
(Bild: © Universal Studios)
Nolans Epos spiegelt das schlechte Gewissen der USA. Schuld, Intrigen und brüchige Hegemonie prägen Odysseus‘ Irrfahrt. Eine Filmrezension mit Spoilern.
Das Meer stürmt, die Schiffe bersten und die Kinokassen klingeln. Die Odyssee (2026) spielte bis Anfang August bereits 1,1 Milliarden US-Dollar ein und übertraf damit sogar den bisherigen Spitzenreiter Avatar (2009) von James Cameron.
Weiterlesen nach der Anzeige
Der Film weckt nicht nur die Neugier auf das sagenhafte Epos des Homer, sondern auch Altphilologen zur Kritik wegen historischer Ungenauigkeiten. Ebenfalls kritisiert wurde, dass Teile des Films ohne Zustimmung der lokalen Bevölkerung in der von Marokko besetzten Westsahara gedreht wurde. Debatten darüber, ob der Film zu woke oder nicht woke genug war, fehlen natürlich auch nicht.
In seiner Filmanalyse erklärt Wolfgang M. Schmitt, wie Nolan die Homerische Erzählstruktur adaptiert und die Handlung durch retardierende Einschübe verlängert. Auch Rüdiger Suchsland hat sich auf Telepolis bereits mit dem Film auseinandergesetzt und vor allem die Inszenierung des Odysseus als modernem Neurotiker und die lustfeindliche Depression des Filmes kritisiert.
Beide Rezensenten bemerken etwas, worauf hier näher eingegangen wird: Der Film Odyssee, eine US-amerikanische Produktion, kann sich von den Stimmungen seines Produktionsstandortes nicht lösen. Er spiegelt sie folglich und transportiert damit auch Fragen, die den US-Zuschauer gerade bewegen. Was verrät die Odyssee über Stimmungen, Ideologien und Selbstbilder der USA?
Troja – die Lüge, der Exzess und die Verheerung des Krieges
Die Mykener gewinnen den Krieg gegen die Trojaner, nach zehnjähriger Belagerung, durch eine List: Sie verstecken einige Soldaten in einem riesigen Holzpferd.
Weiterlesen nach der Anzeige
Der mutige und aufrichtige Soldat Sinon (Elliot Page) erklärt den Trojanern, es sei ein Opfer an Poseidon für die sichere Heimfahrt der Griechen. Nicht eingeweiht in den Schwindel, wird er unwissend Komplize für diese Verletzung von Kriegsregeln, die Beleidigung der Götter und die vollständige Zerstörung Trojas.
Die Idee dafür hatte Odysseus, König von Ithaka (Matt Damon) und Gefolgsmann des mykenischen Königs Agamemnon (Benny Safdie). Freude kommt bei der List nicht auf.
Im trojanischen Pferd ertrinken mehrere Männer während der Flut. Die Eroberung Trojas verläuft brutal. Odysseus sieht tatenlos der Ermordung einer Athene-Priesterin zu und wird für den Rest des Filmes von Athene in ihrer Gestalt (Zendaya) verfolgt. Troja wird dem Erdboden gleichgemacht.
Der Krieg zerstört nicht nur Troja, sondern die gesamte Welt der griechischen Bronzezeit. In der Folge werden die griechischen Stätten von den gefürchteten Völkern von der See geplündert, die sich nicht an griechische Sitten halten.
Am Ende erkennt Penelope, dass es sich bei ihnen nicht um ein fremdes Volk handelt, sondern um die Veteranen des trojanischen Krieges. Bei der Eroberung Trojas haben sie sämtliche Gesetze und Wertvorstellungen und folglich ihre Identität verloren.
Ithaka – unwürdige Anwärter, brüchige Hegemonie und eine gekränkte Matriarchin
In der Heimat warten Penelope (Anne Hathaway), Gattin des Odysseus und ihr Sohn Telemachos (Tom Holland) auf dessen Heimkehr. Da sie sich seit zwanzig Jahren zieht, haben sich Anwärter um Penelopes Hand, die Freier, in Ithaka breit gemacht.
Telemachos verköstigt sie jeden Abend, während Penelope ihre erneute Heirat durch das Weben eines Leichentuches verzögert. Doch die Freier lauern nur auf einen Anlass, um Telemachos zu töten und Penelope zu überwältigen.
Noch hält das Gesetz des Zeus sie in Schach: Telemachos muss sie bewirten und sie dürfen ihm kein Haar krümmen, solange er keinen Anlass bietet. Doch die Freier, mittlerweile eine Horde gefräßiger, trunk- und streitlustiger Proleten, provozieren Telemachos.
Sein treuer Diener Eumaios (John Leguizamo) ist mittlerweile fast blind und kann die Diener, nach und nach gekauft vom Freier Antinoos (Robert Pattinson), nicht mehr bändigen. Die Nacht der langen Messer steht bevor.
Telemachos verbündet sich mit Menelaos von Sparta (Jon Bernthal) und empfiehlt seiner Mutter, einen Freier zu erwählen, damit er nur einen von ihnen besiegen muss. Sie verwehrt sich dagegen.
Nicht nur aus Treue gegenüber Odysseus, sondern auch aus Stolz. Zwanzig Jahre lang hat sie die Geschäfte Ithakas geführt und das Land verteidigt. Sie erachtet keinen als würdig, auch nicht ihren unerfahrenen und wohlbehüteten Sohn Telemachos. Warum sollte nicht eine Frau das Land führen?
Die Odyssee – mit List, aber ohne Lust
Eine Heldenreise zwischen Kriegsdrama und Machtkrimi, auf der – hier ist Suchsland zuzustimmen – keine Freude aufkommt. Odysseus ist von seiner Kriegslist, dem Zurücklassen seiner Soldaten ohne ehrenhafte Bestattung und ihren zunehmenden Verlusten auf der Irrfahrt schuldgeplagt.
Seine Soldaten misstrauen ihm, da er mit der Verletzung des Zyklopen Poseidon verärgert hat. Mehrmals meutern sie gegen ihn. Nicht mit Kraft und Respekt, sondern mit List hält er sich am Ruder.
Er betrügt seine Soldaten zwischen Skylla und Charybdis, indem er todesmutig auf die Charybdis zusteuern lässt und so seinen ersten Maat Eurylochos (Himesh Patel) zur Befehlsverweigerung nötigt.
Er verschweigt ihnen die sechs Opfer an die Skylla und schiebt die Verantwortung für die Entscheidung von sich weg. Der Rest seiner Mannschaft überlebt, misstraut ihm aber zutiefst und betrügt ihn auf der Insel des Apollon, indem sie dessen Rinder schlachtet und ihren Tod besiegelt.
Die Listen des Odysseus sind häufig Gegenstand von Kindergeschichten und vermitteln, dass der Schwächere den Stärkeren durch List besiegen kann. In Nolans Odyssee rächen sich die Listen, häufen sich als Schulden auf.
Nur durch das Exil und die Bestattung seiner unehrenhaft zurückgelassenen Soldaten im Westen kann Odysseus seine Schuld wiedergutmachen. Und nicht als Held, sondern als Bettler muss er sich nach Ithaka schleichen, um die Freier zu überlisten.
Quo vadis USA?
Troja, die Irrfahrt und Ithaka bilden im Film keine voneinander getrennten Welten. Die im Krieg aufgehobenen Regeln kehren als Misstrauen, Meuterei und innere Gewalt zurück. Gerade diese Bewegung – vom äußeren Krieg zur inneren Zerrüttung – macht den Film für eine politische Deutung der Gegenwart interessant.
Der Film Odyssee erreicht die Kinos in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten von Amerika einen Bombenkrieg gegen den Iran am Rande eines Kollapses der globalen Wertschöpfungsketten führen.
Mit der Entführung Nicolás Maduros, Druck auf internationale Handelsrouten und einer Hungerblockade gegen Kuba setzt die US-Außenpolitik neue Mindeststandards, über deren Nachahmung sie sich später nicht zu wundern brauchen.
Nolan scheint zu ahnen, dass der Bumerang auf die USA zurückschlagen kann und legt Odysseus im Schlussmonolog nicht nur die Klage über die eigenen Kriegsverbrechen in den Mund, sondern auch die feige Hoffnung, dass die Welt sie vergessen möge, wenn sich der Staub gelegt hat. Der vermeintliche Sieg der Mykener erweist sich als Niederlage: Agamemnon wird zu Hause ermordet, das Gesicht der schönen Helena ist entstellt und Odysseus kann Ithaka, aber nicht sich selbst retten.
Eine Genugtuung bleibt ihm noch: Zu Beginn des Krieges hatte der Schafhirte Sinon den Platz des Antinoos auf Odysseus‘ Schiff eingenommen. Sinon war im Krieg gestorben, während Antinoos im sicheren Ithaka um Penelopes Hand buhlte. Odysseus bringt Antinoos das gestohlene Los des Sinon zurück und erinnert ihn an seine Lüge.
Die Szene ist auch ein Fingerzeig auf US-Präsident Donald Trump, der sich dem Vietnamkrieg dank elterlicher Einflussnahme entzog – auf Kosten anderer.
In Nolans Odyssee begegnet uns, hier ist Schmitt zuzustimmen, das schlechte Gewissen liberaler US-Amerikaner, die ahnen, dass die Kriegspolitik ihres Landes Folgen hat. Suchsland hat durchaus Recht, dass von hier wenig positive Impulse zu erwarten sind.
Doch die jungen Zuschauer, die Telemachen unserer Zeit, brauchen keine Erinnerung daran, dass sie den Herausforderungen noch nicht gewachsen sind. Sie brauchen, was der antike Telemachos hatte: Einen Mentor (Ryan Hurst).
Literaturempfehlung:
- Peter Hacks: Prinz Telemach und sein Lehrer Mentor. Berlin 1997.