Es ist Samstagabend in einem Club in Hagen: Denzel Yankam und Fabian Dalipi sind gemeinsam unterwegs. Die beiden Wuppertaler sind seit ihrer Jugend beste Freunde, gehen gerne zusammen feiern und tanzen. An diesem Abend fällt ihnen ein Mann mit Downsyndrom auf. „Er hat sich sichtlich unwohl gefühlt und wurde auch komisch angeschaut“, erinnert sich Yankam. „Wir waren die Einzigen, die Zeit mit ihm verbracht und mit ihm gelacht haben.“ Die Begegnung beschäftigt die beiden. Sie zeigt ihnen, auf wie viele Hürden Menschen mit Behinderung beim Feiern in einer Disco stoßen. „Also haben wir gesagt: Lass uns Events für Menschen mit Behinderung machen“, erzählen sie.
Aus der Idee wurde ein Entschluss. Vor rund einem Jahr gründeten die heute 26 und 27 Jahre alten Freunde „Find Me“, einen gemeinnützigen Inklusionsverein. Veranstaltungen hatten sie zuvor noch nie organisiert. „Wir hatten gar keine Erfahrung in der Eventbranche“, sagt Dalipi. Fabian Dalipi ist gelernter Sozialassistent und arbeitete zuvor in einer Kita für geflüchtete Kinder. Denzel Yankam absolvierte eine Ausbildung zum Speditionskaufmann. Gerade am Anfang stießen die beiden deshalb auf einige Hürden. „Viele haben uns zunächst nicht ernst genommen und nicht an unsere Idee geglaubt“, sagen sie. Für ihre allererste Party griffen sie deshalb tief in die eigene Tasche und finanzierten die Veranstaltung aus Eigenkapital. Inzwischen werden sie von mehreren Sponsoren unterstützt.
„Unsere allererste Party war eine Kennenlernparty“, erzählt Dalipi. Es gab einen DJ, Gewinnspiele und eine Briefwand. Dort konnten die Gäste Nachrichten austauschen – zum Beispiel: „Ich finde dich hübsch“, „Ich finde dich sympathisch“ oder „Ich will mit dir tanzen“. Damit auch Menschen teilnehmen konnten, die nicht lesen können, gestalteten Yankam und Dalipi die Aktion mit Bildern und Farben. Nur: Die Liebesbotschaften kamen nicht besonders gut an. „Wir haben schnell gemerkt, dass das Thema Liebe nicht besonders gefragt ist“, sagen die Organisatoren. Also hörten sie genauer hin. „Wir haben mit den Menschen gesprochen und gemerkt, was sie mögen“, sagt Dalipi. Besonders beliebt: die 90er-Jahre, Verkleidungen und Ballermannmusik. Auf die Kennenlernparty folgten deshalb eine Halloweenparty, eine Weihnachtsfeier, eine 90er-Party und ein Sommerfest mit Fußballturnier.
Bei der Organisation der Partys gibt es einen entscheidenden Unterschied zu vielen Veranstaltungen in regulären Clubs: „Wir brauchen nicht so viel Alkohol“, sagt Yankam lachend. Bei ihren Feiern stehen Cola und besonders das Essen im Mittelpunkt. Die Preise halten die Organisatoren bewusst niedrig. „Wir achten darauf, weil die Menschen in den Werkstätten nicht viel Geld verdienen“, sagt Yankam. Eine Portion Pommes kostet etwa zwei Euro, Cocktails gibt es für fünf Euro. Die Eintrittskarten kosten im Vorverkauf zwölf Euro, an der Abendkasse 15 Euro.
Besonders wichtig ist auch die Barrierefreiheit. Der Veranstaltungsort muss für alle zugänglich sein; auch die Toiletten sollen problemlos erreichbar sein. „Bei unserer ersten Party war der Raum über einen Aufzug erreichbar – der ist dann kurz steckengeblieben“, erinnert sich Dalipi. Seitdem achten sie darauf, nur Veranstaltungsorte auszuwählen, die direkt mit dem Rollstuhl erreichbar sind – ohne technische Überraschungen. Die Find-Me-Partys finden deshalb inzwischen meist im Kulturzentrum „die börse“ in Wuppertal statt.
Doch nicht nur beim Veranstaltungsort mussten Yankam und Dalipi dazulernen. Auch die Uhrzeit war eine knifflige Angelegenheit. Bei ihrer ersten Party luden sie am Nachmittag bis 23 Uhr ein. „Um 20 Uhr war aber schon die Luft raus“, sagt Dalipi. Für die nächsten Veranstaltungen zogen sie daraus Konsequenzen: Feiern kann man inzwischen von 13 bis 17 Uhr. „Wir haben gelernt: Die Menschen haben ihre festen Rituale“, sagt Dalipi. In Wohngruppen gibt es feste Essenszeiten, außerdem gehen viele Gäste früh ins Bett. So wie sie ihre Partys jedes Mal ein Stück weiter optimieren, wollen die beiden Wuppertaler auch ihr Angebot kontinuierlich ausbauen. Geplant sind Berufsberatung und Freizeitangebote an Wochentagen am Nachmittag. Die Partys soll es weiterhin etwa alle zwei Monate geben.
Mit ihren Veranstaltungen möchten die beiden eine klare Botschaft vermitteln: „Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder ist so gut, wie er geschaffen wurde – egal, ob jemand schwarz oder weiß ist, eine Behinderung hat oder nicht, klein oder groß ist.“ In der Gesellschaft gehe diese Botschaft zu oft unter, finden sie. Zu viele Menschen würden ausgegrenzt. „Das wollen wir abschaffen“, sagt Yankam. Für ihn ist das Projekt auch aus persönlicher Sicht wichtig. Er hat selbst eine Sehbeeinträchtigung und lebt mit Albinismus, einer angeborenen Stoffwechselstörung. „Ich wurde früher öfter beleidigt oder komisch angeschaut.“ Er weiß, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Umso mehr liegt ihm das Inklusionsprojekt am Herzen.
Die Gäste auf ihren Veranstaltungen tanzen. Yankam und Dalipi sind währenddessen Problemlöser, Handwerker, Gesprächspartner, Barkeeper oder Techniker: „Man sieht die Welt jetzt anders“, sagt Dalipi. „Man ist viel dankbarer für Kleinigkeiten“, ergänzt Yankam.