Im Juli startete die große Sommerausstellung mit Künstlerportraits des Fotografen Daniel Biskup im Schaezlerpalais.
Er zählt zu den prominentesten Vertretern seines Fachs in Deutschland. Seine Aufnahmen der Zeitenwende in der DDR, Russland oder Jugoslawien sind Zeichen seiner Kunstfertigkeit wie historische Dokumente. Gleiches gilt für viele seiner Porträtaufnahmen. Einige, wie seine Fotos von Angela Merkel, sind ikonografische Momentaufnahmen. Gegenwärtig sind Arbeiten von Daniel Biskup gleich in zwei beeindruckenden Ausstellungen in Augsburg zu sehen. Das tim zeigt im Foyer eine Serie teils großformatiger Arbeiten, aufgenommen bei der Loveparade in Berlin zwischen den Jahren 1995 und 2005. Die Kunstsammlungen Augsburg präsentieren in den historischen Räumen im Schaezlerpalais mehr als 80 eindrucksvolle Porträts von Künstler*innen. Wir sind für das Interview im Café des Schaezlerpalais verabredet, wechseln aber rasch in die zweite Etage des Bürgerpalastes. Dort herrscht wenige Stunden vor der Vernissage emsiges Treiben des Museumsteams um Kuratorin Julia Quandt. Biskup sieht seine Arbeiten zum ersten Mal an den farbigen Wänden arrangiert, und er ist begeistert. Immer wieder lobt er die Arbeit des Teams. Zu jeder Aufnahme hat er eine Geschichte parat. Er ist ein leidenschaftlicher Erzähler. Zu viele für dieses Interview. Aber in den kommenden Wochen wird ein Katalog zur Ausstellung bei Salz und Silber erscheinen.
a3kultur: In diesem Sommer sind zwei Ausstellungen mit ihren Fotografien in den besten Häusern der Stadt zu sehen. Dazu kommt eine kleinere Pop-up-Schau in Kooperation mit der Uni. Ist eine Vernissage für Sie eigentlich noch ein besonderer Anlass?
Daniel Biskup: Ja, natürlich, das ist ein besonderer Anlass. Eine Vernissage ist immer ein bisschen wie ein Geburtstag. Da kommen viele Freunde, man feiert und erfährt das Glück, wertgeschätzt zu werden. Das ist für mich jedes Mal spannend und auch aufregend. Das Besondere bei den Künstlerporträts hier ist, dass sie bisher noch nie im Rahmen einer Ausstellung gezeigt wurden. Und außerdem hat das Thema seinen Ursprung in Augsburg. Peter Lochmüller war der erste Künstler, den ich porträtiert habe. Ich verehre seine Arbeit bis heute. Vielleicht würde es ohne ihn das alles hier gar nicht geben.
In der Schau begegnen uns Dutzende großer, international bekannter Namen. Sind Sie durch die Arbeit mit den Künstler*innen zum Sammler geworden?
Ich bin wohl schon zum Sammler geworden, bevor ich Künstler porträtiert habe. Vielleicht, weil ich auch einmal ein Semester Kunstgeschichte studiert habe.
Können Sie sich an ihre erste Arbeit erinnern, die Sie erworben haben?
Ja, das war im Februar 1990 , kurz nach dem Mauerfall. Meine ersten Bilder waren von Hans Ticha. Er war in der DDR ein bekannter Grafiker und hat auch interessante Buchcover gemacht, trat aber nicht als politischer Maler in Erscheinung. In der Rosenthaler Straße, einer ehemaligen Galerie des staatlichen Kunsthandels, war dann eine Ausstellung mit Bildern von ihm zu sehen, die er in der DDR-Zeit gemalt hat, die damals jedoch nicht gezeigt werden konnten. Im Laufe der Jahre hab ich immer wieder auch Bilder aus den Regionen gekauft, in denen ich als Fotograf unterwegs war. So kamen Arbeiten von Malern aus Russland, China oder dem ehemaligen Jugoslawien dazu.
Sie haben bei unserem Rundgang erzählt, dass Sie viele dieser Arbeiten hier bisher nur in digitaler Version kannten.
Das stimmt. Nur maximal ein Viertel davon ist veröffentlicht worden. Die meisten schlummerten quasi im Archiv und haben darauf gewartet, dass der Tag kommt, wie er nun gekommen ist. Ich habe so etwas wie meinen eigenen Steinbruch. Nur dass meine Steine Fotos sind. Dort werfe ich regelmäßig Steine rein, und irgendwann ziehe ich sie dann wieder raus.
Sie haben dem Team vom Schaezlerpalais also Zugang zu ihrem Steinbruch aus Bildern ermöglicht. Wie wurde daraus dann die Ausstellung?
Ich habe rund 200 Bilder in den Ring geworfen. Julia Quandt und ich haben dann überlegt, was davon für hier passen kann. Im nächsten Schritt wurden die Bilder auf DIN A 4 ausgedruckt. Und dann saßen wir zusammen und haben entschieden, welche davon in die Schau kommen. Aber das Arrangement, also die Hängung, das ist das Werk von Julia Quandt. Ich finde diese Petersburger Hängung extrem spannend. Das Ergebnis ist rund.
Sie sind einer der bekanntesten deutschen Fotografen. Bieten Sie den Museen eigentlich Themen an, die Sie gerne in einer Ausstellung präsentieren wollen, oder werden Sie angefragt?
Es geschieht beides. Ich bin ja kein klassischer Künstler und arbeite nicht mit Galerien zusammen, die mich vertreten. Wenn man sich jetzt einmal die Chronologie meiner Ausstellungen ansieht, dann ist diese, sag ich mal, recht unkonventionell. Oft waren die Fotobücher der Schlüssel hin zur Ausstellung. Ich habe ja im Laufe der Jahre – oft mit der Unterstützung von Sponsoren und Mäzenen – einige sehr schöne Bücher machen dürfen. Da war zum Beispiel 2003 der Generalkonsul von St. Petersburg. Der stellte mich seinem Kulturattaché wegen meines Buches über diese Stadt vor. Der nahm das Buch und ist damit zum Direktor des Russischen Museum gegangen. So kam ich dort zu meiner ersten Ausstellung. Beim Deutschen Historischen Museum in Berlin habe ich mich mit meinen Büchern über den Krieg in Jugoslawien, die UdSSR oder die DDR selbst ins Spiel gebracht.
Sie warten also nicht nur ab, was an Anfragen auf Sie zukommt, sondern sind selbst recht rührig?
Ja, das gehört ja zu meiner Persönlichkeit. Ich bin keiner, der gerne darauf wartet, dass etwas passiert.
Vor dem Durchbruch der Digitalkameras war Fotografieren nicht ganz billig.
Allerdings. Heute ist Fotografieren im Vergleich zu früher wirklich günstig. Man braucht eine Speicherkarte. Die kostet 150 €. Damit kann man unendlich fotografieren. Aber damals musste man 6 Mark für den Film ausgeben und die Entwicklung kostete nochmal so viel – für 36 Fotos, wohlgemerkt. Es hat erst einmal richtig Geld gekostet, bis man überhaupt etwas gesehen hat.
Ihr Werk basiert – abgesehen davon, dass Sie ein gefeierter Fotograf sind – also im Wesentlichen auch auf ihrer Bereitschaft, unternehmerisches Risiko einzugehen?
Wenn man so will, ja. Einen Aspekt darf man dabei allerdings nicht außer Acht lassen. Bei der Fotografie ist Kommunikation eigentlich das, was wirklich zählt. 60 Prozent meiner Arbeit ist reine Kommunikation.
Ihr Talent kommt ihnen als Herausgeber der Edition Schwaben wohl auch zugute.
Ja, ich bin nebenbei seit vier Jahren auch mit Christian Hutter Herausgeber dieses Magazins, das mir sehr ans Herz gewachsen ist. Sein Gründer und vorheriger Herausgeber Wolfgang Oberressl wollte aus Altersgründen aufhören. Ich wollte, dass dieses schöne Format weiter existiert. Um das zu machen, bin ich nun fünfmal im Jahr auch Anzeigenverkäufer. Wenn man Anzeigenverkäufer ist, gehört es dazu, rührig zu sein.
Viele Kulturschaffende tun sich oft schwer damit, über finanzielle Dinge zu sprechen.
Natürlich spielt Geld eine wichtige Rolle. Das war mir von Beginn meiner Laufbahn sehr klar. Schon früh habe ich es als Student bei der Augsburger Allgemeinen oder im Weltbild-Verlag mit journalistischer Arbeit frei erwirtschaftet habe, in meine Themen investiert wie den Umbruch in Osteuropa 1989. Um heute meine Projekte zu realisieren, mache ich auch viele Termine für Unternehmen und bin dankbar dafür, dass ich auch so die Möglichkeit habe, Geld zu verdienen. Für die Ausstellung im Schaezlerpalais habe ich noch aktuell Cornelia Schleime, Neo Rauch und andere in diesem Jahr fotografiert. Das muss finanziert werden. Und die Honorare, die ich durch die Corporate Jobs erhalte, helfen dabei. Und Sie gleichen die rückläufigen Einnahmen aus der journalistischen Arbeit bedingt durch die Auflagenverluste der Printmedien aus. Heute habe ich auch das große Glück, dass es Unternehmen und private Sammler gibt, die meine Bilder kaufen.
Ihr Portfolio geht weit über Portraitaufnahmen und die Dokumentation gesellschaftlicher Umbrüche hinaus.
Also viele Themen, die ich heute bearbeite, fotografiere ich seit 20 Jahren oder mehr. Dazu gehören auch Aufkleber, die ich an Ampeln oder Straßenlaternen entdecke. Ich habe die Corona-Zeit fotografisch festgehalten und führe auf Instagram ein Tagebuch, das sich seit dem ersten Tag des Ukraine-Kriegs mit den Auswirkungen auf Deutschland beschäftigt. Das nehmen die meisten Leute gar nicht wahr.
Das klingt nach künstlerischem Alltag.
Ich bin nicht als Künstler auf die Welt gekommen. Es war auch nie mein Anspruch, Künstler zu sein. Es hat sich eben alles mit der Zeit so entwickelt, wie es ist. Ich bin eigentlich Historiker ohne Abschluss, sage ich immer, weil ich die Magisterarbeit nicht geschrieben habe.
Sie fotografieren seit den 70er Jahren. Altern ihre Themen eigentlich gemeinsam mit?
Das Spannende ist, dass es Motive gibt, die mit der Zeit interessanter werden. Manche halten ihren Status, und einige haben für mich kaum mehr Relevanz. Aber ich habe das Glück, oft Themen fotografiert zu haben, die ihre Zeitlosigkeit durch ihre historische Relevanz behalten. Da bin ich – das ist ja das Verrückte – wohl der Einzige in Deutschland, der diese Bandbreite hat. Der am 9. November auf der Mauer stand, der dann in Moskau war, der Helmut Kohl begleitet hat, Angela Merkel fotografierte und so weiter.
Wie wichtig ist Instinkt in diesem Prozess?
Meine Arbeit hat viel mit Instinkt zu tun, aber eben auch mit Glück. Nicht zuletzt auch mit Menschen in meiner Umgebung, die mir zum richtigen Zeitpunkt dazu geraten haben, dieses oder jenes Thema zu beachten, oder die mir Türen geöffnet haben und meinten: »Die oder den musst du unbedingt kennenlernen, du musst den jetzt fotografieren.«
Ihre Fotos hier in der Ausstellung zeigten irgendwann einmal die Gegenwart. Heute zeigen sie Vergangenes. Einige der Künstler*innen leben nicht mehr. Was macht es mit ihnen als Dokumentarist der Zeit, die Vergänglichkeit so zu erleben?
Wenn ich vom Tod eines Menschen erfahre, den ich porträtiert habe, trifft mich das natürlich. Aber ja, auch das ist Teil meines Berufes. Viel stärker als bei Kolleg*innen, die wirklich bildnerisch arbeiten, ist mein Herangehen so angelegt, dass ich für die Zukunft fotografiere.
Ändert sich die Sicht nach Jahrzehnten als Fotograf?
Na ja, mit dem Alter – ich bin jetzt 63 Jahre alt – sieht man die Dinge wohl anders als mit 20. Man erkennt stärker Perspektiven und Bedeutung. Da spielt natürlich die Erfahrung eine große Rolle. Für mich war immer wichtig, dass mich auch wirklich interessiert, was ich mache.
Wird für die Generationen, die nach uns kommen, der Job des Fotografen nicht durch eine Art Schwarmintelligenz auf Instagram geprägt und von der KI …?
Ich glaube, Biografien wie meine wird es kaum mehr geben. Also wie soll das auch funktionieren? In Augsburg haben wir das Glück, noch eine richtige Tageszeitung zu haben. Die ist zwar gerade im Format geschrumpft, hat aber noch Inhalte und Qualität. Die Augsburg Allgemeine ist eine der besten Regionalzeitungen, die es in Deutschland noch gibt, und darauf können wir auch Stolz sein. Aber um auf die Fotografie und die KI zurückzukommen: Ich weiß selbst oft nicht mehr: Ist das jetzt echt, ist das falsch, was ich sehe? Und diese Systeme werden ja immer besser. Ich habe in meinem Leben vielleicht einige Dutzend wirklich guter Bilder gemacht. So perfekt, dass man heute denken könnte, das hat die KI gemacht. Auf Instagram bekomme ich Filme eingespielt, bei denen die Grenze zwischen Fake und Echt nicht mehr zu erkennen ist. Das ist schon eine große Veränderung. Ich weiß nicht, wie es in zehn Jahren aussehen wird. Aber man muss ja nur in der Werbebranche schauen, um einen Eindruck von der Zukunft zu gewinnen. Es gibt dort oft keine Models mehr. Man spart den Fotografen und Visagisten, die Nachbearbeitung. Diese ganze Kette fällt langsam aber sicher weg.
Nur der Konsument bleibt erhalten.
Ja, der muss da sein. Aber die Fotografie selber, die wird es in 20 Jahren in der Form, wie wir sie heute noch kennen, vielleicht gar nicht mehr geben.
Wir sprechen in 20 Jahren nocheinmal.
Ja, sehr gerne.