Berechnet werden diese Todesfälle über die sogenannte Übersterblichkeit. Mit statistischen Modellen wird das Mittel von Sterbefällen in einem bestimmten Zeitraum des vergangenen Jahres mit dem Mittel desselben Zeitraums 2026 verglichen. Dabei werden verschiedenste Einflussfaktoren berücksichtigt, damit die Schätzung so akkurat wie möglich ist. Studien in den vergangenen Jahren haben jedoch gezeigt, dass eher mehr Menschen durch die Hitze sterben, als vom RKI geschätzt wurde.

„Die genaue Zahl der hier Betroffenen kennt niemand“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, und fordert: „Den Folgen des Klimawandels muss endlich ein Gesicht gegeben werden.“ Dafür müssten hitzebedingte Todesfälle auch als solche auf den jeweiligen Totenscheinen gekennzeichnet werden. Es müsse auch festgehalten werden, ob der Hitzetod im Krankenhaus, Pflegeheim oder zu Hause aufgetreten sei. „Nur so werden die Konsequenzen einer auf die klimatischen Veränderungen unvorbereiteten Regierung schonungslos offengelegt“, sagte Brysch unserer Redaktion.

Bisher hat die Bundesregierung keine konkreten Maßnahmen zum Hitzeschutz vorgelegt. Bei der Sommerkonferenz von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) Mitte Juli sagte dieser, er werde die Lage weiter beobachten. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, sieht aber auch Versäumnisse bei den Ländern. „Dass in Deutschland nur sehr wenige Patientenzimmer über Kühltechnik verfügen, liegt hauptsächlich an der seit Jahrzehnten unzureichenden Investitionskostenfinanzierung der Länder“, so Gaß. Die Länder sind für die Finanzierung der Krankenhäuser zuständig. „Gedeckt sind derzeit aber gerade 60 Prozent des Bedarfs“, sagt Gaß. „Ziel muss sein, dass sich die Situation in den Kliniken bis zum nächsten Sommer spürbar verbessert hat.“ Dafür bräuchten die Krankenhäuser jetzt notwendige Mittel, um ihre Gebäude kurzfristig mit Kühltechnik auszustatten.

Heiße Gruppenräume in Kitas

Auch Kindertagesstätten und Horte sind oft nicht für die heißen Temperaturen ausgestattet. „In überhitzten Gruppenräumen wird der Alltag für Kinder und Beschäftigte zunehmend zur gesundheitlichen Belastung“, berichtet Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unserer Redaktion. „Kurzfristig braucht es deshalb Verschattung, funktionierenden Sonnenschutz, Möglichkeiten zur Abkühlung, ausreichend Trinkwasser und angepasste Tagesabläufe.“ Langfristig müssten die Gebäude klimaresilient saniert sowie Außenflächen begrünt werden und jede Einrichtung brauche einen Hitzeschutzplan. Den jüngsten Vorschlag von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), Klimaschutz und -anpassungen ins Grundgesetz aufzunehmen, begrüßt Finnern, warnt aber auch: „Das bedeutet aber nicht, dass bis dahin nichts getan werden kann. Aus Sicht der GEW bedarf es daher konkreter politischer Maßnahmen.“