Sie fühle sich diskriminiert, sagte die Berliner CDU-Bezirksverordnete Aileen Weibeler Anfang der Woche in einem Instagram-Video – denn sie als weiße Person dürfe am Freitag nicht ins Schwimmbad vor der Volksbühne. Dort sollten Kinder und Jugendliche der Schwarzen Community für einige Stunden exklusiv baden dürfen, im Rahmen einer Veranstaltung des Vereins Each One Teach One (Eoto).
Was folgte, war eine Hetzkampagne von rechten Influencer:innen und Medien, Drohungen an die Volksbühne und an Eoto. Das Theater sagte die Veranstaltung deshalb ab und ließ das Becken aus Solidarität mit der Schwarzen Community am Freitag komplett geschlossen.
Hier erzählen vier Schwarze Berliner:innen, wie sie auf die Veranstaltung und ihre Absage blicken und wie sie Rassismus in Schwimmbädern, im Alltag und in der Gesellschaft erleben.
Justice Mvemba (35): „Schwimmen ist eine privilegierte Praxis“
Justice Mvembas (Foto oben) Eltern sind mit ihr aus dem Kongo nach Freiburg geflüchtet, als sie ein Baby war. Seit einigen Jahren führt sie das Unternehmen Dekoloniale Stadtführung. Sie erklärt, was Schwimmen und Freibäder mit Rassismus und Klassismus zu tun haben, und erzählt von ihren Erfahrungen als Schwarze Frau in Berlin.
„Ich habe erst in der fünften Klasse schwimmen gelernt, viel später als meine Klassenkamerad:innen. Das war immer etwas, wofür ich mich geschämt habe. Aber nicht nur die fehlende Übung hat das Schwimmen für mich unangenehm gemacht, sondern auch die Blicke in der Sammelumkleide. Ich war die einzige Schwarze Person in meiner Klasse.
Wenn deine Eltern nach Deutschland fliehen, dann haben die in den ersten Jahren ganz andere Themen, als ihre Kinder ins Schwimmbad zu bringen. Da geht es erst mal um einen Deutschkurs, einen Job und darum, die Familie zu versorgen. Schwimmen ist eine privilegierte Praxis. Die Veranstaltung von Eoto im Volksbad wäre kostenlos gewesen – das ist für Kinder aus einkommensschwachen Familien essenziell.
Mein Verhältnis zum Schwimmen hat sich erst im Erwachsenenalter geändert. Als ich mit 23 nach Berlin gezogen bin, habe ich gemerkt, dass es einigen Schwarzen Menschen so geht wie mir. Dass sie auch nicht so gut schwimmen können und sich auch unwohl fühlen. Ich beobachte auch, wie Schwarze Jungs in Schwimmbädern stigmatisiert werden. Wenn sie herumlaufen und toben, dann fühlen sich schnell Leute gestört und unterstellen ihnen, gefährlich zu sein.
Bei der Veranstaltung ging es ja darum, sich dem weißen Blick zu entziehen.
Justice Mvemba
In Safe Spaces, wie es die Veranstaltung im Volksbad sein sollte, ist der Körper nicht mehr dem weißen Blick unterworfen, sondern wird zur Norm – man selbst ist keine Minderheit mehr. Das kann heilend sein.
Die Absage macht mich traurig, doch sie war notwendig. Was wäre das für eine Erfahrung, wenn man ins Schwimmbad geht und dafür Polizeischutz braucht? Und wenn daraus so ein Spektakel gemacht wird, die Passanten Bilder machen von den Kindern und den Polizisten, die da drumherumstehen, dann ist man ja wieder diesem weißen Blick unterworfen.
Der weiße Blick – The White Gaze
Die afroamerikanische Autorin Toni Morrison nutzte das Konzept vom „White Gaze“, um auf ein Phänomen in der Literaturszene aufmerksam zu machen. Demnach werden die meisten Bücher mit dem Blick auf eine weiße Leserschaft geschrieben. Bücher dienen dazu, die Erfahrungen von weißen Menschen zu erklären und in einen Kontext zu stellen.
Dabei werden die Erfahrungen und Persönlichkeiten der Schwarzen als eine Möglichkeit genutzt, das Wachstum der weißen Charaktere zu unterstützen – ohne viel mehr über das Leben des Schwarzen Charakters zu erklären.
Wenn Politikerinnen so offen rassistisch sein können, wie Aileen Weibeler, ohne Konsequenzen zu spüren – wer in diesem Land soll dann Schwarze Menschen schützen? Diese geschlossene Veranstaltung ist ein grundsätzliches Recht. Damit Schwarze Menschen mal nicht rassistischen Aussagen ausgeliefert sind.“
Najmah Kasirye (23): „Einige Patienten wollen nicht von mir gepflegt werden“
Naimah Kasirye will, dass sich Menschen egal welcher Hautfarbe an einem Ort wohlfühlen können.
© Defne Arslan
Najmah Kasirye ist 23 Jahre alt und kommt aus Uganda. Vor einigen Jahren hat sie in Berlin eine Ausbildung als Pflegefachkraft begonnen.
„Im öffentlichen Raum hier in Berlin habe ich selbst kaum Rassismus erlebt. Die Stadt ist sehr multikulturell und offen. In meiner Ausbildung als Pflegefachkraft allerdings begegnet mir Rassismus häufiger. Einige Patienten wollen beispielsweise aufgrund meiner Hautfarbe nicht von mir gepflegt werden. Viele denken, wir würden ihnen etwas wegnehmen wollen. Diese Denkweise ist nicht in Ordnung. Leider sind solche Erfahrungen im Pflegebereich normal für mich. Wenn ich sowas erlebe, versuche ich, es nicht persönlich zu nehmen. Ich kenne andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Ich denke, das Volksbad sollte ein Safe Space für alle Menschen sein, egal welcher Hautfarbe.
Najmah Kasirye
Von der abgesagten Veranstaltung im Volksbad habe ich über Social Media erfahren. Ich habe erst nicht gedacht, dass das wahr ist. Es ist schlimm, dass es diese Drohungen gab. Ich weiß aber nicht so ganz, ob Schwarze einen Safe Space im Schwimmbad brauchen. Ich denke, das Volksbad sollte ein Safe Space für alle Menschen sein, egal welcher Hautfarbe.“
Francis Dieme (26): „Angucken wegen der Hautfarbe passiert Schwarzen Kindern tagtäglich“
Francis Dieme findet eine exklusive Reservierung für die Schwarze Community legitim.
© Defne Arslan
Francis Dieme hat Wurzeln im Senegal. Zunächst lebte er in Düsseldorf, bevor er nach Berlin zog. Der 26-Jährige wünscht sich gleiche Chancen und Respekt für alle Menschen, unabhängig von ihrer Hautfarbe.
„Im Alltag bin ich sehr fokussiert auf meine Aufgaben. Wenn ich Rassismus erlebe, zieht das vollkommen an mir vorbei. Aber auf Social Media sehe ich immer wieder rassistische Kommentare unter diversen Beiträgen, das ist wirklich schlimm.
Während meiner Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten gab es Situationen, bei denen Patienten nicht zu mir an die Rezeption kommen wollten. Kollegen haben diese Leute dann des Gebäudes verwiesen.
Ich hätte nicht gedacht, dass es wegen so einer Kleinigkeit zu so einer heftigen Debatte kommt.
Francis Dieme
Im Schwimmbad habe ich selbst noch nie etwas Schlimmes erlebt. Aber eine nahe Bekannte von mir wurde dort mal wegen ihrer Hautfarbe blöd angemacht. Ich finde es wirklich heftig, dass das Event für Schwarze Jugendliche im Volksbad aufgrund von Drohungen abgesagt werden musste. Was soll daran so schlimm sein, das Schwimmbad für einige Stunden für Schwarze Kinder zu reservieren? Es ist doch schön, wenn sie sich wohlfühlen können. Das mit dem Angucken wegen der Hautfarbe passiert ihnen ohnehin tagtäglich. Ich hätte nicht gedacht, dass es wegen so einer Kleinigkeit zu so einer heftigen Debatte kommt.“
Lulu Gacy (34): „Ich rechne im Schwimmbad immer damit, dass ein älteres Ehepaar schief guckt“
Lulu Gasy ist Tanzlehrerin und unterrichtet unter anderem Zumba in Berlin.
© GetYourGuide
Lulu Gacy, wurde als Baby von ihren Eltern aus der Ukraine adoptiert. Heute lebt sie in Neukölln, arbeitet als Tanzlehrerin und unterrichtet Zumba sowie Afro-Latin-Tanzworkouts. Sie erzählt, warum sie sich in Schwimmbädern nie willkommen gefühlt hat – und warum die abgesagte Veranstaltung an der Volksbühne für sie so wichtig gewesen wäre.
„‚Da schwimmt Kacka’, rief ein anderer Freibadgast mir einmal zu. Ich war noch jugendlich. Solche Beleidigungen haben mich geprägt. Ich habe mich oft nicht willkommen gefühlt und dachte, ich müsse mich anpassen: Ich redete betont leiser, wollte nicht auffallen, achtete darauf, gepflegt zu wirken. Ich achtete besonders auf meine Haare, aber auch auf meine Haut.
Andere Kinder und Jugendliche haben mich immer wieder gefragt, warum ich mich sonne, wenn ich doch schon so dunkel bin. Also kann ich mich daran erinnern, dass ich als Kind extra immer in den Schatten gegangen bin, um mir keine weiteren unüberlegten Kommentare mehr anhören zu müssen, aber auch, um nicht noch dunkler zu werden.
Mein Vater war Sinti, ich war ein schwarzes Kind – in Brandenburg fielen wir überall auf. Deshalb zog es uns nach Neukölln. Dort habe ich mich wohler gefühlt.
Doch auch heute, als 34-jährige Frau, fühle ich mich im Schwimmbad unwohl. Es hängt zwar davon ab, wo ich hingehe, aber ich rechne immer mit Unfreundlichkeit – oder damit, dass ein älteres Ehepaar mich schief anguckt. Das ist für mich normal geworden. Deswegen finde ich es cool, was da an der Volksbühne geplant wurde.
Natürlich erlebe ich Rassismus auch außerhalb des Schwimmbads. Ich wurde etwa von einem Mitarbeiter meiner Tanzschule belästigt. Nachdem ich mich bei meinem damaligen Chef beschwert hatte, hat dieser mich gekündigt. Ich wendete mich daraufhin an den Verein Eoto. Erst dadurch konnte ich verstehen, was mir widerfahren war: Rassismus.
Verein Eoto
Each One Teach One e.V. (Eoto) ist eine Bildungs- und Empowerment-Organisation für die Schwarze Community in Berlin. Eoto setzt sich für die Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland und Europa ein. Der Verein hatte die abgesagte Veranstaltung im Volksbad geplant.
Ich habe auch schon Projekte mit Eoto gemacht und kenne viele, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Man tauscht sich aus, es entstehen Kontakte, die bleiben. Man versteht, dass man nicht alleine ist mit diesen Themen. In so einer großen Gruppe fühlt man sich viel bestärkter.
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Die Kinder und Jugendlichen hätten an der Volksbühne ähnliche Erfahrungen machen können. Doch nun bleiben die Hetze und die Absage hängen. Sie merken, dass sie eben nicht überall hin dürfen, selbst in ihre eigenen Safe Spaces.“