Die Akkordeontöne passen perfekt in die Landschaft. Sie kommen aus dem Tablet von Juliette Dubois, die auf dem Platz gegenüber der Basilika Sacré-Coeur auf dem Montmartre-Hügel stehen geblieben ist. Von hier bietet sich ein weiter Blick auf die Dächer von Paris. Bis jetzt hat Dubois die großen Touristenansammlungen eher gemieden und ihre Gruppe durch verborgene Winkel abseits der ausgetretenen Wege gelenkt. Doch sie weiß, dass Sacré-Coeur bei einer geführten Tour durch das Viertel im Norden von Paris ein Muss ist. Und dazu gehört jetzt eben auch die passende Musik.

Juliette Dubois spielt an ihrem kleinen Computer das Instrumentalstück „La Valse d’Amélie“ von Yann Tiersen mit seinem schaukelnden Dreiviertel-Takt ab. Es folgt ein Filmausschnitt, in dem eine junge Frau mit schwarzem Pagenkopf einen blinden Mann durch eine Pariser Straße führt und ihm beschreibt, was sich in bunten Farben vor ihren Augen auftut: eine Pferdemetzgerei, ein Käseladen, eine Konditorei mit Lutschern.

Auch der Kult-Streifen „Ein Amerikaner in Paris“ mit Gene Kelly wurde hier gedreht

Wer „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gesehen hat, kennt diese Szene. Das gilt hier für alle, die Dubois umringen und ihr aufmerksam zuhören. Sie sind Kino-Liebhaberinnen und -Liebhaber und folgen der Historikerin bei ihrem thematischen Spaziergang durch Montmartre. Das Viertel ist seit Langem eine beliebte Kulisse für Filme, darunter so berühmte wie „Moulin Rouge“, der im gleichnamigen Kabarett spielt, der Kult-Streifen „Ein Amerikaner in Paris“ mit Gene Kelly, der Animations-Kinohit „Ratatouille“, „La vie en rose“ über das Leben der Chansonsängerin Édith Piaf oder eben die schrullig-bezaubernde Geschichte der Amélie Poulain.

Der Klassiker von Regisseur Jean-Pierre Jeunet aus dem Jahr 2001 – das sind auch schon wieder 25 Jahre – hat weltweit das Bild von Montmartre geprägt als jenes eines Postkarten-Idylls inmitten der französischen Hauptstadt, in der es sonst oft so hektisch zugeht. Statt breiter Boulevards schlängeln sich schmale Straßen aus Kopfsteinpflaster den Hügel hinauf, gesäumt von farbigen und teils schiefen Häusern. Zahlreiche Cafés und Restaurants verleihen der Gegend unterhalb der Basilika eine quirlige und doch heimelige Atmosphäre.

„Montmartre ist wie ein Dorf, das aus der Zeit gefallen ist“, beschreibt Tour-Guide Dubois. „Als eine der letzten Ortschaften wurde es 1860 eingemeindet und bis heute hat man, wenn man in Montmartre lebt, das Gefühl, nicht wirklich in Paris zu sein.“ Manchmal brauchte es Durchsetzungskraft, um aus der telegenen Stadt in der Stadt einen Filmschauplatz zu machen. So hat der „Amélie“-Regisseur Jeunet lange darauf bestanden, im Café „Aux Deux Moulins“ in der Rue Lepic zu drehen. Der Besitzer wollte das zunächst nicht, holte sogar das Einverständnis seiner Stammkundschaft ein, bat um Diskretion beim Drehen. Heute hängen im Inneren das Filmplakat und Fotos von Szenen an den Wänden. Fans pilgern noch immer zu dem Haus mit der charakteristischen roten Markise.

Dieses Mal befinden sich keine Fans der amerikanischen Netflix-Serie „Emily in Paris“ in ihrer Gruppe

Wer es sehen will, den schickt Dubois am Ende ihres zweistündigen Spaziergangs noch in die Rue Lepic oberhalb der Metro-Station Blanche. Wichtig, so erzählt die junge Frau, sei ihr aber auch, noch unbekannte oder ältere Produktionen wieder aufleben zu lassen, von historischen Kino-Persönlichkeiten zu erzählen. Auf dem Friedhof Saint-Vincent, dem kleinsten von Paris, führt sie zu den Gräbern von Harry Baur, einem Kinostar der 1930er-Jahre, und der Schauspielerin Anouk Aimée.

Zahlreiche Aufnahmen für den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ entstanden in den Straßen nahe der Basilika Sacré-Coeur und vermitteln das idyllische, fast dörfliche Flair von Montmartre.

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Zahlreiche Aufnahmen für den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ entstanden in den Straßen nahe der Basilika Sacré-Coeur und vermitteln das idyllische, fast dörfliche Flair von Montmartre.
Foto: Sabine Glaubitz, dpa

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Zahlreiche Aufnahmen für den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ entstanden in den Straßen nahe der Basilika Sacré-Coeur und vermitteln das idyllische, fast dörfliche Flair von Montmartre.
Foto: Sabine Glaubitz, dpa

Bei Touren auf Englisch, die sie oft auch für Schulgruppen aus dem Ausland anbietet, spricht sie wiederum mehr über internationale Produktionen. In ihrer heutigen Gruppe, das hat sie schnell erkannt, befinden sich dieses Mal keine Fans der populären amerikanischen Netflix-Serie „Emily in Paris“. Also bleibt es bei ein paar Erzähl-Schnipseln, etwa über das Maison Rose, jenes rosa gestrichene Restaurant, in dem die Serienheldin in der ersten Staffel mit ihrer Freundin Mindy zu Abend isst.

Dubois bietet „Kino-Touren“ nicht nur durch Montmartre an, sondern auch in der Gegend rund um den Eiffelturm oder in Belleville im Osten der Stadt, Spaziergänge auf den Spuren der Nouvelle Vague oder einzelner Regisseure wie Jean-Luc Godard oder François Truffaut. Oder sie widmet sich Woody Allens Streifen „Midnight in Paris“, den dieser an etlichen zentralen Plätzen drehte, von der Brücke Pont Alexandre III über den Place de la Concorde bis zum Musée Rodin sowie dem Schloss Versailles und den Flohmarkt in der nördlichen Vorstadt Saint-Ouen.

Seit mehr als 20 Jahren verfolgt das Rathaus von Paris eine gezielte Politik, um Produktionen vor Ort zu fördern

Dass die Straßen und Plätze in Frankreichs Hauptstadt seit Jahrzehnten wieder und wieder als Filmset dienen, liegt nicht nur am besonderen Flair oder an der Tatsache, dass die Metropole seit jeher Stars aus der Künstler-, Musik- und eben auch der Kinobranche anzieht. Seit mehr als 20 Jahren verfolgt das Rathaus eine gezielte Politik, um Produktionen vor Ort zu fördern. Seit 2002 gibt es den Dienst „Mission Cinéma“ mit einem Jahresbudget von zehn Millionen Euro, der unter anderem Kurzfilme, Schreibwerkstätten, unabhängige Kinos und Festivals unterstützt.

Darüber hinaus dient die Abteilung „Paris Film“ als zentraler Ansprechpartner, um Anfragen zu koordinieren, Filmteams die Autorisierung von Dreharbeiten und die notwendige Logistik zu erleichtern. So sind Aufnahmen an viel besuchten Sehenswürdigkeiten möglich, sie erfordern aber eine besondere Organisation. Die spektakuläre Kampfszene im Actionfilm „John Wick Kapitel 4“ auf den Treppen vor der Basilika Sacré-Coeur wurde nachts gedreht und die Beleuchtung dabei so ausgerichtet, dass es wie Tageslicht oder Morgendämmerung erschien.

Die Schauspielerin Lily Collins spielte die Hauptrolle in der Netflix-Serie „Emily in Paris“.

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Die Schauspielerin Lily Collins spielte die Hauptrolle in der Netflix-Serie „Emily in Paris“.
Foto: Jonathan Brady, PA Wire/dpa

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Die Schauspielerin Lily Collins spielte die Hauptrolle in der Netflix-Serie „Emily in Paris“.
Foto: Jonathan Brady, PA Wire/dpa

Wer in Paris zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss regelmäßig Umwege nehmen, wenn Straßen wegen Dreharbeiten gesperrt sind. Ein gewisses Maß an Geduld ist der Preis für das Leben dort. Den Anwohnern um den Place du Panthéon im Quartier Latin wurde es im Sommer 2021 jedoch zu viel. Sie beschwerten sich lautstark darüber, dass sie während Dreharbeiten zur zweiten Staffel von „Emily in Paris“ kaum mehr zu ihren Wohnungen kamen, geschweige denn in der Nähe parken konnten.

Im vergangenen Jahr wurden 92 Spielfilme, 66 Serien und 73 Dokus in Paris gedreht

Der Erfolg von Paris als Filmstadt lässt sich auch an Zahlen festmachen: Im vergangenen Jahr wurden 92 Spielfilme, 66 Serien und 73 Dokus gedreht. Alles zusammengenommen ergab dies insgesamt 6570 Drehtage – ein Anstieg um fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2024 herrschte aufgrund der Olympischen und Paralympischen Spiele allerdings ein dreimonatiges Drehverbot.

Für die Stadt sind solche Filme eine Form von Werbung, die ihre internationale Attraktivität noch verstärkt und den Tourismus weiter ankurbelt. Sie verdient außerdem direkt durch Drehgenehmigungen, Parkplätze für Filmfahrzeuge, Beleuchtung und Reinigungsleistungen. 2025 waren in ihrem Haushaltsentwurf Einnahmen in Höhe von 2,5 Millionen Euro dank Filmproduktionen eingeplant. Nicht zuletzt nehmen Filmteams Hotels, Restaurants, Catering, Mietfahrzeuge, Dekoration, Kostüme und Sicherheitsdienste in Anspruch, was sich ebenfalls positiv auf die lokale Wirtschaft niederschlägt.

Juliette Dubois bietet Touren durch Paris an, immer auf den Spuren großer Filmproduktionen.

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Juliette Dubois bietet Touren durch Paris an, immer auf den Spuren großer Filmproduktionen.
Foto: Birgit Holzer

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Juliette Dubois bietet Touren durch Paris an, immer auf den Spuren großer Filmproduktionen.
Foto: Birgit Holzer

„Grob gesagt gilt die Regel, dass pro Euro, der für Dreharbeiten von der Stadt Paris investiert wird, der Ertrag fünf- bis zehnmal höher ausfällt“, sagt Juliette Dubois. Dass für Produktionen von Filmen, die in der französischen Metropole spielen, Städte wie Prag oder Budapest ausgewählt werden, wie in der Vergangenheit geschehen, wolle man vermeiden. Das war der Fall beim Klassiker „Cyrano de Bergerac“ oder bei „Radioactive“ über Marie Curie, die beide teils in der ungarischen Hauptstadt gedreht wurden. Für die Serie „EuroTrip“ entstanden Paris-Szenen in Prag. Die beiden osteuropäischen Städte sind nicht nur billiger für die Produktionen, sondern verfügen auch jeweils über ein historisch anmutendes Ambiente, betreiben ebenfalls aktiv Filmförderung und können teils unkompliziertere Drehbedingungen bieten.

Eine spezielle Treppe kam im Streifen „Paris Blues“ von 1961 mit Paul Newman, Sidney Poitier und Louis Armstrong vor

Paris wiederum war stets auch ein einzigartiger kultureller Anziehungspunkt. Das illustriert Dubois beim Stopp vor dem orangefarbenen Haus des legendären Kabaretts „Lapin Agile“ – „Flinker Hase“. Hier traf sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Bohème von Montmartre, Pablo Picasso, Suzanne Valadon oder Max Jacob gingen ein und aus. Wenige Meter weiter verweist die Historikerin auf eine Treppe, die im Streifen „Paris Blues“ von 1961 mit Paul Newman, Sidney Poitier und Louis Armstrong vorkam.

Wieder ein paar Schritte davon entfernt fällt eine Plakette an einer Hauswand ins Auge: Hier lebte im 19. Jahrhundert der Komponist Hector Berlioz, dessen Werke später als Filmmusik genutzt wurden, etwa im Horrorstreifen „The Shining“ von Stanley Kubrick. Dubois hält wieder ihr Tablet hoch, Berlioz‘ düstere „Symphonie fantastique“ erklingt. Ein paar Touristen drehen sich um, halten kurz inne und gehen dann weiter. Paris, dämmert ihnen jetzt, ist eben eine Bühne.