Wenn in Augsburg in den vergangenen Wochen über die Maximilianstraße diskutiert wurde, dauerte es meist nicht lange, bis das Wort „Auto-Poser“ fiel. Zwischen Durchfahrtsverboten, Lärmbeschwerden und verschärften Polizeikontrollen entsteht schnell der Eindruck, als bestünde die hiesige Auto und Tuningszene nur aus rücksichtslosen Krawallmachern. Doch wer genauer hinsieht, stellt fest: Hinter der Faszination für schöne Motoren, edles Design und individuelle Fahrzeugveredelung stecken Handwerk, Unternehmergeist und echte Begeisterung. Zwei von ihnen sind Verena Schmidt und Thomas Schall. Beide haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht, und beide distanzieren sich deutlich von rücksichtslosem Verhalten.

Ein pinker BMW als Visitenkarte

Wer Verena Schmidt in ihrem knallpinken BMW M2 sieht, schaut vermutlich ein zweites Mal hin. Das auffällige Fahrzeug passt zu der 28-jährigen Emersackerin (Landkreis Augsburg): selbstbewusst, individuell und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Mit jenen Autofahrern, die nachts ihre Motoren aufheulen lassen oder mit riskanten Manövern Aufmerksamkeit suchen, möchte sie dennoch nicht in einen Topf geworfen werden.

„Wir als echte Autoliebhaber hassen dieses Verhalten genauso wie die Anwohner. Unnötiger Lärm, Reifen quietschen lassen oder gefährliche Burnouts an Tankstellen, das hat nichts mit unserer Szene zu tun. Das ist reine Aufmerksamkeitshascherei. Wir wollen einfach den Austausch mit Gleichgesinnten, schöne Autos zeigen und das Leben genießen.“

Autoenthusiastin präsentiert BMW in der Maximilianstraße

Wenn die junge Autoenthusiastin durch die Maximilianstraße fährt, dann nicht, um immer wieder dieselbe Runde zu drehen. Ihr BMW ist vielmehr das Aushängeschild ihres eigenen Handwerks. Sie sucht einen Parkplatz, trifft Freunde und genießt die Zeit ohne anderen auf die Nerven gehen zu wollen.

Ein wichtiger Treffpunkt der Szene war und ist die große Aral-Tankstelle in der Stuttgarter Straße. Ein Ort zum Zusammenkommen, Reden und gemeinsamen Fachsimpeln. Während der Corona-Zeit kamen Autoliebhaber zu Teil sogar aus Österreich nach Augsburg. „Das hat sich da dann zeitweise in die falsche Richtung entwickelt, da manche Leute nur gekommen sind, um ihre Reifen durchdrehen zu lassen oder da Donuts zu drehen.“ Inzwischen sorgen Sicherheitskräfte am Wochenende dafür, dass dort wieder ein entspanntes Miteinander möglich ist.

Wer Verena Schmidt in ihrem knallpinken BMW M2 sieht, schaut vermutlich ein zweites Mal hin. Das auffällige Fahrzeug passt zu der 28-jährigen.

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Wer Verena Schmidt in ihrem knallpinken BMW M2 sieht, schaut vermutlich ein zweites Mal hin. Das auffällige Fahrzeug passt zu der 28-jährigen.
Foto: privat

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Wer Verena Schmidt in ihrem knallpinken BMW M2 sieht, schaut vermutlich ein zweites Mal hin. Das auffällige Fahrzeug passt zu der 28-jährigen.
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Besonders ärgert sie, dass rücksichtslose Einzelne das Image einer großen und vielfältigen Gemeinschaft prägen. Unter den Folgen litten nicht nur die Anwohner, sondern auch jene Augsburger, die ihr Hobby verantwortungsvoll ausleben. Ihr Wunsch: genauer hinsehen, bevor geurteilt wird.

„Schert bitte nicht alle über einen Kamm. Schaut euch die Menschen hinter den Fahrzeugen an, bevor vorschnell geurteilt wird. Wir sind keine geschlossene Gruppe, sondern eine sehr vielseitige Szene.“

Aus Leidenschaft wird ein Beruf

Die Begeisterung für Autos begleitet Verena Schmidt seit ihrer Kindheit. Statt mit Puppen spielte sie lieber mit Modellautos, geprägt auch von der großen BMW-Leidenschaft ihres Vaters. Nach mehreren Stationen in regionalen Autohäusern wagte sie vor rund einem Jahr mit ihrer Firma keramikkraft den Schritt in die volle Selbstständigkeit.

Heute ist sie auf professionelle Keramikversiegelungen spezialisiert. Was zunächst nach klassischer Fahrzeugpflege klingt, ist anspruchsvolle Präzisionsarbeit: „Eine Keramikversiegelung ist im Grunde wie eine hauchdünne, zweite Lackschicht, die die Oberfläche extrem glatt und widerstandsfähig macht. Schmutz, Staub und Wasserflecken perlen dadurch extrem leicht ab. Das Fahrzeug fühlt sich im Alltag immer wie frisch aufbereitet an“, erklärt die Fachfrau.

Als junge Frau in einer noch immer stark von Männern geprägten Branche begegnet sie auch auf Instagram, wo sie über 8.000 Follower hat, vereinzelt Vorurteilen. Mit Fachwissen, Sorgfalt und sichtbaren Ergebnissen hat sie sich jedoch längst Respekt erarbeitet.

Autos als verbindende Leidenschaft

Auch Thomas Schall kennt die hitzige Diskussion um die Augsburger Autokultur. Der 27-jährige Automobilhändler, der privat einen Lamborghini Aventador fährt, hat Verständnis für Menschen, die nachts durch unnötigen Lärm gestört werden. Gleichzeitig erlebt er täglich, wie viel Begeisterung, Fachwissen und Gemeinschaft in der Szene stecken.

„Was uns mit schnellen Autos verbindet, ist nicht die Gier nach Lärm oder Raserei, sondern die Faszination für Ingenieurskunst, Design und Emotionen. Autos bringen Menschen zusammen und schaffen Erinnerungen. Es geht darum, eine Leidenschaft gemeinsam mit Freunden auszuleben – ganz ohne dass man dabei jemandem auf die Nerven gehen muss.“

Auch Thomas Schall kennt die hitzige Diskussion um die Augsburger Autokultur. Der 27-jährige Automobilhändler fährt privat einen Aventador.

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Auch Thomas Schall kennt die hitzige Diskussion um die Augsburger Autokultur. Der 27-jährige Automobilhändler fährt privat einen Aventador.
Foto: Johannes Kaiser

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Auch Thomas Schall kennt die hitzige Diskussion um die Augsburger Autokultur. Der 27-jährige Automobilhändler fährt privat einen Aventador.
Foto: Johannes Kaiser

Aus seiner Sicht fehlen in der Region teilweise geordnete Möglichkeiten, bei denen sich Autoliebhaber treffen und austauschen können. Frühere Veranstaltungen wie legale Rennen oder offizielle Treffen hätten der Szene einen Rahmen gegeben. Gemeinsame Ausfahrten im Freundeskreis führten heute meist bewusst aus der Stadt hinaus: über Landstraßen, zum Starnberger See oder zu einem gemeinsamen Abendessen.

In seinem Autohaus Automobile Schall in Gersthofen zeigt sich, wie unterschiedlich die Menschen sind, die diese Leidenschaft teilen. Zwischen 70 und 80 ausgewählte Fahrzeuge stehen dort, vom sportlichen Alltagsauto bis zum Supersportwagen. Seine Kunden reichen vom jungen Auto-Enthusiasten über erfolgreiche Unternehmer bis zum Rentner, der sich endlich den lange gehegten Traum vom eigenen Porsche erfüllt.

Aus vielen Verkaufsgesprächen sind persönliche Kontakte entstanden. Rund 70 Prozent seiner Kundenbeziehungen hätten sich im Laufe der Zeit zu Freundschaften entwickelt, berichtet Schall. Für ihn ist das der schönste Beweis, dass es beim Autohandel nicht allein um PS oder Preise geht.

Ein Unfall verändert bei Thomas Schall alles

Dass Schall heute sein eigenes Unternehmen führt, war lange nicht abzusehen. Nach seiner Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker bei BMW erlitt er einen schweren Motorradunfall. Sieben gebrochene Rückenwirbel, zertrümmerte Halswirbel, eine gequetschte Halsschlagader und eine kollabierte Lunge veränderten sein Leben innerhalb weniger Sekunden.

Thomas Schall zieht es ab und zu mit seinem weißen Lamborghini und befreundeten Auto-Enthusiasten auf Augsburgs Prachtmeile, in der die Super-Cars perfekt zur Kulisse passen.

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Thomas Schall zieht es ab und zu mit seinem weißen Lamborghini und befreundeten Auto-Enthusiasten auf Augsburgs Prachtmeile, in der die Super-Cars perfekt zur Kulisse passen.
Foto: privat

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Thomas Schall zieht es ab und zu mit seinem weißen Lamborghini und befreundeten Auto-Enthusiasten auf Augsburgs Prachtmeile, in der die Super-Cars perfekt zur Kulisse passen.
Foto: privat

Zwei Jahre lang war er körperlich teils stark eingeschränkt. Doch statt aufzugeben, begann er noch während seiner Genesung, nach hochwertigen Fahrzeugen zu suchen, die keine aufwendigen Reparaturen benötigten. Vom Krankenbett aus legte er damit den Grundstein für seinen späteren Autohandel.

„Der Unfall war im Nachhinein mein zweiter Geburtstag. Ich wollte damals auf keinen Fall in ein tiefes Loch fallen und habe mit Halskrause und Prothese vom Krankenbett aus angefangen, nach Autos zu suchen, bei denen man körperlich nichts mehr schrauben muss. Ich habe unfallfreie Fahrzeuge gesucht, gekauft und weitervermittelt. Ohne diesen schweren Schicksalsschlag wäre ich heute wahrscheinlich immer noch angestellter Mechaniker und hätte nie den Mut aufgebracht, den Schritt in die Selbstständigkeit und den eigenen Autohandel zu wagen.“

Verena Schmidt und Thomas Schall stehen für die Augsburger Tuning-Szene, die in den Diskussionen um die „Auto-Poser“ in der Maximlilianstraße nicht angehört, sondern nur verurteilt wurde. Wer die Lärmdebatte objektiv führen möchte, tut gut daran, genau hinzusehen und zwischen echten Enthusiasten und rücksichtslosen Selbstdarstellern zu unterscheiden.