rbb|24: Sie machten einen Neuanfang in West-Berlin. Wie haben Sie sich zurechtgefunden?

Werwigk-Schneider: Ich wurde sofort herzlich aufgenommen und durfte mir sogar eine Stelle für die Facharztausbildung aussuchen. Ich heiratete meinen Jugendfreund, der mir zur Flucht verholfen hatte, und war 26 Jahre Kinderärztin in West-Berlin. Ich bin auch unheimlich viel gereist, ich konnte gar nicht genug von der Welt sehen.

rbb|24: Aber irgendwann haben Sie sich wieder mit Ihrer Vergangenheit beschäftigt. Wie kamen Sie zur Arbeit als Zeitzeugin?

Werwigk-Schneider: Meine Stasi-Akte ist rund 1.000 Seiten dick. Ich habe sie mir zwar nach der Wende besorgt, aber sie in die hinterste Ecke des Schranks geworfen. Erst Anfang der 2000er-Jahre, als sich die Gedenkstätten formierten, öffnete ich mich meiner eigenen Geschichte wieder. Lehrer aus meiner Familie luden mich ein, vor ihren Klassen zu sprechen. Seitdem erzähle ich an Schulen und Gedenkorten – für die jungen Menschen, damit sie den Wert von Demokratie, freier Wahl und Redefreiheit begreifen. Sehen Sie: Erst mit 30 Jahren habe ich das erste Mal in meinem Leben frei in einer Kabine, mit Bleistift und gefaltetem Zettel wählen dürfen – das war ein enormer Moment. Das vergisst man nicht.