„Keine Angst vor dem leeren Blatt!“, ruft Ekaterina Zarinskaya in die Runde des neuen offenen Malateliers in Wertingen. An diesem Vormittag begrüßt sie drei Frauen, die sich auf das Abenteuer Farbe eingelassen haben – darunter mich, die Autorin. Zarinskayas Philosophie klingt einfach: Wichtig sei, dass man Effekte erkennt, den Zufall bewusst zulässt und im richtigen Moment weiß, wann ein Bild zu Ende gedacht ist. „Farben mischen“, sagt sie lächelnd, „ist wie Musik.“

Ich habe bewusst das letzte Mal in meiner Schulzeit einen Pinsel in der Hand gehabt, war nie ein Kunstgenie. Und doch sitze ich nun hier, mitten im Wertinger Atelier, und lasse mich neugierig auf dieses Experiment ein.

„Jeder Strich ist individuell, jede Handschrift einzigartig“

Für Katrin Rietentidt ist es zwar ihr erster Kurs, doch das Malen ist ihr keineswegs fremd, sie hat bereits viel gemacht, vor allem Bauernmalerei. Sie hat sich als Vorlage einen eleganten, filigranen Vogel ausgesucht. Zunächst skizziert sie ihn, lässt dann die Wasserfarben auf dem Papier fließen und erschafft ihre ganz eigene Version. Am Ende blickt sie ein wenig skeptisch auf ihr Werk, denn ihr Vogel ist etwas kräftiger geraten als das feine Original. Doch genau da grätscht die erfahrene Künstlerin Zarinskaya ermutigend dazwischen: „Jeder Strich ist individuell, jede Handschrift einzigartig.“

Marion Buk-Kluger, hier bei der Eröffnungsmoderation beim Stadtfest der Zusamstadt, probierte sich im offenen Malatelier in Wertingen aus.

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Marion Buk-Kluger, hier bei der Eröffnungsmoderation beim Stadtfest der Zusamstadt, probierte sich im offenen Malatelier in Wertingen aus.
Foto: Berthold Veh

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Marion Buk-Kluger, hier bei der Eröffnungsmoderation beim Stadtfest der Zusamstadt, probierte sich im offenen Malatelier in Wertingen aus.
Foto: Berthold Veh

Auf der anderen Seite arbeitet Elvira Bertram aus Fristingen. Sie bringt schon 20 Jahre an Malerfahrung mit und nutzt die Zeit im Atelier vor allem, um nach einer Pause wieder den richtigen Zugang zum Gestalten zu finden. Sie wählt Acrylfarben auf der Leinwand und wie im Flug entsteht unter ihren Händen eine bunte Häuserflucht. Eine kleine Straße führt hinein, schemenhafte Menschen bewegen sich über das Papier. Ich beobachte sie fasziniert und erwische mich bei dem Gedanken: „Uff, das schaffe ich nie.“

Im Malatelier in Wertingen wird aus einem komischen Gefühl ein gutes

Und trotzdem verwerfe ich die Zweifel, greife selbst zum Stift und skizziere mein geplantes Motiv: Eine Frau am Strand, die hinaus aufs weite Meer, einem Schiff hinterherblickt, das langsam am Horizont verschwindet. Hinter ihr die dunkle Silhouette eines Mannes.

Als die Kursleiterin zu Beginn an meinen Platz tritt, um mir unter die Arme zu greifen, schleicht sich kurz ein komisches Gefühl ein. Ich möchte schließlich mein Bild malen, nicht eines, das mir aus der Hand genommen wird. Doch die Sorge ist unbegründet, sie spürt mein Zögern sofort, zieht sich feinfühlig zurück und lässt mich einfach machen. Erst, als ich später selbst nach ihr rufe, weil ich bei der richtigen Nuancierung des Schattens feststecke, nehme ich ihre Ratschläge dankbar an. Es ist dieser angenehme Grundsatz des Ateliers: Jeder malt in seinem eigenen Tempo, in seinem ganz persönlichen Stil.

Im Laufe des Vormittags gesellt sich noch Sibylla Lechner dazu. Früher hat auch sie Bauernmalerei gemacht, heute wagt sie sich an etwas ganz Spezielles, eine handgemalte Grußkarte. Später greift sie zu Pinsel und Farben, um eine echte, vor ihr stehende Blumenvase zu porträtieren. Das Ergebnis begeistert Katrin Rietentidt, dass auch sie spontan die Vase als neue Inspiration für sich entdeckt.

Nach drei Stunden neigt sich der Vormittag dem Ende zu. Was bleibt, ist ein gutes Gefühl. Die Lust, auch in Zukunft wieder öfter zum Pinsel zu greifen, ist definitiv geweckt.

Künstlerin Zarinskaya: „Freude am Malen entsteht, wenn niemand perfekt sein muss“

Kunst braucht Zeit, Chaos und vor allem Raum für das Eigene. Und genau diesen Raum findet man im offenen Malatelier in Wertingen, egal ob Erwachsener oder Kind, ob blutiger Anfänger oder geübter Freigeist. Denn „Freude am Malen entsteht, wenn niemand perfekt sein muss“, so Zarinskaya.