Frau Brigitte, dem Bassist Klaus Harms und Querflötistin Tanja Kreiskott machte Rauschtenberger vor Kurzem noch seine letzten Musikaufnahmen.