Atakan Karazor erlebt nach einem schwierigen Frühsommer nun auch noch eine schwierige Saison-Vorbereitung beim VfB Stuttgart. Geht der Kapitän heimlich, still und leise von Bord?

Es ist bisher noch nicht der Sommer des Atakan Karazor. Im Anschluss an die Saison 2025/26, die für den Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart nach einem eher stottrigen Start mit dem Einzug ins DFB-Pokalfinale sowie der Qualifikation für ein weiteres Jahr in der Champions League ein eigentlich recht versöhnliches Ende gefunden hatte, hatte sich Karazor berechtigte Hoffnungen gemacht, die Türkei auch bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko vertreten zu dürfen.

Letztlich entschied sich Nationaltrainer Vincenzo Montella gegen eine Berufung des 29-Jährigen. Mit Hakan Calhanoglu (Inter Mailand), Ismail Yüksek (Fenerbahce Istanbul) und Salih Özcan (BVB) war die Konkurrenz in der defensiven Mittelfeldzentrale zu groß und namhaft, weshalb Karazor trotz Nominierung in das vorläufige Aufgebot am Tag der finalen Kader-Bekanntgabe aus dem 26-Mann-Team der Türken purzelte und beim WM-Turnier, welches für die Türken bereits nach der Vorrunde zu Ende war, zum Zuschauen verdammt war.

Immerhin, dürfte sich Karazor gedacht haben, bestand so die Möglichkeit, von Anfang an bei der Saisonvorbereitung des VfB mit dabei zu sein. Während seine Teamkollegen teilweise noch in Amerika weilten oder sich im Anschluss in den wohl verdienten Sommer-Urlaub verabschieden, konnte er alles daran setzen, sich Coach Sebastian Hoeneß und dessen Trainierteam von der ersten Minute an zu empfehlen und seine Ambitionen auf einen Stammplatz in der kommenden Spielzeit zu unterstreichen.

atakan karazor tuerkeigettyChema Andres lief Atakan Karazor beim VfB Stuttgart den Rang ab

Etwas mehr als einen Monat später ist die Sommer-Vorbereitung mittlerweile in vollem Gange. Die WM-Fahrer und Urlauber sind zurückgekehrt. Karazors Standing in Stuttgart hat sich seit dem offiziellen Trainingsbeginn allerdings keineswegs verbessert. Ganz im Gegenteil. Der 29-Jährige steht rund eine Woche vor dem offiziellen Start in die neue Saison unter so großen Druck wie selten zuvor und droht einerseits seine Rolle als Stammspieler, andererseits aber auch als Leader im Team endgültig zu verlieren.

Dass er um seinen Platz in der ersten Elf kämpfen muss, ist dabei keine sonderlich neue Situation für den 29-Jährigen. Bereits vor exakt einem Jahr war Karazor in einer ähnlichen Situation, als der VfB mit Chema Andres ein äußerst vielversprechendes Mittelfeld-Talent von Real Madrid unter Vertrag nahm und sich schnell zeigte, dass Coach Hoeneß mit den Anlagen des 21-jährigen Spaniers mehr anzufangen wusste, als mit denen seines Kapitän.

So fand sich Karazor im ersten Saisondrittel nicht selten auf der Bank wieder. Erst als Chema selbst die ein oder andere Unsicherheit in seinem Spiel offenbarte und dazu die Ergebnisse ausblieben, schmiss Hoeneß seinen Plan um und beorderte Karazor neben dem unumstritten gesetzten Angelo Stiller zurück in die Startelf. Dort verblieb er dann auch bis zum Ende der Saison – speziell in der Rückrunde spulte Karazor ein starkes Pensum ab und stand, abgesehen von einer Gelb- sowie einer Rot-Sperre, in 13 von 16 möglichen Spielen von Beginn an auf dem Platz. Nur zweimal verzichtete Hoeneß gänzlich auf ihn, etwas überraschend ausgerechnet auch im Pokalfinale.

Muss Atakan Karazor auch um sein Kapitänsamt beim VfB Stuttgart zittern?

Und dennoch ist die Situation in diesem Sommer eine etwas andere. Noch immer führt beim VfB im zentralen Mittelfeld kein Weg an Stiller vorbei, einer der beiden Plätze vor der Abwehr ist dementsprechend bereits vergeben. Um die Position an der Seite des deutschen Nationalspielers streiten sich mit Karazor und Chema die beiden Kontrahenten des vergangenen Jahres, sowie der ablösefrei von der TSG Hoffenheim verpflichtete Grischa Prömel.

Vor allem der hinterließ im Trainingslager der Schwaben am bayerischen Chiemsee einen starken Eindruck, zumal er ohnehin als absoluter Wunschspieler von Trainer Hoeneß gilt. Aus rein sportlicher Sicht dürfte die Lage für Karazor also noch einmal deutlich kniffliger sein als im vergangenen Jahr, als er „nur“ mit dem noch wenig erfahrenen Chema fertig werden musste.

Und da wäre dann natürlich noch die Sache mit der Kapitänsbinde. Nicht nur wegen seiner sportlichen Leistungen war Karazor, der das VfB-Trikot immerhin seit der Saison 2019/20 trägt und somit ein Gesicht des seit Jahren anhaltenden Stuttgarter Aufschwungs ist, in der Vergangenheit ein wichtiger Faktor in Stuttgart. Allen voran schätzte Hoeneß an ihm seine Qualitäten auf dem Platz als Leader und Führungsspieler innerhalb der Mannschaft.

Für die kommende Spielzeit wird auch diese Rolle zumindest zur Disposition gestellt. Hoeneß erklärte am Rande des Testspiels gegen den FC Everton, dass er sich noch nicht final auf einen Kapitän festgelegt habe. Vor allem Stürmer und Publikumsliebling Deniz Undav soll in der Gunst des VfB-Trainers ganz oben stehen, eine Entscheidung wird erst unmittelbar vor dem ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal gegen Hansa Rostock fallen: „In Testspielen mache ich mir darüber noch keine Gedanken. Aber irgendwann werden wir die Entscheidung natürlich treffen.“

Karazor habe es in den letzten beiden Jahren „sehr gut“ gemacht als Spielführer, dennoch wolle man sich noch einmal Gedanken machen, so Hoeneß. Undav selbst äußerte sich hingegen diplomatisch über die Situation seines inzwischen guten Freundes: „Selbst wenn ich Kapitän werden sollte, wird Ata mein Kapitän bleiben.“

Atakan KarazorGetty ImagesHat Atakan Karazor noch eine Zukunft beim VfB Stuttgart?

Sollte Karazor die Kapitänsbinde bei den Schwaben tatsächlich verlieren, wäre dies ein weiteres Indiz dafür, dass ihn die Verantwortlichen in Stuttgart sportlich nicht mehr im ganz obersten Regal ansiedeln. Zuletzt hieß es, dass der 29-Jährige sich aber trotz der widrigen Umstände beim VfB durchbeißen und auf keinen Fall das Weite suchen wolle. Die Bild-Zeitung berichtet nun jedoch, dass ein Verkauf bei einem passenden Angebot nicht mehr ausgeschlossen sei.

In den türkischen Medien wird in diesen Tagen derweil über ein Interesse von Trabzonspor spekuliert. Es wäre das erste Engagement des gebürtigen Esseners außerhalb Deutschlands. Gleichwohl würde der VfB einen Führungsspieler – mit oder ohne Binde – verlieren, der innerhalb der Mannschaft und allen voran bei Undav äußerst beliebt ist. Zweifellos würde sich der Verlust im Zuge der Dreifachbelastung auch sportlich auswirken. Schließlich standen die Vorzeichen schon einmal schlecht – und am Ende behauptete Karazor dennoch seinen Stammplatz.