Erion Veseli ist 14, wiegt 110 Kilo und ist körperlich in fürchterlicher Verfassung, als er den Boxclub von Boxweltmeister Robin Krasniqi in Gersthofen betritt. Der Teenager aus Augsburg, der an keinem McDonald‘s vorbeigehen kann, hat am Vortag einen Entschluss gefasst. Er will werden wie sein Idol und ist bereit, dafür alles zu geben. In Krasniqi findet er einen Förderer, der hinter den körperlichen Einschränkungen großes Talent und unbändige Willenskraft entdeckt. Fünf Jahre später ist Erion schlank, durchtrainiert und hat eine Karriere als einer der jüngsten Profiboxer der Region vor sich.
Wie ein übergewichtiger Jugendlicher aus Augsburg zum Profiboxer wurde
Den Ausschlag gibt ausgerechnet ein Fernsehabend: Als Robin Krasniqi im ZDF um den Weltmeistertitel boxt und dabei erwähnt wird, dass er ein eigenes Gym betreibt, steht für Erion fest, dass er dort anrufen wird – „am Montag sofort“. Fußball, Karate, praktisch jede Sportart hat er vorher ausprobiert, ohne dass etwas hängenbleibt. Boxen ist die letzte Option.
Der Weltmeister erinnert sich an seine erste Begegnung mit Erion: „Ein dicker Junge, alles, was ich an ihm gesehen habe, war ungesund“, erzählt Krasniqi. Keine sportliche Figur, X-Beine, nicht einmal gerade laufen konnte der Teenager nach seiner Erinnerung. Und trotzdem sagt Krasniqi sofort zu.
Weltmeister im Boxen: „Auch die Chemie zwischen Menschen muss passen.“
Für ihn zählt in solchen Momenten nicht nur die Fitness. „Auch die Chemie zwischen Menschen muss passen“, sagt er. Ein Junge mit echten Zielen für seine Gesundheit, der sein Leben besser strukturieren will – bei so jemandem ist er sofort dabei. Bei Erion passt es. Was den Ausschlag gibt: die Geschwindigkeit, mit der junge Körper auf Training reagieren. „Bei jungen Leuten geht es viel natürlicher, viel schneller. Es kann ganz schnell passieren, wenn man dranbleibt.“
Und Erion bleibt dran. Aus dem Plan, einfach nur abzunehmen, wird in kurzer Zeit mehr. Ernährung und Trainingsumfang werden angepasst, und Erion selbst dreht die Intensität schnell weiter auf: Aus einer Trainingseinheit am Tag werden zwei – sechs Tage die Woche, Samstag inklusive, im Schnitt eineinhalb Stunden pro Einheit im Gym, dazu Einheiten zu Hause auf dem Laufband oder am Sandsack.
Damit das neben der Schule und später der Ausbildung funktioniert, muss Erion Kompromisse durchsetzen, die für einen Teenager ungewöhnlich sind. Bei seinem Ausbildungsbetrieb – Erion macht wie sein Vater eine Lehre zum Maler, mit dem Ziel, später den Meister zu machen – handelt er aus, seine Lehrzeit von zwei auf drei Jahre zu strecken. Im Gegenzug darf er täglich bereits um 14 Uhr Feierabend machen, um zweimal trainieren zu können.
Der Vater fährt Erion jeden Tag 20 Kilometer ins Training
Ohne Erions Vater wäre davon nichts möglich gewesen. Jeden Tag holt er den Sohn von zu Hause in Haunstetten ab und bringt ihn zum Training nach Gersthofen und wieder zurück – 20 Kilometer pro Strecke. Der Vater ist selbstständig, Zeit ist für ihn bares Geld. Trotzdem ist er, wie Krasniqi betont, nie zu müde für diese Fahrten. „Da habe ich den größten Respekt vor seiner Familie. Ich kenne keinen Vater, der so etwas macht.“
Krasniqi selbst legt von Anfang an Wert darauf, dass neben dem Sport bei der Ausbildung nichts verloren geht. Mit Erions Vater spricht er früh Klartext: „Ein Mensch hier in Deutschland ohne Ausbildung ist gar nichts.“ Sport könne einen jungen Menschen komplett vereinnahmen, ähnlich wie eine erste große Liebe – deshalb ist für ihn klar, dass ein Plan B nicht verhandelbar ist.
Der Weg zahlt sich aus: Im Amateurbereich holt sich Erion den Titel des Oberbayerischen Meisters, dazu einen zweiten Platz. Mittlerweile ist er im Profilager angekommen. Seinen bislang sechsten Profikampf bestreitet er in Gersthofen – ein Sieg durch technischen K.-o. in der dritten Runde, gegen einen kroatischen Gegner mit nach eigenen Angaben deutlich mehr Kampferfahrung.
Für Partys bleibt für den Profiboxer aus Augsburg wenig Raum
Dass er dabei auch selbst Treffer einstecken muss, stört Erion nach eigener Aussage nicht. „Es ist kein Ballett und kein Tischtennis. Sobald ich den ersten Schlag bekomme, bin ich hundert Prozent da.“ Sein Alltag ist entsprechend durchgetaktet: Aufstehen um 6 Uhr, Arbeit bis 14 Uhr, danach die erste Trainingseinheit am späten Nachmittag, abends die zweite. Für Partys bleibt da wenig Raum – was Erion nach eigenen Worten aber nicht vermisst, „wenn man das macht, was man liebt“.
Für die Zukunft peilt Krasniqi mit seinem Schützling einen klassischen Stufenweg an: von kürzeren Kämpfen über mehr Runden bis hin zu ersten Titelkämpfen, mittelfristig womöglich deutsche Meisterschaften oder ein Junioren-Weltmeistertitel. Tempo soll dabei keine Rolle spielen. „Dieser Weg ist definitiv kein Weg, den man auf die Schnelle machen kann“, sagt der Trainer, der selbst nach eigener Aussage 16 Jahre brauchte, ehe er 2020 Weltmeister wurde. „Man muss ihn Schritt für Schritt gehen.“