Als Mitte der Zweitausender der Mainstream den ungeliebten Begriff „Street-Art“ prägte und rohe urbane Motive in Mode kamen, hatte Jürgen Große sich seinen Spitznamen „Urban Jürgen“ schon längst verdient. Kaum ein anderer war in den vergangenen Jahrzehnten so wichtig für die Berliner Graffiti-Szene wie er.
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„Jürgäään“ mit starker Betonung auf der zweiten Silbe mit lang gezogenem „ä“, meldete er sich am Telefon, wenn irgendjemand ihn morgens um 5 Uhr anrief, weil ein Graffiti dokumentiert werden musste oder für ein hanebüchenes selbst beauftragtes Projekt im öffentlichen Raum Baumaterial fehlte. Der Zigarillo rauchende Bauleiter und Stadtfotograf mit der markanten Glatze war dann meistens längst wach, auf dem Weg zur Arbeit oder noch auf der Suche nach frischen Motiven. Die frühen Morgenstunden mochte er am liebsten, da hatte er die Stadt für sich.
In einer Kunst- und Graffiti-Welt, die auf Profilneurosen und Aufmerksamkeitsökonomie gegründet ist, gehörte er zu den eher verborgenen, bescheidenen Eckpfeilern. Er hatte ein Auge für das Ungewöhnliche und unterstützte die unbequemen, wenig gefallsüchtigen Positionen im öffentlichen Raum leidenschaftlich – nicht nur als Sammelnder, nicht als ambitionierter Galerist oder Künstler, sondern als enthusiastischer Chronist und vor allem als anpackender Bauprofi. Wer auch sonst könnte so viel Begeisterung und Verständnis für das rohe Berlin, seine gezielten und zufälligen städtischen Arrangements, entwickeln, wie ein umtriebiger Bauleiter im Landschaftsbau?
Als Jürgen 2002 seinen Projektraum „Urban Art Info“ eröffnete, sorgte das bei einigen auch für Skepsis: Mit vierzig Jahren war er damals wesentlich älter als die meisten aktiven Stadtgestalter*innen. Warum interessierte sich der Mann mit der Kamera für „Streichbombings“ und die jugendliche Subkultur? Warum riskierte er es, trotz stabilem Anstellungsverhältnis in der Baubranche, durch Tunnel zu kriechen, um Fotos von versteckten Tags zu machen?
Jürgen Große, 12.07.1962 – 15.08.2026
Jürgen Große war unheilbar krank und starb am 15. August. Er hinterlässt eine Tochter, zahllose dankbare Künstlerinnen und Künstler, sein unvergleichliches Archiv sowie eine einzigartige Sammlung von Arbeiten und Objekten aus dem Berliner Stadtraum.
Der Verdacht, er könne womöglich für die Gegenseite arbeiten, zerstreute sich aber schnell. Unvergessen, wie Jürgen versuchte, auf der Brunnenstraße die farbigen Fußspuren zu kaschieren, die aus seiner Galerie direkt in die nahe Polizeiwache führten, in die ein Unbekannter einen Farbeimer geworfen hatte.
Begeisterung für die ungeschliffenen Ecken und Kanten
Für einige wurde er vielleicht sogar zur Vaterfigur, zum erwachsenen Problemlöser, der die Begeisterung für die ungeschliffenen Ecken und Kanten der Berliner Stadtlandschaft teilte. Mit seiner gelebten Praxis zwischen Arbeiter-Dayjob und fotografierendem Komplizen bei Nacht, löste „Urban Jürgen“ ganz nebenbei und sehr greifbar scheinbare Widersprüche auf: Illegalität und Kunstakademie, Baustellenmaterial und Galerie, Zufall und künstlerisches Werk waren nicht mehr unvereinbar.
Mit einem großen Herz für Underdogs dokumentierte Jürgen Große scheinbar zufällige Kompositionen von Bauarbeitern, die er gerne als Kunst verteidigte, und parallel dazu als einer der ersten bald weltberühmte Namen wie Banksy oder Swoon. Verschrobene Ikonen wie „Oz“ aus Hamburg brachte er in seine Ausstellungsräume in Mitte, die oft die ersten Berliner Schaufenster für internationale Akteure wie Blek Le Rat, Honet oder Influenza waren.
Brandwände und skurrile Rohrleitungen
Am meisten konnte er sich aber für die Berliner Writer und Experimentierfreudigen begeistern. Als Stadtfotograf mit einem Auge für das Absurde und Ungewöhnliche fotografierte er die Arbeiten in der freien Wildbahn und darüber hinaus so viel mehr, von Brandwänden bis zu skurrilen Rohrleitungen. Viele dieser Motive finden sich schon in seinem ersten, großen und ambitionierten Buch „Urban Art Photography“ von 2008.
Von den meisten unbemerkt, prägte Jürgen Große in den vergangenen 25 Jahren den Berliner Stadtraum, unsere Wahrnehmung und Sehgewohnheiten – mal als Stadtfotograf, mal als unsichtbarer Unterstützer, mal als Bauleiter des neuen Panda-Geheges im Berliner Zoo.
Der „Urban-Jürgen-Platz“.
© Lutz Henke
2005 fand im Rahmen der Ausstellung „Backjumps – The Live Issue #2“ auf dem Kreuzberger Mariannenplatz eines der wichtigsten Urban-Art-Projekte der Berliner Geschichte statt: Die „City of Names“ wurde errichtet. Damals wurde zum ersten Mal ein Großteil der sonst verborgenen aktiven Writer-Szene sichtbar und baute sogar Strukturen, eine eigene Stadt aus Buchstaben. Es war nur angemessen, dass der wichtigste Platz (die Endstation der Miniatur-U-Bahn-Linie) „Urban-Jürgen-Platz“ getauft wurde. Der Bauleiter war längst selbst zum Fundament geworden.
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Jürgen war als bescheidener und oft wortkarger Unterstützer nie besonders sichtbar. Es wäre angemessen, ihm endlich auch im echten Berlin einen Platz zu widmen. Du wirst uns fehlen, „Urban Jürgen“.