Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat zum 65. Jahrestag des Mauerbaus zur Verteidigung von Freiheit und Demokratie aufgerufen. „Vor 65 Jahren ließ die DDR-Führung die Mauer errichten. Heute ist unser Land länger vereint, als es geteilt war und wir leben in Freiheit und Frieden“, schrieb Merz auf der Plattform X. „Die Lektion der Mauer bleibt: Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Wir müssen immer dafür kämpfen.“

Als Kind an der Sektorengrenze Wir spielten mit Soldaten und klauten Birnen – dann kam die Mauer

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner beklagte eine anhaltende Mauer in vielen Köpfen und plädierte für mehr Zuhören und Zusammenhalt. „Die frühere Grenze ist fast unsichtbar geworden“, sagte die CDU-Politikerin laut Manuskript bei einer Gedenkveranstaltung an der Bernauer Straße in Berlin. „Und doch ist sie da. Die Mauer hat in Deutschland Spuren gezogen, die unsere Wege heute noch beeinflussen.“ 

„Ost“ und „West“ spielten im Selbstverständnis vieler weiterhin eine Rolle. „Politische Fragen werden auf beiden Seiten manchmal sehr unterschiedlich beantwortet: Migration, Corona, der Umgang mit Russland“, so Klöckner. „Große Streitthemen werden zu neuen, unsichtbaren Mauern. Junge Menschen sagen, sie fühlen sich gemeinsam ostdeutsch, nur weil sie auf einer bestimmten Seite des Landes geboren wurden.“ Zwar sei die Mauer 1989 gefallen, sie scheine aber häufig noch in den Köpfen zu stecken.

„Dürfen uns nicht verlieren“

„Für alle Deutsche aber gilt: Wir müssen verstehen wollen. Auch dafür gedenken wir. Auch dafür blicken wir zurück“, sagte Klöckner. „Wir müssen aus unserer Geschichte lernen. Wir dürfen uns nicht in ihr verlieren.“ 1989 habe Mut die Mauer zum Einsturz gebracht. „Auch heute ist Mut gefragt. Der Mut, aufeinander zuzugehen. Wir wollen die Hindernisse überwinden, die manchmal immer noch zwischen uns sind. Um aufeinander zuzugehen, müssen wir die eingetretenen Wege verlassen.“

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer warnte vor einer Verharmlosung der DDR-Diktatur. AfD und Linke würden in Ostdeutschland „positive Zerrbilder der DDR“ produzieren, sagte Weimer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Bei der AfD reicht das bis zum Singen der DDR-Nationalhymne“, so der Minister mit Blick auf eine AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau, bei der der Kabarettist Uwe Steimle im Juli die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ angestimmt hatte. AfD-Politiker hatten teilweise mitgesungen.

Das „kollektive Vergessen, Verdrängen und Verharmlosen der DDR“ sei die größte Herausforderung für die Erinnerung an die SED-Diktatur. Er mache sich große Sorgen um die Erinnerungskultur in den Bundesländern, in denen im September gewählt werde, so Weimer, der als Kulturstaatsminister auch für Gedenkstätten zuständig ist. „Wenn Sachsen-Anhalt nach rechts außen und Berlin nach links außen abrutscht, dann wird die Erinnerungspolitik in beiden Fällen anders sein als zuvor.“

Als „aktive Form der Erinnerungsarbeit“ regt Weimer an, Straßen und Plätze nach Widerstandskämpfern aus der DDR zu benennen. „Zum Beispiel überall dort, wo neue Straßen entstehen, sollte man zumindest über Namensgeber nachdenken, die durch die kommunistische Diktatur getötet wurden oder im Gefängnis saßen.“

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, forderte die Geschichte der DDR intensiver an Schulen zu unterrichten. „Die DDR-Geschichte, die Geschichte der deutschen Teilung, ist viel zu wenig im Lehrplan, kommt häufig viel zu spät, mitunter dann auch erst in der Oberstufe, im Gymnasium“, sagte Klausmeier im RBB-„Inforadio“.

Die Stiftung

Die Stiftung Berliner Mauer ist eine Berliner Kultureinrichtung, die sich der Erinnerung an die Berliner Mauer und der deutschen Teilungsgeschichte widmet. Sie betreibt mehrere historische Gedenkstätten, pflegt eine umfangreiche Sammlung und bietet digitale sowie physische Bildungsangebote an.

Schülerinnen und Schüler, die die Gedenkstätten der Stiftung besuchten, nähmen bei guter Vorbereitung sehr viel mit und seien wahnsinnig interessiert. „Aber häufig eben ist das Vorwissen noch ausbaufähig.“

Man sei es den Opfern schuldig, die Erinnerung an sie wachzuhalten, sagte Klausmeier. „Der 13. August ist der Tag der Opfer und es sind Opfer eines Regimes, was an seinen Grenzen den Tod von Menschen, die über diese Grenze hinweg wollten, billigend in Kauf genommen hat.“

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Außerdem sei es wichtig, daran zu erinnern, dass die DDR autokratisch und ohne freie Wahlen regiert worden sei. „Das sagt uns, Demokratie ist nicht selbstverständlich.“

Der Bau der Berliner Mauer besiegelte im August 1961 die deutsch-deutsche Teilung. Die SED-Führung in der DDR wollte so die massenhafte Abwanderung von Menschen in den Westen Berlins und in die Bundesrepublik stoppen. (Tsp)