87 Jahre ist es her, dass der Zweite Weltkrieg ausbrach. Mit dem Dokumentarfilm „Schicksal/Los“ nimmt das Oberschlesische Landesmuseum die Besucher mit auf eine Zeitreise in das Breslau des Zweiten Weltkriegs. Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch mit der Regisseurin und dem Zeitzeugen und Protagonisten Jürgen Hempel statt.

Der Film erzählt die Geschichte zweier Männer, die den Krieg als Kinder in Breslau erlebt hatten. Sie wurden mit ihren Familien in der Festung Breslau eingeschlossen, einer zur Verteidigung gegen die Rote Armee vorbereiteten Stadt. Die beiden Protagonisten, Jerzy Podlak und Jürgen Hempel, verbindet eine ungewöhnliche Lebensgeschichte: Podlak wurde als Kind mit seiner Familie als Zwangsarbeiter nach Breslau verschleppt, während Hempels Familie seit Generationen in der Stadt lebte. Aus unterschiedlichen Perspektiven erlebten beide die letzten Kriegsmonate in Breslau.

Die Idee zu „Schicksal/Los“ entstand aus Joanna Mielewczyks langjähriger Beschäftigung mit der Geschichte Breslaus. Die gebürtige Breslauerin hat als Journalistin mehr als 300 Menschen interviewt, die nach dem Krieg aus unterschiedlichen Gründen nach Breslau kamen und dort ein neues Leben aufbauten. Darüber hinaus sprach sie mit ehemaligen deutschen Bewohnern der Stadt, die Breslau während oder nach dem Krieg verlassen mussten. Gerade die persönlichen Geschichten der ehemaligen deutschen Breslauer sind für Mielewczyk ein wichtiger Bestandteil der Stadtgeschichte. Sie selbst wuchs in einer Stadt auf, deren Architektur und öffentlicher Raum noch überall von ihrer deutschen Vergangenheit zeugen. Die persönlichen Erinnerungen der früheren Bewohner waren ihr dagegen lange nicht zugänglich. „Die Suche nach diesen Geschichten und den Spuren ehemaliger Bewohner wurde zu meiner Leidenschaft und meiner Aufgabe“, sagt Mielewczyk.

Jerzy Podlak und Jürgen Hempel lernte sie zunächst im Rahmen ihrer Radiosendung „Kamienice“ kennen, in der sie die Geschichte Breslaus anhand der Lebensgeschichten seiner Bewohner erzählt. Dabei stellte sie fest, dass beide Männer trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und Perspektive von erstaunlich ähnlichen Erfahrungen berichteten. „Als mir bewusst wurde, wie viele gemeinsame Erfahrungen sie verbanden, entstand die Idee, sie ihre Geschichte noch einmal erzählen zu lassen – diesmal vor der Kamera – und sie zum ersten Mal in ihrem Leben miteinander ins Gespräch zu bringen“, berichtet die Regisseurin. Jerzy Podlak und Jürgen Hempel standen als Kinder auf unterschiedlichen Seiten derselben Geschichte. Inzwischen verbindet sie eine enge Freundschaft.

Eine besondere Rolle im Film übernimmt Mielewczyks Sohn. Er ist ungefähr so alt, wie Hempel und Podlak während der Zeit der Festung Breslau waren, und befragt die beiden Zeitzeugen. Mit dieser bewussten Entscheidung wollte die Regisseurin die Perspektive der Kinder sichtbar machen, die den Krieg in der eingeschlossenen Stadt erleben mussten. Ihr Sohn war auf die Gespräche vorbereitet und kannte die Lebensgeschichten der beiden Protagonisten. Dennoch entstanden viele der eindringlichsten Fragen spontan aus seiner eigenen Neugier. „Die besten und mutigsten Fragen stellte mein Sohn ganz von selbst“, erinnert sich Mielewczyk. „Sein Mut hat mich sehr beeindruckt.“

„Schicksal/Los“ entstand kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Mielewczyk widmete den Film deshalb allen Kindern, die unter Kriegen leiden. Die Geschichte von Breslau verweist für sie über die historische Situation hinaus auf die Gegenwart. Bei einer Diskussion über die Stadtgeschichte sagte eine aus der Ukraine nach Breslau geflüchtete Einwohnerin: „Die Geschichte Breslaus zeigt, dass es ein Leben nach dem Krieg gibt.“ Für Mielewczyk gehören diese Worte zu den eindrücklichsten Reaktionen auf ihren Film.