Während Schülerinnen und Schüler am Wasser die Sommerferien genießen oder tagelang im abgedunkelten Jugendzimmer chillen, tüfteln Schulleitungen und Ärzte an der Frage, wie man ihnen Unterricht in überhitzten Klassenzimmern künftig ersparen kann. Die Bayerische Landesärztekammer hat dazu einen Hitzeschutzplan mit vielen Vorschlägen veröffentlicht. Eine Idee sticht besonders hervor: Ab 30 Grad Raumtemperatur sollten nach Überzeugung der Medizinerinnen und Mediziner keine Prüfungen abgehalten und kein prüfungsrelevanter Stoff mehr durchgenommen werden. Stattdessen: „pädagogisch sinnvolle Einzel- oder Gruppenbeschäftigung“. Ist das realistisch?

Angesichts der neuen Rekord-Durchschnittstemperaturen im Juni und Juli stiegen auch die Hitze-Höchstwerte an Schulen, vor allem in alten, schlecht gedämmten Gebäuden. Das bestätigt der Philologenverband (bpv), der sich selbst schon lange für einen Hitzeschutz-„Werkzeugkasten“ an Schulen einsetzt. „Wir haben keine Statistiken zu Temperaturmessungen in Klassenzimmern“, sagt bpv-Präsident Michael Schwägerl. „Doch die Rückmeldungen der Lehrkräfte zeigen, dass während der Sommertage nicht nur in Einzelfällen Klassenräume außerhalb der thermischen Komfortzone zu liegen scheinen.“ Die Ärztekammer schreibt in ihrem Musterhitzeplan, an dem unter anderem das Münchner Helmholtz-Zentrum beteiligt war: Kinder nähmen Wärme schneller auf als Erwachsene. „Schon mäßiger Hitzestress kann die kognitiven Leistungen beeinträchtigen, das Gedächtnis schwächen und die Testergebnisse verschlechtern.“

Musterhitzeplan empfiehlt Trinkpausen und lockerere Bekleidungsregeln

Lerninhalte den Temperaturen anzupassen, hält Schwägerl für eine „vernünftige Empfehlung“ – zumindest bezogen auf den Unterricht in einem bestimmten, jeweils besonders heißen Klassen- oder Gruppenraum. Als „harte Grenze“ sollten die 30 Grad aber nicht verstanden werden.

„Was angesetzte Prüfungen anbelangt, wird man vor Ort immer nach Möglichkeiten suchen, diese unter angemessenen thermischen Bedingungen durchzuführen.“ Dass das nicht jedes Mal funktioniert, mussten viele der 96.000 Real- und Mittelschüler erfahren, die in der Hitzewelle Ende Juni ihre Abschlussprüfungen schrieben. Teils schwitzten mehrere Dutzend Prüflinge gemeinsam in Turnhallen ohne Rollos und Klimaanlage.

Das Kultusministerium äußert sich zurückhaltend zu den Vorschlägen des ärztlichen Hitzeplans. Dieser rät übrigens schon ab 26 Grad im Klassenzimmer zu verlängerten oder zusätzlichen Pausen und regelmäßigen Trink-Unterbrechungen. Eine weitere Empfehlung: Bekleidungsregeln für Lehrkräfte zu lockern. Pädagogen in Flipflops, Lehrerinnen in schulterfreiem Top?

Hitzefrei ist an Bayerns Schulen grundsätzlich möglich

Prinzipiell gibt es keine Kleiderordnung für Lehrkräfte und Beamte in Bayern. Eine angemessene Kleidung wird aber erwartet. Außerdem müssen sie die vorgeschriebene Neutralität wahren, ein T-Shirt mit religiöser oder politischer Botschaft wäre also mindestens kritisch.

Das Kultusministerium geht in seiner Antwort auf eine Anfrage unserer Redaktion nicht näher auf einzelne Maßnahmen des Hitzeplans ein. „Generell möchten wir darauf aufmerksam machen, dass jegliche starren Regelungen die dringend notwendige Flexibilität der Schulen unnötig einschränken würden“, lässt ein Sprecher wissen. Heißt: In Bayern dürfte auf absehbare Zeit weiter jede Schule selbst entscheiden, wie sie auf Rekordtemperaturen reagiert.

Denkbar sind neben dem Lüften in der Früh demnach etwa Klassenzimmerwechsel und eine explizite „Trinkerlaubnis“. Und wenn es gar nicht mehr auszuhalten ist, dürfen Schulleitungen nach wie vor „hitzefrei“ geben. An eine bestimmte Temperatur ist das allerdings nicht gebunden.