Raketentriebwerke von unten, im Hintergrund blauer Himmel

Unterseite einer Sojus-Rakete: Der Angriff könnte der Fertigung von Schlüsselkomponenten für die Produktion gegolten haben

(Bild: Leonid Andronov/Shutterstock.com)

Die Ukraine hat Russlands wichtigstes Raumfahrtwerk getroffen. Ob der Angriff Russlands Raumfahrt dauerhaft lähmt, ist noch offen. Ein Überblick.

Ukrainische Streitkräfte haben nach eigenen Angaben eine der wichtigsten Raumfahrteinrichtungen Russlands angegriffen. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte am Samstag auf der Plattform X, dass das Progress-Zentrum in der Region Samara mit Marschflugkörpern vom Typ Flamingo getroffen wurde.

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Bei der Anlage handelt es sich um einen zentralen Produktionsstandort der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, der rund 900 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt liegt.

Ziel: Raketenproduktion und Rassvet

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs wurden bei dem Angriff sowohl das Progress-Zentrum in der Region Samara als auch ein Militärflugplatz in der Region Nischni Nowgorod direkt getroffen. An beiden Standorten seien Brände ausgebrochen. Der Flugplatz sei demnach für Kampfflugzeuge genutzt worden, die für Angriffe auf die Ukraine eingesetzt wurden, erklärte Selenskyj.

Der Generalstab teilte zudem mit, dass das Werk in Samara Raketen für den Start von Satelliten des Breitbandnetzes Rassvet herstellt. Dieses Netzwerk baut Russland nach Angaben der ukrainischen Seite als Gegenstück zum Satelliteninternet-Dienst Starlink des US-Unternehmens SpaceX auf. Starlink wird in der Ukraine genutzt und verschafft dem Land nach eigener Einschätzung deutliche Vorteile bei Drohneneinsätzen und der Kommunikation auf dem Schlachtfeld. In Russland ist der Dienst nicht verfügbar.

Selenskyj begründete den Angriff mit der Notwendigkeit, das „Kriegspotenzial“ Russlands zu schwächen. „Es ist wichtig, dass Russlands Kriegspotenzial reduziert wird. Frieden ist notwendig, und das muss sich zeigen – durch konkreten Schaden an bestimmten Einrichtungen“, schrieb er.

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Der Schlag sei Teil der ukrainischen Strategie, durch Angriffe auf Ziele tief im russischen Hinterland den Druck zur Beendigung des seit mehr als vier Jahren andauernden Angriffskriegs zu erhöhen.

Unterschiedliche Angaben zum Ausmaß der Schäden

Von russischer Seite gab es zum Zeitpunkt der Berichterstattung keine Bestätigung für den Treffer auf den Flugplatz in Nischni Nowgorod. Behörden in der Region Samara erklärten hingegen, die Luftabwehr habe einen „massiven Raketenangriff“ abgewehrt. Iwan Noskow, Leiter der Regionalhauptstadt Samara, sprach von „lokal begrenzten Schäden“ an der Industrieinfrastruktur der Stadt, ohne genauer zu benennen, welche Anlage betroffen war. Er teilte mit, dass Rettungskräfte vor Ort im Einsatz seien.

Der Gouverneur der Region Samara hatte in der Nacht zunächst erklärt, eine Rakete habe eine nicht näher identifizierte Industrieanlage getroffen. Rund sieben Stunden später, gegen 12:15 Uhr Ortszeit, teilte er mit, dass die Rettungsdienste weiterhin mit den Aufräumarbeiten beschäftigt seien, ohne weitere Einzelheiten zu nennen. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Angaben nicht unabhängig überprüfen.

Das Nachrichtenportal Ars Technica berichtet, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht klar gewesen sei, welche der zahlreichen Gebäude auf dem weitläufigen Gelände des Progress-Werks beschädigt wurden.

Es gebe frei zugängliche Quellen, wonach eine Rakete ein Gebäude mit einem Reinraum für Avionik – also elektronische Steuerungssysteme für Luft- und Raumfahrzeuge – getroffen habe. Dies könnte sich mit Selenskyjs Hinweis auf die getroffene Elektronikproduktion decken.

Bedeutung des Progress-Zentrums für Russlands Raumfahrt

Das Progress-Zentrum spielt seit der Sowjetzeit eine zentrale Rolle im russischen Raumfahrtprogramm, unter anderem durch die Fertigung der Sojus-Raketenfamilie.

In der Anlage wird unter anderem die Trägerrakete Sojus-2 sowie die neuere Sojus-5-Rakete zusammenbaut. Zudem würden laut Ars Technica dort auch Militärsatelliten gebaut. Die Sojus-2-Rakete mit einer Tragfähigkeit von etwa acht Tonnen in den erdnahen Orbit wird nach Angaben des Portals für zahlreiche zivile und militärische Zwecke eingesetzt, darunter maßgeblich für bemannte Raumflüge Russlands zur Internationalen Raumstation ISS.

Von mehr als 120 russischen Raketenstarts seit 2020 sind laut Ars Technica über 85 Prozent mit Raketen der Sojus-2-Familie erfolgt. Diese habe sich zum wichtigsten Trägersystem des Landes entwickelt, da die ältere Proton-Rakete zunehmend veraltet und die neuere Angara-Rakete bislang keine nennenswerte Startfrequenz erreicht habe.

Bereits vor dem Angriff habe laut dem Fachportal Russian Space Web die Nachfrage nach Sojus-Raketen die Produktionskapazitäten überstiegen – für den Zeitraum 2027 bis 2030 habe die Nachfrage schätzungsweise 30 bis 50 Prozent über der verfügbaren Kapazität gelegen. Sollte die Produktion der Sojus-Rakete durch den Angriff dauerhaft beeinträchtigt sein, wäre dies nach Einschätzung von Ars Technica ein empfindlicher Rückschlag für das russische Raumfahrtprogramm.