Kennen Sie diesen fiktiven Dialog? Ich habe ihn schon in verschiedenen Zusammenhängen gehört und finde ihn sehr aussagekräftig. Sagt der Mann zur Frau: „Wenn es uns Männer nicht gäbe, wer sollte euch dann beschützen?“ Fragt die Frau zurück: „Vor wem denn dann?“

Am vergangenen Sonntagabend hat ein 33-jähriger Mann in Werther mutmaßlich seine 36-jährige Ex-Partnerin mit einem Küchenmesser getötet und sich danach der Polizei gestellt. Auch wenn die Ermittlungen zu den Hintergründen dieser Tat erst am Anfang stehen, so bleibt festzustellen: Hier wurde einer Frau brutale Gewalt angetan, die nach derzeitigen Erkenntnissen mit einer Beziehung in Verbindung steht.

Früher wurde in solchen Momenten oft von „Familiendrama“, einem „tragischen Verbrechen“ oder einer „Beziehungstat“ gesprochen. Was stets suggerierte, als habe ein von beiden Seiten geführter Streit quasi durch unglückliche Fügung zu einer Gewalttat geführt. Diese Sprache verharmloste den Umstand, dass Männer Frauen töten – und zwar aus männertypischen Motiven.

Warum wir den Begriff „Femizid“ in Werther zunächst nicht verwendeten

Dass Männer Frauen Gewalt antun, eben weil sie Frauen sind, wird unter dem Begriff „Femizid“ zunehmend diskutiert. Zwar handelt es sich dabei im deutschen Strafrecht nicht um einen eigenen Straftatbestand, doch haben die Ermittlungsbehörden das Problem erkannt und gewinnen Erkenntnisse daraus, dass sie Zahlen zu Tötungsdelikten in Beziehungen erfassen. Das Bundeskriminalamt etwa betont: „Der Anteil weiblicher Opfer innerhalb von (Ex-) Partnerschaften liegt bei mehr als 80 Prozent.“

Der Fall: 36-Jährige in Werther mit Küchenmesser getötet

Schnell erreichten uns in diesem Zusammenhang auch Rückmeldungen zu unserer Berichterstattung über das Tötungsdelikt in Werther. Wir hatten im ersten Artikel den Begriff „Femizid“ nicht verwendet, eben weil die Ermittlung von Motiv und Tathergang noch am Anfang stand. Warum wir diesen Hintergrund des Problems nicht benennen würden, wurden wir gefragt.

In der weiteren Berichterstattung haben wir die Polizei explizit um eine Einordnung gebeten: Man denke das immer mit, allerdings sei es noch zu früh, etwas über das Motiv zu sagen, lautete die Antwort. Natürlich: Hier wurde eine brutale Tat mit einem Küchenmesser begangen, was für Affekt sprechen könnte. Und auch für ausufernde Wut und Emotionen des mutmaßlichen Täters. Nach HK-Informationen könnte der Beschuldigte polizeibekannt sein: wegen Körperverletzung und Bedrohung. Das würde sich ebenfalls ins Raster „Femizid“ fügen. Allerdings ist er aktuell nicht vorbestraft.

Fraglich, ob die Hintergründe des Tötungsdeliktes ans Licht kommen


Gewalt gegen Frauen in Beziehungen ist durch Zahlen gut belegbar. - © Unsplash

Gewalt gegen Frauen in Beziehungen ist durch Zahlen gut belegbar.
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Das größte Problem: Außer dem Täter selbst war niemand bei der Tat dabei, der darüber reden könnte. Umso ernüchternder klingt der Ausblick von Staatsanwältin Claudia Bosse, auch wenn sie Hoffnungen in die weitere Ermittlungsarbeit setzt: Es sei fraglich, ob sich der Tathergang jemals schlüssig rekonstruieren lasse. Zumal sich der Beschuldigte bislang nicht geäußert hat. Bosse allerdings benennt die Tat mittlerweile klar als Femizid.

Und dennoch scheint es möglich, dass dieser Fall mit einem Urteil zu den Akten gelegt wird, ohne dass man seine Hintergründe vollständig erfasst hat. Doch über das Problem der Gewalt gegen Frauen muss und darf man in diesem Zusammenhang trotzdem reden. Denn sie ist zweifellos da.

Die Ermittlungen: Getötete aus Werther obduziert, Handy von ihr und Ex-Freund sichergestellt

83.000 Frauen und Mädchen wurden im Jahr 2024 weltweit getötet. 50.000 davon wurden von ihrem Intimpartner oder einem Familienmitglied wie zum Beispiel Vater, Mutter, Bruder oder Cousin ermordet. Damit starb rechnerisch weltweit fast alle zehn Minuten eine Frau oder ein Mädchen durch die Hand eines nahen Angehörigen. Zu diesem Ergebnis kommen die UNODC, das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, und UN-Women in ihrem gemeinsamen Bericht.

Problem klar benennen, um Frauen besser zu schützen

Auch das Bundesinnenministerium hat Zahlen, die zu denken geben: 308 Frauen und Mädchen wurden 2024 in Deutschland Opfer von Tötungsdelikten (versucht und vollendet) im Bereich Partnerschaftsgewalt. Diese 308 weiblichen Opfer machen demnach 80,6 Prozent aller Opfer innerhalb von Partnerschaftsgewalt (382) aus. Im Vergleich: Unter allen 2024 registrierten Opfern von Tötungsdelikten sind 29,9 Prozent weiblich.

Der erste Schritt, Frauen in unserer Gesellschaft besser zu beschützen, besteht darin, dieses Problem zu benennen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Die Tat von Werther sollte nicht zur gesellschaftlichen Ohnmacht, sondern zu mehr Entschlossenheit im Kampf gegen Beziehungsgewalt führen.

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