Wuppertal ist für ihn eine Lieblingsstadt – neben Tokyo, Montréal oder Berlin. Warum, das verriet Wim Wenders 2015 dem Tagesspiegel: „…das Größte ist für mich die Schwebebahn in Wuppertal!“ Der Bau einer Bahn über dem Fluss im engen und lang gestreckten Tal sei eine ideale Lösung, ermögliche ein Fortkommen, ohne den Verkehr zu stören, und eine „tolle Aussicht“. Als Düsseldorfer Volksschüler habe er auf einem Ausflug nach Wuppertal „dieses riesige, brummende Insekt mit seinen hohen Beinen das erste Mal gesehen… Ich fand das sensationell“. Als Regisseur machte er Jahrzehnte später die Schwebebahn zum wichtigen Akteur in zwei Filmen. „Alice in den Städten“ und „Pina“ – ein preisgekrönter Film und Thema einer Magisterarbeit.
Für die große Choreografin empfand Wim Wenders Hochachtung, seit er 1985 „Café Müller“ in Venedig gesehen hatte. „Sie sprach mir aus der Seele“, erinnerte er später in einem Video zum Film „Pina“. Über das persönliche Kennenlernen erwuchs eine langjährige Freundschaft und der Plan für einen gemeinsamen Film, der ihre Arbeit dokumentieren sollte. „Eine leichtsinnige Idee“, so Wenders rückblickend, da er erst einen Weg finden musste, den „schönen, lebendigen und freien Tanz“ räumlich zu filmen. Er fand ihn in der noch jungen 3D-Technik. 2008 ging es schließlich los: Stücke wurden ausgesucht, 2009 die konkrete Produktion vorbereitet. Der Tod Pina Bauschs am 30. Juni stoppte alles. Erst nach einer Phase der Trauer und Reflexion und von vielen Seiten ermutigt setzte Wenders die Arbeit fort.
Die Kamera soll regelrecht
mit den Tänzern tanzen
Ein Presseheft, das zur Premiere des Films „Pina – Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ zusammengestellt wurde, gibt Auskunft über die Produktion. Gedreht wurde in zwei Blöcken Ende Oktober 2009 und Mitte April 2010 in Wuppertal. Zunächst wurden die von der Choreografin ausgesuchten Stücke „Café Müller“, „Le Sacre du printemps“ und „Vollmond“ auf der Opernbühne live vor Publikum aufgenommen. In engem Zeitfenster, die Aufnahmen durften nicht beliebig unterbrochen oder wiederholt werden. Alain Derobe, einer der erfahrensten 3D-Pioniere, arbeitete mit einem speziellen auf einem Kamerakran montierten 3D-Kamerasystem, stellte die Kamera zwischen den Tänzern auf. „Für die Tiefengestaltung des Raumes ist es sehr wichtig, nah an den Tänzern zu bleiben und ihnen zu folgen. Die Kamera soll regelrecht mit den Tänzern tanzen.“
In einem zweiten Block zeichnete das Team „Kontakthof“ von Pina Bausch auf, diesmal ohne Publikum – mit dem Ensemble des Tanztheaters, mit Damen und Herren ab 65 und mit Teenagern ab 14.
Zunächst arbeitete der Regisseur wie Pina Bausch, befragte die Tänzer, die mit ihren Körpern antworteten. Dann ging er mit ihnen in die Stadt – etwas, das die Choreografin nie getan hatte. „Das ist, wenn Sie so wollen, mein einziger kreativer Input“ sagte er später in einem Zeitungsinterview: „Auf diese Art konnte auch die wunderschöne kleine Stadt Wuppertal mitspielen, die Pina 30 Jahre inspiriert hat. Ich habe Orte gesucht, die das, was getanzt wurde, am besten rausbringen. Ich kenne die Gegend gut, ich habe einen meiner ersten Filme dort gedreht, Alice in den Städten, und ich mag vieles sehr gern, was es in Wuppertal, im Umland und im Ruhrgebiet gibt.“ Er inszenierte die Soli auf öffentlichen Plätzen, in Industrielandschaften, in der weitläufigen Natur des Bergischen Landes – und in der Schwebebahn. Dabei kam auch ein Sonderwagen zum Einsatz, erinnert Rainer Friedrich, stellvertretender Pressesprecher der WSW-Unternehmensgruppe. Das Verlassen des begrenzten Bühnenraums war ein Wagnis, das eigens für den Film entwickelte kompakte 3D-Steadycam-System machte die Soli – Passagen aus Stücken Pina Bauschs mit vorgegebenen Bewegungen, Kostümen und Musik – zur perfekten Ergänzung zu den Tanzstücken auf der Bühne“, so Wenders. Sie gaben den Tänzerinnen und Tänzern ein Gesicht und schufen unvergessliche Bilder.
Eine Tänzerin steht in einem roten schulterfreien Cocktailkleid in der alten Wagenhalle Oberbarmen. Die seitlich angewinkelten Arme gehen in die Höhe, ihr Blick fällt anerkennend auf die sichtbar werdenden Muskelpakete. Derweil wandern die Arme zu den Hüften, lösen sich mit dem Mann hinter der Frau, heben sie in die Höhe, der Mann schwingt sie im Kreis – in der Wagenhalle und auf der Straße unter der Schwebebahn in Vohwinkel. Fließende Bewegungen im Kontrast zur kühlen, stählernen Bühne, zarter Frauenkörper in festlichem Outfit im witzigen Kontrast zu männlicher Körper- und Maschinenpower.
Eine Schwebebahn der beliebten Baureihe 1972 verlässt die Station Döppersberg in Richtung Barmen, fährt durch die enge Häuserflucht der Sonnborner Straße – gefilmt wird im Wageninnern. In einer Station steigt eine Frau breitbeinig stampfend ein. Sie trägt ein weißes Cocktailkleid, die schwarzen langen Haare hängen kopfüber vor dem nach unten geneigten Kopf. In der Hand hat sie ein weißes Kopfkissen, das sie zu keuchenden, schmatzenden Geräuschen malträtiert. Schließlich legt sie es auf eine Bank, setzt sich darauf, hebt den Kopf. Das Gesicht wird frei, Musik setzt ein.
Die vielleicht bekannteste Szene widmet sich einem Paar, das im verdorrten Gras der engen Verkehrsinsel in Barmen nah beieinander steht. Dort, wo Bundesstraße 7 (Friedrich-Engels-Allee/Höhne) auf den Steinweg und das Fischertal aufeinandertreffen (Wenders: „…auf einer Kreuzung, haben wir auch gedreht. Man muss sagen, dass Wuppertal auch sehr hässlich aussehen kann. Aber nur da konnte ihr Werk entstehen.“) Er neigt seinen Kopf zu ihrer Kehle, sie schwingt die Arme um ihn, sie drehen, küssen sich. In der Höhe über ihnen das Schwebebahngerüst, das in die Station Alter Markt führt. Eine Schwebebahn fährt über sie hinweg. Sie merken es nicht. Auch hier der Kontrast zwischen Tänzern und Wuppertaler Stadtalltag.
„Wuppertal wirkt in diesen Szenen wie verzaubert, da kann der Verkehr ruhig tosen und der Putz blättern“, schrieb die WZ 2011. Und Wenders selbst sagte in einem Interview, dass Pina Bausch ihn oft gewarnt habe, Wuppertal sei keine „Sonntagsstadt“. Doch beim Dreh habe das ganz anders ausgesehen: „Auf eine mysteriöse Art und Weise schien an jedem unserer Drehtage in der Stadt die Sonne. Es war unfassbar, Wuppertal ist sonst eher verregnet. Kaum haben wir gedreht, schien die Sonne. Ob Pina da dran geschraubt hat? Ich weiß es nicht.“
Aus dem Film mit Pina wurde eine Hommage für Pina, ein Geschenk ganz anderer Art, die Tänzerinnen und Tänzern sagten mit der Ausdruckskraft des Körpers Dank an Pina. Ein Hauptdarsteller die Schwebebahn, Pina Bauschs täglicher Begleiter, der jahrelang direkt an ihrem Fenster vorbeifuhr. Symbol ihrer Alltagsstadt. „Für Kinobesucher ist der Film obendrein wegen der ungewöhnlichen Bilder eine Offenbarung, zeigt er doch atemberaubende Facetten einer oft verkannten Stadt“, freut man sich beim Wuppertal Marketing.