Die Zeitreise mehr als 150 Jahre zurück kann beginnen, wenn man den richtigen Winkel gefunden hat. Wer sich unter das Aussichtsrohr am Quai de Southampton in Le Havre stellt, erkennt vor sich zunächst den heutigen Industriehafen mit seinen Verladekränen, Containerterminals, Silos und Rohrleitungen. Doch ein Blick hinauf in das Periskop zeigt diesen Ort, wie ihn Claude Monet einst sah. Hier erscheint jene Perspektive, die sich dem Maler an einem kühlen Novembermorgen im Jahr 1972 kurz nach Sonnenaufgang bot.

In Le Havre entdeckte Claude Monet die Freiluftmalerei für sich

Es handelte sich schon damals um einen geschäftigen Hafen: Dampfschiffe lagen im Wasser, dazwischen erhoben sich die Masten der Segelschiffe, während Rauchfahnen aus den Schornsteinen der Dampfer stiegen. All das bildet das runde Rohr ab, das der Künstler Guillaume Aubry im Rahmen des Straßenkunst-Festivals „Un été au Havre“ („Ein Sommer in Le Havre“) am Ufer aufgestellt hat.

Monet verarbeitete diesen Ausblick von seinem Balkon im „Hôtel de l’Amirauté“ („Hotel der Marineverwaltung“) seinerzeit nicht fotografisch genau, sondern mit jenem für ihn so charakteristischen Stil, indem er das Motiv sanft verfremdete. Auf seinem Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ („Impression, soleil levant“) lassen sich die industriellen Anlagen im Hintergrund erahnen. Davor schimmert das Wasser auf faszinierend plastische Weise. Tiefschwarze Silhouetten in Booten setzen sich vom farbigen Hintergrund ab.

Das Hafenbecken von Le Havre - gemalt von Claude Monet.

Icon vergrößern

Das Hafenbecken von Le Havre – gemalt von Claude Monet.
Foto: MBA Liege La Boverie

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Das Hafenbecken von Le Havre – gemalt von Claude Monet.
Foto: MBA Liege La Boverie

Mit seiner Installation geht der Künstler Aubry einen Dialog mit Monet ein, spiegelt das Damals im Heute. Sein Werk ist bewusst im Jahr des 100. Todestages von Claude Monet entstanden. Der Ausnahme-Maler starb am 5. Dezember 1926 im Alter von 86 Jahren. Verbunden wird er mit mehreren Orten: mit Paris, wo er geboren wurde und später in Maler-Kreisen verkehrte; mit den Pariser Vororten Argenteuil und Vétheuil, wo er ebenfalls einige Jahre lang lebte, unermüdlich malte. Besonders prägend war das Dörfchen Giverny in der Normandie. Hierhin zog Monet im Alter von 43 Jahren, um weitere 43 Jahre dort zu leben. Mit seinem üppig bepflanzten Garten und einem Seerosenteich schuf er sich dort eine nie versiegende Quelle an romantischen Natur-Motiven.

In Le Havre entdeckte Monet seine Begeisterung fürs Malen

Aber eben auch Le Havre. 30 Jahre verbrachte er hier, zwischen seinem fünften und 35. Lebensjahr. Hier entdeckte er als Heranwachsender seine Begeisterung für das Zeichnen und das Malen. „Diese Jahre waren entscheidend für die Ausgestaltung von Monets Blick auf die Natur und seine Technik“, erklärt die Museums- und Fremdenführerin Anne-Charlotte Perré. „Als Jugendlicher streifte er durch die Landschaften in der Umgebung, wo er Inspiration fand. Die Nähe zur Natur sollte er nie aufgeben.“

Einblicke in diese frühe Phase seines Lebens und Schaffens verleiht das örtliche Museum für Moderne Kunst André Malraux (MuMa) zurzeit mit der Sonderausstellung „Monet in Le Havre“. Das moderne, weitläufige Gebäude mit Öffnung zum Meer hin befindet sich nur 300 Meter von jener Stelle am Quai de Southampton entfernt, wo einst das „Hôtel de l‘Amirauté“ stand.

Bereits in seinen frühen Zeichen-Entwürfen ließ der junge Oscar-Claude, der erst später den ersten Teil seines Vornamens ablegen sollte, eine feine Beobachtungsgabe erkennen. Zunächst spezialisierte er sich auf Karikaturen, die ihm etwas Geld einbrachten. Eine künstlerische Ausbildung erhielt der Junge nicht, der in einem großbürgerlichen Haushalt aufwuchs und die Geschäfte seines Vaters, des Handelskaufmanns Adolphe Monet, übernehmen sollte. Doch Monet wählte lieber den prekären Weg des Künstlers, unterstützt von seiner Tante Marie-Jeanne Lecadre, mehreren Mäzenen, später auch von seinem Bruder Léon, einem kenntnisreichen Kunstsammler.

Claude Monet in seionem Garten.

Icon vergrößern

Claude Monet in seionem Garten.
Foto: dpa

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Claude Monet in seionem Garten.
Foto: dpa

Eine entscheidende Begegung war jene mit Eugène Boudin. Der Maler erkannte sein Talent, sprach ihn an und ermutigte ihn, sich der Malerei nach der Natur unter freiem Himmel zu widmen. Zunächst nur widerwillig begleitete ihn der damals 18-jährige Monet auf die Anhöhen oberhalb von Le Havre. Er beobachtete den Maler, wie er seine Staffelei aufstellte, seine Farben auspackte und begann, direkt vor dem Motiv zu malen: den Himmel und die Wolken, das Meer, die wechselnden Lichtstimmungen. Dieser Moment gilt als Erweckungserlebnis von Monet. „Es war, als würde ein Schleier zerrissen“, sagte er später. „Ich verstand, was Malerei sein konnte.“

Schließlich zog es Claude Monet nach Giverny

Im MuMa hängen Bilder beider Männer, des Mentors und seines Schützlings, nebeneinander: ein Motiv, zwei Interpretationen, trotz vieler Ähnlichkeiten. Die Pastelltöne, die tiefe Horizontlinie, die dem Himmel einen zentralen Raum verleiht, das Nachzeichnen der Wolkenbewegungen und die Transparenz des Wassers – Monet hatte zu dieser Zeit schon einige seiner wichtigsten Leitmotive gefunden, die er weiter ausbauen sollte. Später wurden sie zu Merkmalen des Impressionismus. Auch die sanfte Verfremdung des Motivs durch unscharfe Umrisse gehört dazu.

Ab den 1860er-Jahren ging Monet nach Paris, wo er weitere junge Künstler wie Pierre-Auguste Renoir, und Alfred Sisley kennenlernte. 1870 heiratete er Camille Doncieux, ein Modell. Einige Jahre später zog das Paar nach Argenteuil im Nordwesten von Paris. Es war eine produktive Zeit, in der er Boote auf der Seine, Gärten und Szenen des modernen Stadtlebens malte.

Das Esszimmer der Monets in Giverny

Icon vergrößern

Das Esszimmer der Monets in Giverny
Foto: Birgit Holzer

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Das Esszimmer der Monets in Giverny
Foto: Birgit Holzer

Doch beim einflussreichen Pariser Salon wurden seine Bilder immer wieder abgelehnt. 1874 schlossen sich 30 Gleichgesinnte zusammen und organisierten ihre erste unabhängige Ausstellung. Die Schau galt als Skandal. Die Zeiten blieben schwierig für Monet. Wegen seiner Finanznot zog er mit Camille und den beiden Söhnen Jean und Michel weiter nordwestlich nach Vétheuil, ein Dorf an der Seine. Mit dem Tod seiner schwer erkrankten Frau 1879 erlebte er einen herben Schicksalsschlag. In der Folge kümmerte sich Alice Hoschedé, Ehefrau des Kaufmanns und Kunstsammlers Ernest Hoschedé, zunehmend um Monet und seine Söhne. Schließlich zog sie zu ihm und folgte ihm mitsamt ihren sechs Kindern 1883 nach Giverny rund 70 Kilometer nordwestlich von Paris.

Der Garten von Giverny ist heute ein Touristenmagnet

Damals ein abgelegenes Dorf mit knapp 300 Einwohnern, ist Giverny heute ein Touristen-Magnet, den mehrfach pro Tag ein Shuttle-Bus aus dem nächstgelegenen Bahnhof in Vernon anfährt. Die Anlage blüht selbst während der größten Hitzewellen in vollster Pracht und ohne eine einzige dürre Grasstelle. Etliche Restaurants, darunter auch jenes des durch die TV-Sendung „Top Chef“ berühmt gewordenen Kochs David Gallienne, befinden sich in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Wohnhauses. Pro Jahr besuchen mindestens eine halbe Million Menschen Giverny. Bunte Straßenschilder, die unter anderem die Entfernung zu Tahiti (15.645 Kilometer), New York (5769 Kilometer) oder auch zum Mond (384.400 Kilometer) angeben, sind ein augenzwinkerndes Symbol dafür, wie Monet aus einem Provinznest einen internationalen Anziehungspunkt gemacht hat.

Das Wohnhaus von Claude Monet in Giverny. Hier lebte der Maler bis zu seinem Tod 1926.

Icon vergrößern

Das Wohnhaus von Claude Monet in Giverny. Hier lebte der Maler bis zu seinem Tod 1926.
Foto: Christian Röwekamp/dpa-tmn

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Das Wohnhaus von Claude Monet in Giverny. Hier lebte der Maler bis zu seinem Tod 1926.
Foto: Christian Röwekamp/dpa-tmn

Monet konnte anfangs sein Landhaus nur mieten, er blieb ein sozialer Außenseiter. Doch allmählich wendete sich seine Lage zum Besseren. Mehr und mehr Sammler, vor allem aus den USA und Japan, kauften Monets Bilder. Der Mittvierziger reiste viel, unter anderem wieder an die Küste nach Fécamp, Dieppe und vor allem Étretat. Die spektakulären Kreidefelsen boten ein Motiv, das sich ständig verwandelte, weil die Sonne, der Sturm und der Nebel, Ebbe und Flut die Farben und Konturen immer wieder anders formten. Längst ist Étretat kein Fischerdorf mehr, sondern gehört vor allem in den Sommermonaten zu einem der beliebtesten Reiseziele der Normandie.

Die Seerosen im Garten von Giverny sind weltberühmt

Infolge wachsender Einnahmen konnte der Maler 1890 sein Haus kaufen, dessen Garten er üppig bepflanzte und erweiterte. Heute umfasst das gesamte Anwesen etwa zwei Hektar und gliedert sich in zwei Hauptbereiche: den farbenfrohen Blumengarten vor dem Gebäude und den berühmten Wassergarten mit Seerosenteich, Trauerweiden und einer japanischen Brücke. Entdeckt hatte Monet die neu gezüchteten Seerosen anlässlich der Pariser Weltausstellung im Jahr 1889: Unweit des gerade eröffneten Eiffelturms wuchsen prächtige Exemplare in Wasserbecken. Rund 250 seiner schätzungsweise knapp 3000 Werke zeigen Seerosen. Im Musée de l’Orangerie in Paris füllen die monumentalen Abbildungen die Wände zweier ovaler Säle und lassen die Besucher in Monets Gartenwelt eintauchen. Sowohl die Orangerie als auch das Musée d’Orsay widmen sich in diesem Jubiläumsjahr mit Sonderausstellungen Monet als einem Maler, der so lange um die Anerkennung seiner Kunst gerungen hat – und der sie bis heute erhält wie wenige andere.

Weitere Informationen zum Monet-Jahr

Museum für moderne Kunst André Malraux (Muma): Ausstellung „Monet au Havre“ („Monet in Le Havre“) bis 27. September, 2 Boulevard Clemenceau, 76600 Le Havre, Öffnungszeiten: Di – Fr 11-18 Uhr, Wochenende 11-19 Uhr, Erwachsene 10 Euro, reduzierter Tarif 6 Euro

Haus von Claude Monet in Vétheuil: 16, Avenue Claude Monet, 95510 Vétheuil, Geöffnet von 1. April bis 31. Oktober, jeweils am 1. und 3. Wochenende jedes Monats zwischen 9 und 18 Uhr. Erwachsene 6 Euro, reduzierter Tarif 3 Euro.

Impressionistisches Haus von Claude Monet in Argenteuil: 21 Boulevard Karl Marx, 95100 Argenteuil (erreichbar mit der Linie J vom Pariser Bahnhof Saint-Lazare aus) Geöffnet mittwochs bis samstags von 11-13 Uhr und 14-19 Uhr, sonntags von 14 bis 19 Uhr: 5 Euro für Erwachsene, 3,50 Euro reduzierter Tarif

Haus und Gärten von Claude Monet in Giverny, 84, rue Claude Monet, 27629 Giverny (Anreise mit dem Zug von Paris nach Vernon und anschließend mit einem Shuttle-Bus, der dort regelmäßig abfährt);Öffnungszeiten bis 1. November:
Täglich von 10 bis 18 Uhr Erwachsene 13 Euro, Kinder zwischen 7 und 17 Jahren: 7 Euro
Eine Reservierung der Tickets im Internet wird empfohlen

Musée de l’Orangerie: Ausstellung „Monet, die Zeit malen“ („Monet, peindre le temps“) von 30. September 2026 bis 25. Januar 2027 Jardin des Tuileries, Place de la Concorde, Paris, täglich 9-18 Uhr, dienstags geschlossen

Musée d’Orsay Ausstellung „Ich verbringe mein Leben mit Malen“ („Je passe ma vie à peindre“) von 30. September 2026 bis 24. Januar 2027 Dienstag bis Sonntag 9.30 – 18 Uhr, Donnerstag 9.30 bis 21.45 Uhr, 16 Euro (Erwachsene), reduzierter Tarif 13 Euro, gratis für EU-Bürgerinnen und -Bürger unter 26

Dieser Artikel entstand nach einer Pressereise in die Normandie mit Unterstützung von „Normandie Tourismus“.