Gerade erschien Ihr Buch „Vatertage“ auf Deutsch. Der französische Titel lautet „Finistère“, wie der Landstrich weit im Westen in der Bretagne, woher die Familie Ihres Vaters stammt.
ANNE BEREST: Ja, die Lektorin meinte, dass das Wort Finistère im Deutschen nicht sehr geläufig ist, auch wenn die Deutschen die Bretagne gut kennen.Finistère, der Name des Departements, drückt im Französischen etwas sehr Präzises aus. Es kommt vom lateinischen „Finis terrae“ – Ende der Welt. Außerdem gibt es ein Wortspiel mit „Finis de se taire“, „Schluss mit dem Schweigen“. Doch diese Anspielungen lassen sich nicht übersetzen. „Vatertage“ erschien mir als ein sehr schöner Titel, weil das Buch die Geschichte meines Vaters und seiner Familie aufarbeitet.
2014 veröffentlichten Sie mit drei Freundinnen ein Werk in einem ganz anderen Stil: „How to be Parisian wherever you are“, ein witziges Buch über die typische Pariserin. Heute setzen Sie sich in ihren Familienromanen mit der Vergangenheit auseinander. Wie passt das zusammen?
BEREST: Für mich ist das kein Widerspruch. Die Liebe zum Historischen findet sich in allem wieder, was ich mache. In „How to be Parisian“ habe ich viele Texte über die Geschichte der Pariserin geschrieben. Die Präsentation des Buchs war witzig, aber es ging darin auch um die Darstellung einer feministischen Figur. Das Buch wurde trotz seines oberflächlichen Anscheins weltweit millionenfach verkauft und hat das Bild einer freien Frau geprägt. Einer Frau, die arbeiten, Kinder erziehen, gleichzeitig Simone de Beauvoir lesen und sich auf eine bestimmte Weise kleiden kann.
Warum ist es für Sie wichtig, die Geschichten Ihrer Vorfahren in Ihren Werken aufzuarbeiten?
BEREST: Alle meine Bücher erforschen die Frage der familiären Weitergabe über Generationen hinweg: Was bedeutet es, aus einer bestimmten Familie zu stammen? Wie lebt man mit seinem Stammbaum? Das ist das große Thema meines Lebens. Meine drei letzten Romane, „Die Postkarte“, „Ein Leben für die Avantgarde“, und „Vatertage“ sind Teil dieses literarischen Projekts, von Buch zu Buch die Frage des familiären Erbes zu erforschen.
Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass jeder schreiben sollte. Warum?
BEREST: Nicht unbedingt, um einen Roman zu veröffentlichen. Aber jeder sollte für seine Kinder oder Enkel in einem Buch oder in Heften, handschriftlich oder getippt und ausgedruckt, festhalten, wie seine Kindheit war. Denn das wird sonst vergessen. Das ist ein Schatz. Anstatt zu Weihnachten irgendein Geschenk zu kaufen, verschenken Sie die Erinnerungen an Ihre Kindheit. Ich konnte dieses Buch schreiben, weil mein Großvater sein Erlebtes für seine Nachfahren aufgeschrieben hat. So erfuhr ich, dass er 1909 die erste bäuerliche Gewerkschaft Frankreichs gegründet hat, damals ein sehr innovatives Unterfangen.
Sie engagieren sich derzeit im Kampf der früheren Autorinnen und Autoren des Grasset-Verlags. Mehr als 250 Schriftsteller, darunter so bekannte wie Virginie Despentes und Frédéric Beigbeider, verließen diesen aus Protest gegen den rechtsextremen Verlagschef Vincent Bolloré. Haben Schriftsteller eine politische Rolle zu spielen?
BEREST: Ja, beides ist untrennbar miteinander verknüpft. Ausgelöst wurde die Kontroverse durch die Kündigung des bisherigen Verlagsdirektors Olivier Nora, das letzte Bollwerk gegen die vollständige Ideologisierung von Grasset. Inzwischen wehren sich auch Angehörige des Kino-Milieus gegen Bollorés riesigen Einfluss bei der Filmförderung über seinen Sender Canal+. Es ist kein Zufall, dass diese Bewegung ein Jahr vor den französischen Präsidentschaftswahlen entstanden ist. Sie ist erst der Anfang von etwas Größerem. Was seit einigen Wochen vor sich geht, ist historisch.
Was macht diese Vorgänge so außerordentlich?
Zum ersten Mal seit 1777 vereinen sich in Frankreich Autoren, um über ihre Berufsgemeinschaft und deren Probleme zu sprechen. Dass Bolloré sich in einem Artikel in seiner eigenen Sonntagszeitung „Le Journal du Dimanche“ (JDD) abfällig zu den Autoren, die Grasset verlassen haben, zeigte eine erste Schwachstelle. Denn bis dahin reagierte er nie auf Kritik und Streiks. Diesmal konnte er wohl nicht mehr schweigen. Doch er hatte nicht vorhergesehen, dass wir uns sofort an die gesamte Presse wenden würden. Hunderttausende Leserinnen und Leser stehen hinter uns. Wir sind dabei, uns zu organisieren.
Bislang vermochte ihn niemand beim Versuch zu bremsen, seine Medien zu einem Sprachrohr für sehr konservative, rechtsextreme Inhalte zu machen. Kann Ihnen das nun gelingen?
BEREST: Ja, weil wir frei sind. Wir sind nicht angestellt. Auch wenn sich für manche Autorinnen und Autoren die Frage stellt, ob sie einen neuen Verlag finden. Literatur gilt in Frankreich als Kulturgut – daran rührt man nicht. Wir sind das Land des Prix Goncourt. Die Buchpreise werden jedes Jahr auf den Titelseiten der Zeitungen vermeldet, wie ein nationales Ereignis. Auch Bolloré sagt von sich, am französischen Kulturgut zu hängen. Und jetzt sieht er, dass es gegen ihn rebelliert. Es ist, als würde er ein denkmalgeschütztes Schloss kaufen und sagen: „Das gehört jetzt mir, ich kann alles zerstören.“ Aber er hat nicht das Recht dazu.
Welche Rolle können diese Vorgänge im Wahlkampf spielen?
BEREST: In jedem Fall werden die Leute sensibilisiert, weil sie Bollorés brachiales Vorgehen sehen. Es bildet sich die Erkenntnis heraus, dass es gefährlich für eine Demokratie ist, wenn Milliardäre Politik machen. Das haben wir schon bei der Wiederwahl von Präsident Donald Trump in den USA mit der wichtigen Rolle von Elon Musk gesehen. Die Menschen können natürlich wählen, wen sie wollen, auch Rechtsextreme. Aber die Einflussnahme durch milliardenschwere Unternehmer auf die Demokratie ist nicht zulässig.
Zur Person
Anne Berest, 46, ist eine französische Schauspielerin Regisseurin und Schriftstellerin. Nach ihrem Erfolgsroman „Die Postkarte“ ist nun „Vatertage“ erschienen (Aus dem Französischen von Michaela Meßner und Amelie Thoma. Berlin Verlag, 448 Seiten, 25 Euro).