Als neuer Oberbürgermeister darf man sich vieles anhören. Glückwünsche, Wünsche, Beschwerden, Ratschläge – und sicher auch den einen oder anderen Satz, der mit „Sie müssten doch eigentlich …“ beginnt. An der Spitze ist es bekanntlich einsam und mit wachsender Macht wird ehrlicher Widerspruch selten.
Augsburgs SPD-OB Florian Freund will genau das verhindern. Wer sagt Ihm im Verwaltungszentrum und im Rathaus also ehrlich, wenn eine seiner Ideen einfach nicht taugt? „Ich ermutige alle, mir das zu sagen und auch zu begründen, warum sie eine Idee nicht gut finden“, erklärt der neue Augsburger OB im Gespräch mit dem AUGSBURG JOURNAL.
Besonders deutlich dürfen dabei offenbar drei Menschen werden: die persönliche Referentin des Oberbürgermeisters, der Leiter des OB-Büros, und der Zweite Bürgermeister. Sie gehören zu jenem kleinen Kreis, der nicht nur den Politiker und Verwaltungschef, sondern auch den Menschen Florian Freund gut genug kennt, um ihm unverblümt zu sagen, wenn er sich verrennt.
„In meinem direkten Umfeld habe ich Menschen, mit denen ich seit vielen Jahren sehr eng und vertrauensvoll zusammenarbeite. Dazu gehören Angela Steinecker und Michael Egger. Auch der Zweite Bürgermeister Dirk Wurm gehört dazu, wobei er natürlich eine andere Rolle hat.“ Diese Vertrauten könnten ihm deutlich die Meinung sagen, betont Freund: „Und sie tun das auch.“
Widerspruch ja – aber nicht vor 300 Leuten
Völlige Narrenfreiheit herrscht im engsten Kreis des Oberbürgermeisters allerdings nicht. Entscheidend ist, wann und wo der Widerspruch vorgebracht wird. „Der Rahmen muss natürlich stimmen. Wir sollten Meinungsverschiedenheiten nicht vor versammelter Mannschaft oder bei einer öffentlichen Veranstaltung vor 300 Leuten oder während einer Bürgerversammlung ausdiskutieren. Das wäre das falsche Setting“, betont er lachend.
Hinter verschlossenen Türen darf der Ton dagegen offenbar deutlich robuster werden. „Diese Vertrauten können zu mir sagen: Jetzt horch mal zu. Jetzt hör doch mal auf. Oder: Jetzt gib mal Ruhe. Das können die ganz gut.“
Und wer austeilt, muss auch einstecken können. Das gilt im Augsburger OB-Büro in beide Richtungen. „Ich kann allerdings auch sagen: Jetzt haltet mal die Klappe, jetzt kommt mein Gegenargument.“
„Ich habe nicht den Anspruch, mit einem Unfehlbarkeitsdogma hier im OB-Referat zu sitzen und davon auszugehen, dass alles, was ich sage, der Weisheit letzter Schluss ist.“
Oberbürgermeister Florian Freund
Diplomatie klingt anders. Aber das ist der Punkt: Wer sich lange kennt und vertraut, braucht nicht jeden Satz in politische Watte zu packen. Freund selbst schätzt diese Offenheit ausdrücklich. Einen Hofstaat, der jeden Einfall des Oberbürgermeisters beklatscht, will er offenkundig nicht um sich versammeln.
„Ich habe nicht den Anspruch, mit einem Unfehlbarkeitsdogma hier im OB-Referat zu sitzen und davon auszugehen, dass alles, was ich sage, der Weisheit letzter Schluss ist. Ich glaube, es braucht ein Korrektiv. Das habe ich beruflich hier im Verwaltungszentrum auf jeden Fall.“
„Denk noch einmal darüber nach“
Widerspruch ist für Freund keine lästige Begleiterscheinung, sondern Teil der Entscheidungsfindung. „Ich ermutige ausdrücklich jeden, der sagt, er habe eine bessere Idee, diese auch vorzubringen.“
Das bedeutet allerdings nicht, dass sich automatisch die Gegenseite durchsetzt. Auch das formuliert Freund ziemlich unmissverständlich: „Wenn ich anschließend zum Schluss komme: Nein, die Idee ist nicht besser, dann ist das eben so.“
Trotzdem wolle er den Einwand hören, bevor die Entscheidung fällt: „Ich bin dankbar, wenn jemand sagt: Denk noch einmal darüber nach, ob an dieser Stelle nicht ein Fehler steckt.“
Doch irgendwann endet jede Debatte. Und dann gibt es im Augsburger Rathaus einen entscheidenden Unterschied zu Freunds früheren Rollen als Stadtrat, oder Fraktionschef.
Wenn es entschieden ist, ist es entschieden
„Das ist vielleicht das Einzige, woran man sich gewöhnen muss, wenn man bislang Teil einer größeren Organisation war – sei es im Stadtrat oder als Mitarbeiter einer großen Verwaltung.“
Denn über dem Oberbürgermeister gibt es im täglichen Rathausgeschäft nicht mehr viele Instanzen, an die eine Entscheidung weitergereicht werden könnte. „Über dem, was im Referat oder im Büro entschieden wird, kommt nicht mehr viel. Wenn es dort entschieden ist, ist es entschieden.“
„Das war für mich ein neues Gefühl“, räumt Freund ein.