Der Pariser Platz ist voll. Acht- bis zehntausend Menschen stehen am Sonntagmittag vor dem Brandenburger Tor zwischen Regenbogenfahnen und Blumen, viele in Schwarz. Sie weinen, umarmen sich, halten sich fest. Über dem Platz kreist ein Hubschrauber. Die Veranstalterinnen müssen bald durchsagen, dass die Kapazitätsgrenze erreicht ist. Niemand darf mehr dazu.

Newsblog zum Anschlag im Tiergarten „Jetzt erst recht“ – Berliner CSD mit eigenem Truck in Hamburg mit dabei

Vor wenigen Stunden war die Stimmung in der Stadt noch ganz anders: ausgelassen, fröhlich. Der größte Berliner CSD aller Zeiten war ein voller Erfolg – bis um kurz vor 22 Uhr ein weißer Kleinbus in die feiernde Menschenmenge raste. Eine Frau starb. Mindestens 29 Menschen wurden verletzt, einige davon lebensgefährlich. Das Gelände rund um den Tiergarten wurde evakuiert.

„Zusammensein ist die größte Revolution“

Theresa Zanon von den D-Dur Dykes* eröffnet die Trauerkundgebung mit einer Rede. Der Anschlag sei ein Angriff auf die gesamte queere Community, auf ihre Identitäten, ihre Existenz und die Demokratie, sagt Zanon. Aber Wut und Gemeinschaft seien die stärksten Waffen gegen Hass. „Wir lassen uns davon nicht unterkriegen.“

People gather at Brandenburg Gate, after a deadly incident in which a vehicle crashed into a crowd near Berlin's annual Christopher Street Day Pride parade on Saturday evening, leaving multiple people injured and the parade called off, in Berlin, Germany, July 26, 2026. REUTERS/Maryam Majd Tausende Menschen versammeln sich am Brandenburger Tor.

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Der Zusammenhalt zwischen den Trauernden ist spürbar.

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Viele Menschen weinen, umarmen sich. Viele Menschen weinen.

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Zanon erinnert an frühere Generationen queerer Menschen und ruft dazu auf, deren Kämpfe fortzuführen, ob mit einem Sportverein, einer Bastelgruppe oder einem großen politischen Projekt. Gemeinschaft entstehe nicht von allein, sie müsse aktiv geschaffen werden. „Zusammensein ist die größte Revolution“, sagt Zanon.

Luca Flor ist mit dem Solidaritätsnetzwerk gekommen, einer Nachbarschaftsorganisation, die beim Aufbau der Kundgebung geholfen hat. „Uns war gestern schon klar, dass wir eine Antwort zeigen und der Gewalt etwas entgegensetzen wollen“, sagt Flor. „Denn diese Gewalt hat System. Einen Angriff auf eine:n werten wir als Angriff auf alle – es hätte jede:n von uns treffen können.“

„Mr. Fetish Berlin 2026“ – seinen echten Namen möchte er aus politischen Gründen nicht nennen – ist hier, „um zu zeigen, dass wir unser Leben weiterleben und wir uns nicht einschüchtern lassen“. Ihm sei wichtig, Präsenz zu zeigen. „Allein dass wir hier sind, ist ein Politikum“, sagt er. Er befürchtet, dass die Ereignisse nun von politischen Gruppierungen für ihre Zwecke missbraucht werden.

Brandenburger Tor in Regenbogenfarben angestrahlt

Nach dem Anschlag am Rande des Christopher Street Days ist das Brandenburger Tor am Sonntag in Regenbogenfarben angestrahlt worden. „Berlin ist in Gedanken bei den Opfern, ihren Angehörigen, Freundinnen und Freunden und allen, die die Tat miterleben mussten“, teilte die Berliner Senatskanzlei auf Bluesky mit und teilte ein Foto des angestrahlten Wahrzeichens. „Berlin, Stadt der Freiheit“ steht darauf. Die Regenbogenfarben gelten als Symbol der queeren Szene und stehen für Vielfalt und Toleranz. Sie sind seit Sonnenuntergang an das Brandenburger Tor projiziert.

„Berlin ist die Stadt der Freiheit – und die Freiheit lassen wir uns nicht nehmen“, schrieb die Senatskanzlei in dem Post. „Hass und Gewalt dürfen niemals darüber entscheiden, wie wir leben oder wen wir lieben. Berlin steht zusammen – und verteidigt seine Freiheit, Vielfalt und Weltoffenheit.“ (Tsp, dpa)

Gedenken am Pariser Platz, Marsch vom Alexanderplatz, Mahnwache an der Ebertstraße

Der Tag bietet noch mehr Gelegenheiten zum Gedenken. Am Nachmittag füllt sich die Marienkirche am Alexanderplatz. Bundeskanzler Friedrich Merz und Innenminister Alexander Dobrindt sind gekommen. Etwas verspätet trifft Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner ein und nimmt neben Merz Platz. Generalsuperintendentin Julia Hemke eröffnet die Andacht. „Es ist unfassbar bewegend, Sie hier alle zu sehen“, sagt sie.

Bundeskanzler Friedrich Merz nimmt an einem Gottesdienst in der St. Marienkirche teil.

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Dann tritt Tugay Saraç ans Mikrofon. Er ist Projektleiter an der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Mitte und berät dort unter anderem queere (Ex-)Musliminnen – er lebt offen schwul. „Es darf nicht passieren, dass wir jetzt in rassistische Narrative verfallen gegen Musliminnen“, sagt er. Gleichzeitig dürfe man den Islamismus nicht verharmlosen. „Liebe ist halal.“

Wegner sagt, seine Gedanken seien bei den Opfern und allen Menschen, die vor Ort waren, „bei denen seelische Wunden bleiben werden“. Er bedankt sich bei Dobrindt für „die gute und enge Zusammenarbeit“ und beim CSD-Verein für das professionelle Agieren und die Evakuierung. Vor dem Roten Rathaus hängt eine Trauerbeflaggung.

Nach dem Gottesdienst strömen die Menschen langsam auf den Vorplatz hinaus, wo noch mehr Trauernde warten. Wegner, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und Finanzsenator Stefan Evers stehen beieinander. Auch Steffen Krach, Spitzenkandidat der SPD zur Abgeordnetenhauswahl, und Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken, sind gekommen. Von hier aus setzt sich der Trauermarsch in Richtung Brandenburger Tor in Bewegung.

Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Iris Spranger, Berlins Senatorin für Inneres und Sport legen am Tiergarten Blumen nieder. Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Iris Spranger, Berlins Senatorin für Inneres und Sport, legen am Tiergarten Blumen nieder.

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Ab der Museumsinsel folgt Lutz Dransfeld (71) dem Trauerzug. Er hatte den CSD am Samstagabend früh verlassen und erst am Morgen von dem Anschlag erfahren. „Seit 30 Jahren besuche ich CSDs. Diese Veranstaltungen haben sich immer sehr lebensfroh und fantasievoll gezeigt“, erzählt er. „Das ist ein Schock.“ Und dann, nach einer kurzen Pause: „Wir leben in einer vollkommen brutalisierten Welt.“

Eine vom LSVD geplante Gedenkveranstaltung am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an der Ebertstraße wird abgesagt. „Aus Respekt vor den Betroffenen des gestrigen Anschlags und in enger Abstimmung mit dem CSD Berlin sagen wir unser für heute geplantes stilles Gedenken aufgrund der aktuellen Sicherheitslage ab“, heißt es auf Instagram.

Der Berliner CSD rät dazu, sich heute in kleinen Gruppen zu treffen. „Wir wissen, wie groß das Bedürfnis ist, heute zusammenzukommen. Auch wir haben das Bedürfnis. Unsere Empfehlung für heute: Trefft euch in kleinen Gruppen. Zu Hause, bei Freund’innen, in vertrauten Räumen“, schreibt der CSD bei Instagram. „Ruft die an, die gestern dabei waren. Lasst niemanden allein damit.“ Und weiter: „Wir werden gemeinsam trauern und gemeinsam sichtbar sein. Wir sagen euch rechtzeitig, wann und wo. Sicherheit geht vor. Wir stehen zusammen!“

Menschen legen am Tatort Blumen nieder.

© AFP/Ralf Hirschberger

„Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen“

Die Trauer hat in dieser Stadt viele Gesichter. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ordnet Trauerbeflaggung am Deutschen Bundestag an. Vizekanzler Lars Klingbeil schreibt, er sei „sehr bestürzt“. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann, der offen schwul lebt, sagt, der Angriff erschüttere ihn zutiefst und richte sich gegen „unsere freie und offene Gesellschaft“. Die Brandenburger Polizei unterstützt bei der Fahndung.

Eine Person schreibt eine Trauerbekundung auf ein Papier nahe dem Bereich, wo ein Fahrzeug einen Baum gerammt hatte. Eine Person schreibt eine Trauerbekundung auf ein Papier in der Nähe des Bereichs, wo ein Fahrzeug einen Baum gerammt hatte.

© dpa/Sebastian Gollnow

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier meldet sich aus Hamm, wo er an einem Tempelfest der Hinduistischen Gemeinde teilnahm. Er sei „erschüttert und entsetzt“, sagt er – und spricht von einem Angriff auf Menschen, die „friedlich und fröhlich feiern wollten, ein Zeichen setzen wollten für Toleranz und Vielfalt“. Die Tat sei „ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben“.

Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) formuliert es ähnlich: Der CSD stehe für ein Leben, „in dem alle Menschen frei und ohne Angst lieben können“. Dieses Zeichen für eine offene Gesellschaft dürfe durch Gewalt und Hass nicht eingeschüchtert werden.

Der Verband Queere Vielfalt (LSVD) schreibt auf Instagram: „Der Regenbogen hat heute einen Riss bekommen.“

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Blumen am Tatort

Am Sonntagmorgen, vor den Kundgebungen, kommen die ersten Menschen zum Tatort im Tiergarten. André Zwiers-Polidori, der gestern noch mit seinem queeren Chor „canta:re“ auf dem CSD war, legt Blumen ab und wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt er.

Claudia und Carola, zwei Schwestern aus Mitte, suchen einen Platz für ihre Kerzen. Ihre Kinder hätten gestern eigentlich kommen sollen. „Wir sind sonst immer dabei“, sagt Claudia. Jetzt seien sie „einfach nur wütend“. Gleichzeitig dürfe man sich durch die Angst nicht einschränken lassen, sagt Carola. „Man fragt sich einfach, was in denen vorgeht, die sowas machen.“

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Daniel Stein ist für den CSD nach Berlin gereist. „Ich bin hier, weil ich bin, wie ich bin“, sagt er. Der Anschlag mache ihn „unfassbar traurig“ – zeige aber gleichzeitig, wie wichtig der Christopher Street Day nach wie vor sei. Von der Politik fordert er mehr Schutz für queere Menschen und eine vielfältige Gesellschaft.

Der Angriff auf Berlin hinterlässt auch jenseits der Stadtgrenzen Spuren. In Amsterdam, wo gerade die World Pride stattfindet, werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Der niederländische Ministerpräsident Rob Jetten nennt den Berliner Angriff eine „abscheuliche Gewalttat“ und versichert Bundeskanzler Friedrich Merz: „In schwierigen Zeiten stehen wir Schulter an Schulter mit unseren deutschen Nachbarn.“