Susan und Colin Cass haben es sich auf zwei Stühlen unter einem großen Pavillonzelt am Rand der Bezirkssportanlage in Garath gemütlich gemacht. Sie tragen die typisch gelben Trikots mit dunkelgrünem Rand, die man von australischen Fußball-Teams bei Weltmeisterschaften kennt. Der seitlich quer nach oben verlaufende Schriftzug „Australia“ ist nicht zu übersehen. Das Paar hatte wohl eine der längsten Anreisen zur Flag-Football-WM, die seit Donnerstag in der Landeshauptstadt läuft, der ersten WM in dieser Sportart auf deutschem Boden.
Noch bis Sonntag kämpfen 15 männliche und 15 weibliche Teams um die WM-Pokale sowie um je zwei Direkt-Tickets für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Da ist diese recht neue Sportart das erste Mal dabei. Und je nachdem, ob sich das australische Frauen-Team schon bei dem Turnier in Garath oder später bei einer noch auszuspielenden pazifischen Runde qualifiziert, werden auch Susan und Colin Cass am Spielfeldrand die Daumen drücken. Vor allem ihrer Enkeltochter Zoe, die die australischen Farben gerade schon bei der WM in Deutschland vertritt.
Erst seit März sei klar, dass Zoe im Nationalteam stehe, erzählt ihre Großmutter: „Sie hat zuvor auf hohem Niveau Rugby und Oz-Tag gespielt.“ Oz-Tag ist in Australien populär und mit Flag Football verwandt. Als dann klar gewesen sei, dass Flag-Football in zwei Jahren seine Olympia-Premiere feiert, stellte Australien schnell ein Frauen-Team zusammen.
Und wie war die WM-Premiere der Enkelin? „Sie hat gut gespielt“, sagt Colin Cass. Die Niederlage gegen die favorisierte USA sei keine Überraschung gewesen: „Das sind die Top-Favoritinnen.“ Colin und Susan Cass haben am Freitag Zeit für Sightseeing, weil Zoe spielfrei hat. Beide Teams aus Nigeria mussten wegen Visa-Problemen kurzfristig ihre Teilnahme absagen. Die deutschen Frauen verloren ihr Auftaktspiel gegen Mexiko mit 14:38.
Das eine oder andere Sehenswerte in der NRW-Landeshauptstadt kennt das Paar schon. „Wir haben einen Freund, der in Neuss wohnt, den ich schon öfter besucht habe“, sagt Colin Cass.
Am Donnerstag mussten sie noch die Zeit bis zum nächsten Spiel um 15 Uhr überbrücken. Doch das sei kein Problem, da es ein großes Angebot an Ständen und Rahmenprogramm gebe, sagt Susan Cass. Beide loben die von Bäumen gesäumte Anlage in Garath und die Stimmung. Sie seien „very impressed“, sagen sie.
Sehr beeindruckt vom Ambiente auf der Garather Bezirkssportanlage ist auch der deutsche Nationalspieler Luca Bultmann. Gerade hat sein Team das Auftaktspiel gegen Titelmitfavorit Mexiko mit 22:30 verloren. „Das hätte auch gut andersrum ausgehen können, das war echt knapp“, sagt der Düsseldorfer, der sonst für die in Garath beheimateten Firecats aufläuft. „Ich kenne die Anlage ja von unseren Trainings. Sonst ist hier nicht so viel los“, sagt Bultmann. Aber als er am Donnerstagmorgen im Stadion angekommen sei, sei er „geflasht“ gewesen.
Das gelte auch wegen des herzlichen Miteinanders der Sportler und Fans aus aller Welt. Im Laufe des Tages füllte sich das Areal zusehends. Wie eng Flag Football mit American Football verbunden ist, zeigt sich auch an den Ständen auf der Anlage. Mit den Atlanta Falcons, Indianapolis Colts, Kansas City Chiefs, New England Patriots, New York Giants und Seattle Seahawks sind sechs Klubs aus der NFL vertreten.
An allen Tagen gibt es ein von den New York Giants und der NFL Deutschland organisiertes Programm für die jungen Besucher. Sie können Footballs werfen, am Glücksrad drehen oder testen, mit welcher Kraft sie einen imaginären Gegner wegschieben könnten. Oder sich an der Schlange am Merchandising-Stand anstellen.
Ruhig angehen lässt es erst einmal eine junge Familie, die mit dem Auto aus Wesseling gekommen ist und sich die Auftaktniederlage der deutschen Männer ansieht. Die Familie interessiert sich für US-amerikanische Sportarten und habe schon Base- und Softball gespielt, berichtet die junge Mutter. Er trägt ein Käppi, auf dem vorne NFL steht. Wie sie von dem Event in Garath erfahren haben? „Aus dem Internet“, sagt der Vater einer dreijährigen Tochter. Karten hatten sie sich nur für den Auftakttag besorgt. Diese mussten im Internet bestellt werden, waren aber kostenlos. Insgesamt werden sich laut Veranstalter bis Sonntagabend 19.000 Zuschauer Spiele der Flag-Football-WM angesehen haben. Für Nationalspieler Luca Bultmann ist diese junge Sportart übrigens die coolere Variante zu American Football.
Die Sonntagstickets sind bereits ausverkauft, sie kosteten fünf Euro. Am Donnerstag gegen 16 Uhr konnte man noch kostenlose Karten für Freitag und Samstag buchen.