Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski fahren durch Osteuropa: Hitze, Karpaten, Bären am Transfăgărășan und Waldbrände prägen die nächste Bikepacking-Etappe.
Jetzt schneller treten: Da braut sich was zusammen hinter Jonas Deichmann.
Was auf der Karte nach einer vergleichsweise einfachen Etappe aussieht, kann sich auf dem Rad schnell in das genaue Gegenteil verwandeln. Flache Länder bedeuten nicht automatisch schnelle Kilometer. Und spektakuläre Bergstraßen nicht immer unvergessliche Naturerlebnisse. Auf ihrer weiteren Reise durch Europa erleben Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski genau diese Gegensätze. Vom Baltikum führt ihre Route über Polen, die Slowakei und Ungarn nach Rumänien. Dort warten die Karpaten, Transsilvanien, der berühmte Transfăgărășan und Begegnungen mit Bären, die bei Jonas weniger Begeisterung als vielmehr Nachdenklichkeit auslösen.
Durch das Baltikum: flach heißt nicht automatisch schnell
Nach der Fährüberfahrt zur estnischen Hauptstadt Tallinn führt die Strecke zunächst durch Estland, Lettland und Litauen. Vom Höhenprofil könnte dieser Abschnitt kaum einfacher aussehen. Die Landschaft ist flach, große Berge oder lange Anstiege fehlen. Doch schon hier zeigt sich wieder eine der wichtigsten Regeln auf langen Bikepacking-Abenteuern: Höhenmeter erzählen nur einen kleinen Teil der Geschichte.
Estland überrascht Jonas besonders positiv. Kilometerlang geht es durch Wälder, später zunehmend durch offene Felder. Die Landschaft empfindet er zwar nicht als besonders spektakulär, dafür überzeugen Infrastruktur und Bedingungen zum Radfahren. Gute Radwege, ordentliche Straßen und ein insgesamt sehr weit entwickeltes Verkehrsnetz machen das Vorankommen angenehm.
Besonders in Erinnerung bleibt den beiden ein Schlafplatz direkt an der Ostsee, unmittelbar vor dem Übergang nach Lettland. Es sind diese Momente, die eine solche Reise ausmachen: Nach einem langen Tag auf dem Rad braucht es nicht viel. Einen ruhigen Platz, Wasser, etwas zu essen – und im besten Fall einen Blick aufs Meer.
Lettland, der mittlere der drei baltischen Staaten, heißt in der Landesspreche Latvija.
In Lettland und Litauen verändert sich das Bild allerdings schnell. Beide Länder sehen auf dem Papier weiterhin einfach aus. Keine großen Anstiege, keine Pässe, keine extremen Höhenprofile. In der Realität bremsen jedoch die Straßen. Viele kleinere Wege bestehen aus grobem Gravel. Teilweise wird der Untergrund so sandig, dass selbst Fahren nicht mehr möglich ist und geschoben werden muss. Der Durchschnitt fällt, die Kilometer werden mühsamer. Was geografisch nach einer schnellen Durchquerung aussieht, entwickelt sich zu einem zähen Abschnitt. Auch die lettische Hauptstadt Riga hinterlässt bei Jonas und Josefine keinen besonders positiven Eindruck. Zumindest nicht, was das Radfahren angeht. Umso größer ist schließlich die Freude der beiden, als sie Polen erreichen.
Polen wird zur positiven Überraschung
Ostpolen entwickelt sich zu einem der angenehmsten Abschnitte dieser Etappe. Die Strecke verläuft teilweise unmittelbar entlang der weißrussischen beziehungsweise ukrainischen Grenze. Stellenweise liegen nur wenige Meter zwischen der Route und dem Grenzfluss. Die Bedingungen für Jonas und Josefine sind hervorragend. Gute Radwege, wenig Verkehr, rücksichtsvolle Autofahrer, Supermärkte und eine funktionierende Infrastruktur sorgen dafür, dass wieder lange Tage mit ordentlich vielen Kilometern möglich werden.
Auch die Temperaturen spielen mit. Noch ist die große Hitze nicht angekommen. Außerdem gibt es zahlreiche gute Möglichkeiten, draußen zu übernachten. Polen ist für das Duo vielleicht nicht der landschaftlich spektakulärste Staat der bisherigen Route, dafür aber einer, in dem sich Bikepacking erstaunlich unkompliziert anfühlt. Genau das kann auf einer Reise mit Tausenden Kilometern mindestens genauso wertvoll sein wie spektakuläre Landschaften. Doch je weiter die Route nach Süden führt, desto deutlicher verändert sich das Wetter. In Südpolen tauchen die ersten Ausläufer der Karpaten auf. Auch die ersten Warnschilder vor Bären stehen am Straßenrand. Vor allem steigt die Temperatur.
Wer sein Rad liebt, der schiebt. Sandwege in Lettland und Litauen erschweren die Fahrt für Jonas Deichmann und Josefine Rutkkowski. 40 Grad und kaum Platz für Fahrräder in Ungarn
Über einen Pass geht es in die Slowakei. Lange halten sich Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski dort allerdings nicht auf: Nach etwa einem halben Tag ist das Land bereits wieder durchquert, es folgt Ungarn. Spätestens jetzt wird aus dem sommerlichen Radfahren eine echte Hitzeschlacht. In der Slowakei und in Ungarn bewegen sich die Temperaturen um die 40 Grad Celsius, in Ungarn teilweise sogar darüber.
Gleichzeitig verschlechtern sich die Bedingungen auf der Straße. Auf der Route gibt es viel Verkehr und kaum Platz für Fahrräder. Hitze, Staub und dichter Autoverkehr werden zu einer unangenehmen Kombination. Es ist einer jener Abschnitte, bei dem nicht der einzelne Berg oder eine bestimmte Distanz zur größten Herausforderung wird. Vielmehr ist es die Summe aus Temperatur, Verkehr, Staub und permanenter Konzentration. Die beiden sind froh, als sie Ungarn hinter sich lassen.
Rumänien – ein Land voller Gegensätze
In Rumänien beginnt ein völlig neuer Abschnitt. Jonas beschreibt das Land vor allem mit einem Wort: Kontraste. Einerseits ist überall Aufbruch zu sehen und zu spüren. Es wird gebaut, große Häuser entstehen, zahlreiche Straßen befinden sich im Umbau. Vieles vermittelt den Eindruck eines Landes, das sich schnell entwickelt. Andererseits begegnen den beiden Pferdekutschen und Dörfer, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Modernisierung und Tradition liegen hier unmittelbar nebeneinander.
Deichmanns Vorfreude auf die bekannteste Passstraße Rumäniens weicht schnell Enttäuschung.
Die Route führt zunächst im Norden entlang der ukrainischen Grenze. Danach geht es über einen Pass der Karpaten nach Transsilvanien beziehungsweise Siebenbürgen. Landschaftlich gehört dieser Abschnitt für Jonas zu den schöneren Teilen der vergangenen Tage. Die Straße führt permanent bergauf und bergab, die Umgebung erinnert ihn teilweise an Deutschland. Gleichzeitig ist die historische Verbindung der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Volksgruppe in dieser Region, bis heute spürbar. Und noch etwas fühlt sich plötzlich angenehm an: die Temperatur. Nach Tagen mit durchgängig fast 40 Grad sind die nun etwa 30 Grad Celsius für Jonas und Josefine bereits eine Form von Abkühlung.
Der Transfăgărășan: Traumstraße mit bitterem Beigeschmack
Dann wartet eine Straße, die wie gemacht scheint für ein Fahrradabenteuer: Der Transfăgărășan gehört zu den bekanntesten Passstraßen Rumäniens. In zahlreichen Serpentinen windet sich die Straße durch die Karpaten hinauf auf rund 2.000 Meter. Jonas kennt den Pass bereits, er ist dort vor ungefähr 15 Jahren gefahren – und war begeistert.
Die Passstraße Transfăgărășan hat sich zu einem unangenehmen Touristen-Hotspot entwickelt.
Nun erkennt er den Ort kaum wieder. Autos und Motorräder schieben sich in endlosen Kolonnen in Richtung Passhöhe. Auf den letzten sechs bis sieben Kilometern herrscht teilweise Stau. Menschen steigen aus ihren Autos, um Fotos und Selfies zu machen. Aus einer spektakulären Bergstraße ist an diesem Tag ein touristischer Hotspot geworden. Für Jonas ist es Massentourismus in seiner unangenehmsten Form.
Doch das größte Problem sind nicht die Autos. Es sind die Bären.
Wenn wilde Tiere ihre Wildheit verlieren
Die Region rund um den Transfăgărășan ist inzwischen auch für Begegnungen mit Braunbären bekannt. Immer wieder tauchen Tiere unmittelbar am Straßenrand auf. Auf der Abfahrt sieht das Duo ungefähr zehnmal Bären. Das klingt nach einem außergewöhnlichen Naturerlebnis, wird aber für die beiden schnell zu einem der emotional schwierigsten Momente der Reise.
Die folgenden Begegnungen mit Bären sind leider nicht wie erwartet und alles andere als ein Naturspektakel für Jonas Deichmann.
Denn die Tiere kommen nicht zufällig an die Straße. Sie wurden über einen längeren Zeitraum von Menschen mit Futter angelockt und warten inzwischen darauf, von Touristen etwas zu bekommen. Dabei weisen Schilder ausdrücklich darauf hin, die Tiere nicht zu füttern. Dennoch beobachten Jonas und Josefine einen Autofahrer, der einem Bären Weißbrot zuwirft. Für die Durchfahrt versuchen die beiden, möglichst immer ein Auto zwischen sich und den Bären zu haben. Bei dem enormen Verkehrsaufkommen ist das problemlos möglich.
Noch bedrückender als die unmittelbare Nähe der Tiere ist jedoch ihr Verhalten. Die Bären reagieren kaum noch auf Menschen oder Fahrzeuge. Selbst Hupen von Autos und Reisebussen beeindruckt sie nicht. Auch eine Bärenmutter mit Jungen bleibt davon nahezu unbeeindruckt. Die Tiere wirken abgestumpft.
Für jemanden wie Jonas, der auf seinen Abenteuern immer wieder die Begegnung mit ursprünglicher Natur sucht, ist genau das schwer zu ertragen. Einen Bären aus der Distanz in seinem natürlichen Lebensraum zu beobachten, wäre ein besonderes Erlebnis. Tiere am Straßenrand zu sehen, die auf Futter aus Autofenstern warten, ist etwas vollkommen anderes. Für Jonas bleibt deshalb vor allem Traurigkeit zurück. Der Transfăgărășan wird damit zwar zu einem der spektakulärsten Abschnitte dieser Etappe – allerdings ganz anders als erwartet.
Trauriger Anblick: Völlig apathische Bären, die am Straßenrand auf Futter warten, das ihnen aus den Autos zugeworfen wird. Die Donau – und die nächste Herausforderung wartet bereits
Am folgenden Tag verändert sich die Landschaft erneut. Die großen Anstiege liegen zunächst hinter ihnen. Die Strecke führt leicht bergab beziehungsweise flach durch den Süden Rumäniens, bis schließlich die Donau erreicht ist. Am nächsten Morgen soll um 6:30 Uhr die Fähre nach Bulgarien ablegen. Von dort sind es nach Jonas‘ ursprünglicher Planung nur noch etwa zwei Tage bis Griechenland. Doch leichter wird die Reise deshalb nicht. Im Gegenteil.
Die Temperaturen sollen erneut auf 35 bis 37 Grad steigen. Gleichzeitig gibt es auf vielen Abschnitten kaum Schatten. Noch entscheidender ist jedoch ein anderes Thema: Waldbrände. Unmittelbar neben der geplanten Strecke in Bulgarien hatten kurz zuvor zwei größere Feuer gewütet. Zum Zeitpunkt von Jonas‘ Update scheinen sie gelöscht zu sein. Auch aus Griechenland, Montenegro, Bosnien und Kroatien gibt es Meldungen über Waldbrände. Selbst wenn ein Feuer offiziell unter Kontrolle ist, kann sich die Situation schnell verändern. Glut kann im Boden verbleiben, Wind auffrischen und dadurch können neue Brände entstehen. Für eine langfristig geplante Bikepacking-Route bedeutet das vor allem eines: flexibel bleiben.
Jonas und Josefine wollen deshalb die Situation kontinuierlich beobachten und die Route verändern, wenn nötig. Das Ziel ist nicht, um jeden Preis einer vorher festgelegten Linie zu folgen. Sicherheit entscheidet. Zu diesem Zeitpunkt liegen noch ungefähr 3.500 Kilometer vor den beiden. In rund drei Wochen soll die Reise in München enden.
Ein Abenteuer, das sich nicht bis ins Detail planen lässt
Diese Etappe zeigt eindrucksvoll, warum eine lange Reise mit dem Fahrrad weit mehr ist als eine Aneinanderreihung möglichst vieler Kilometer. Da waren die endlosen Wälder Estlands und die schwierigen Sandpisten Lettlands und Litauens. Es folgten überraschend gute Radwege in Polen. Dann die 40-Grad-Hitze in Ungarn, die Karpaten und die grüne Landschaft Transsilvaniens.
Über Stock und über Stein – und über ein Provisorium aus Rohren: Ein Radabenteuer hält immer wieder Überraschungen bereit.
Und dann war da dieser eine Tag auf dem Transfăgărășan. Eine Straße, die Jonas aus der Vergangenheit als wunderschönen Ort kannte und die sich 15 Jahre später vollkommen verändert präsentierte. Statt Einsamkeit in den Bergen warteten Staus und Massentourismus. Statt einer besonderen Begegnung mit Wildtieren erlebte er Bären, deren natürliches Verhalten durch den Menschen massiv verändert wurde.
Genau diese Erlebnisse bleiben hängen. Es waren nicht unbedingt die schnellsten Tage. Nicht die meisten Kilometer. Nicht die höchsten Pässe. Sondern die Momente, die etwas auslösten.
Nun liegt die Donau hinter beziehungsweise vor Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski als nächste große geografische Grenze. Bulgarien und Griechenland warten, die Hitze kehrt zurück und die Waldbrandsituation könnte jederzeit Änderungen an der Route notwendig machen. Noch rund 3.500 Kilometer. Mit wahrscheinlich neuen Geschichten, die sich heute niemand ausdenken könnte.