Der Streit um das SEZ geht weiter: Friedrichshain-Kreuzberg fordert die Untersagung des Abrisses und lässt zugleich eine Erhaltungsvariante prüfen.
Beschädigte Fenster, Graffiti und Spuren des langen Leerstands prägen das ehemalige SEZ in Friedrichshain. Um Abriss, Erhalt und künftige Nutzung des Areals wird weiterhin gerungen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
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Der Streit um das SEZ in Friedrichshain ist längst mehr als eine Auseinandersetzung über ein leerstehendes Gebäude. Wohnungsbau, DDR-Architektur, Artenschutz und Denkmalschutz treffen an der Landsberger Allee direkt aufeinander. Nun versucht der Bezirk erneut, den vollständigen Abriss zu verhindern – diesmal mit einem förmlichen Verfahren, das die Entscheidung auf eine weitere Verwaltungsebene hebt.
- Bezirk: Friedrichshain-Kreuzberg
- Adresse: Landsberger Allee / Danziger Straße, Berlin-Friedrichshain
- Projektstatus: Abriss und Neubebauung geplant
- Geplante Nutzung: Wohnungsbau, Schule, Gewerbe sowie Sport- und Freizeitangebote
- Wohnungszahl: 631 Wohnungen
Auch die Außenanlagen des ehemaligen SEZ in Friedrichshain sind vom langen Leerstand geprägt. Der Bezirk verfolgt weiterhin das Ziel, den vollständigen Abriss des Gebäudekomplexes zu untersagen. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Noch im Februar schien der weitere Weg weitgehend vorgezeichnet. Die WBM wollte das frühere Sport- und Erholungszentrum ab März 2026 in zwei Phasen zurückbauen. Zunächst sollten Schadstoffsanierung und Abriss des Schwimmhallenbereichs erfolgen, anschließend die übrigen Gebäude und Außenanlagen verschwinden. Vier Stahlstützen sollten als Erinnerung an den DDR-Bau erhalten bleiben.
Dann griff das Bezirksamt ein. Ende Februar verhängte das Umwelt- und Naturschutzamt wegen artenschutzrechtlicher Bedenken einen sofortigen Stopp der geplanten SEZ-Abrissarbeiten. Damit war der Konflikt allerdings nicht beendet. Die WBM und die Senatsverwaltung hielten grundsätzlich an der Neubebauung fest. Grundlage bleibt ein geltender Bebauungsplan, der Wohnungsbau sowie eine Schule und weitere Nutzungen ermöglicht.
Der Gebäudekomplex des SEZ in Friedrichshain ist seit Jahren ungenutzt und deutlich vom Leerstand gezeichnet. Auf dem Areal plant die WBM ein neues Quartier, während der Bezirk gegen den vollständigen Abriss vorgeht. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
SEZ-Abriss: Bezirk startet nun ein weiteres Verfahren
Am 14. August ging Friedrichshain-Kreuzberg noch einen Schritt weiter. Das Bezirksamt fordert vom Landesdenkmalamt das gesetzlich erforderliche Einvernehmen für eine Untersagung des Abrisses. Als Rechtsgrundlage nennt der Bezirk das Berliner Denkmalschutzgesetz in Verbindung mit der Bauordnung. Sollte das Landesdenkmalamt sein Einvernehmen verweigern, will der Bezirk die Angelegenheit unmittelbar der obersten Denkmalschutzbehörde zur Entscheidung vorlegen. Eine endgültige Untersagung liegt damit noch nicht vor.
Bemerkenswert ist dieser Schritt auch deshalb, weil das Landesdenkmalamt dem SEZ bereits zuvor keine Denkmaleigenschaft zugesprochen hatte. Nach Angaben des Senats hatte die Behörde das Gebäude zweimal geprüft. Sie sah unter anderem wegen erheblicher Veränderungen und Schäden nicht die Voraussetzungen für einen Denkmalstatus. Die Ablehnung des Denkmalschutzes für das SEZ schien den Weg für den Abriss zunächst freizumachen.
Große Teile des früheren Sport- und Erholungszentrums SEZ zeigen inzwischen deutliche Spuren des jahrelangen Leerstands. Der geplante Abriss des Komplexes bleibt Gegenstand mehrerer Verfahren. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
631 Wohnungen oder Erhalt des SEZ: Zwei Konzepte stehen gegenüber
Parallel läuft die Debatte über eine bauliche Alternative weiter. Das Bündnis „SEZ-Quartier neu denken“ hatte ein Konzept mit Erhalt wesentlicher Gebäudeteile und zusätzlichem Wohnungsbau vorgelegt. Der Bezirk hat inzwischen eine eigene fachliche Plausibilisierung dieses Entwurfs beauftragt. Damit will Friedrichshain-Kreuzberg prüfen lassen, ob Bestandserhalt und zusätzlicher Wohnungsbau miteinander vereinbar sind.
Die Senatsverwaltung hat den Alternativentwurf ebenfalls untersucht, kommt bislang jedoch zu einer kritischen Bewertung. Nach Angaben im Stadtentwicklungsausschuss sieht das WBM-Konzept 631 Wohnungen bei einer Grundflächenzahl von 0,45 vor. Der Alternativentwurf kommt auf 490 Wohnungen und eine Grundflächenzahl von 0,6.
Die Verwaltung verweist außerdem auf planungsrechtliche Probleme, zusätzlichen Eingriff in den Baumbestand, Fragen zur Erschließung und zur Fernwärmetrasse sowie höhere Anforderungen an den Lärmschutz. Für die vorgesehene Umnutzung des SEZ-Bestands wäre nach ihrer Einschätzung eine Änderung des Bebauungsplans erforderlich.
SEZ in Friedrichshain: Kosten und Zeitplan bleiben zentrale Streitpunkte
Auch erstmals öffentlich diskutierte Kostenangaben verschärfen die Auseinandersetzung. Die Senatsverwaltung bezifferte die Gesamtkosten des Alternativkonzepts auf 468,5 Millionen Euro und stellte dem 235,4 Millionen Euro für den Entwurf der bisherigen Machbarkeitsstudie gegenüber. Diese Zahlen sind Schätzungen und keine feststehenden Baukosten.
Der Senat geht zudem davon aus, dass ein grundlegender Konzeptwechsel den Wohnungsbau um rund fünf Jahre von 2030 auf 2035 verschieben könnte. Gleichzeitig prüften Senatsverwaltung und WBM im Juni selbst eine Variante, bei der ein zentraler Teil des SEZ sichtbar erhalten und in eine neue Wohnbebauung integriert würde.
Eine Entscheidung darüber steht weiterhin aus. Der neue Vorstoß des Bezirks macht deshalb vor allem eines deutlich: Trotz jahrelanger Planungen ist die Frage, wie viel vom SEZ tatsächlich verschwinden wird, noch immer nicht abschließend geklärt.
SEZ Berlin
Am ehemaligen Sport- und Erholungszentrum SEZ in Friedrichshain streiten Bezirk und Land weiter über Abriss, Untersagung, Bestandserhalt und die geplante Neubebauung mit Wohnungen.
Quellen: Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, rbb24



