Mal wieder breitet sich eine eingeschleppte Tierart in Deutschland aus. Die Große Drüsenameise sorgt für Stromausfälle, gesperrte Spielplätze und besorgte Eltern. Jetzt rüsten die betroffenen Städte auf.

Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Eindrücke und Einschätzungen von Steve Przybilla (RiffReporter). Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Im Mülleimer wimmelt es. Zwischen Bierdosen, Zigarettenpackungen und Kassenzetteln holt Karen Eßrich einen Getränkebecher hervor. Sind das Kaffeereste auf dem Boden? „Nein“, sagt die städtische Mitarbeiterin.

Ehe sie fortfahren kann, löst sich die wimmelnde Masse in Einzelteile auf. Hunderte Ameisen schießen aus dem Becher hervor, innerhalb von Sekunden krabbeln sie über Finger, Hand, Unterarm. „Wenn man sie stört, werden sie aggressiv“, sagt Eßrich. „Und wenn man sie zerdrückt, riechen sie wie ranzige Butter.“

Ameisen-Kolonie erstreckt sich über 100 Fußballfelder

Karen Eßrich ist eigentlich Verwaltungswirtin. Seit Juli 2025 hat sie aber ein neues Amt inne: Sie koordiniert die Ameisenbekämpfung in Karlsruhe. Eine solche Stelle gibt es bisher in kaum einer deutschen Stadt – noch. Denn das, was im Karlsruher Stadtteil Neureut vor sich geht, könnte bald auch anderen Regionen blühen.

Auf ihrem Tablet zeigt Eßrich die befallenen Stellen: ein Hallenbad, eine Schule, ein Sportplatz. Außerdem unzählige Privatgrundstücke. „Wir schätzen, dass zwischen 70 und 80 Hektar betroffen sind“, sagt Eßrich. Das wäre ein Gebiet so groß wie einhundert Fußballfelder.

Die kleinen Krabbler, die so viel Ärger machen, heißen Tapinoma magnum, zu Deutsch: Große Drüsenameise. Die Art stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, sieht für ungeübte Augen aber nicht anders aus als einheimische Exemplare. Der Unterschied besteht darin, dass sich Tapinoma-Königinnen dieser Art untereinander tolerieren: Unter der Erde geht ein Nest ins andere über, es herrscht Nachbarschaft statt Konkurrenzkampf.

So entstehen Superkolonien mit Milliarden von Tieren. Mit ihrem aggressiven Gift, das auch bei Menschen zu Juckreiz führt, verdrängt die Große Drüsenameise zudem einheimische Arten.

Eingeschleppt durch Bäume aus dem Gartencenter

Erstmals detailliert beschrieben hat der Görlitzer Ameisenforscher Bernhard Seifert diese Eigenschaften 2017 in einem Artikel im Fachmagazin „Myrmecological News“. Damals sammelte das Team vor allem in Südfrankreich und in Italien Proben; in Deutschland gab es nur im Südwesten vereinzelte Fundstellen. Seither breitet sich die Ameisenart rasant aus, vermutlich eingeschleppt durch Olivenbäume und andere südländische Gehölze aus dem Gartencenter.

Bisher sind die Tiere vor allem in Süddeutschland und im nahegelegenen Elsass aktiv, doch selbst in Schleswig-Holstein gibt es inzwischen Funde. In Karlsruhe wiederum gehören die Ameisen in manchen Stadtteilen mittlerweile zum Alltag. „Bei uns wimmelt es seit Jahren“, sagt Irene Burger, eine ehrenamtliche Helferin der Evangelischen Luthergemeinde in der Oststadt. „Sobald jemand ein Stück Kuchen fallen lässt, haben wir riesige Ameisenstraßen“, sagt Burger. Im Kirchhof seien so viele Tiere unterwegs, „dass wir sie mit dem Besen aufkehren“.

Zusätzlich habe die Kirchenverwaltung einen Kärcher angeschafft. „Wir gehen mit heißem Wasser über alle Oberflächen“, sagt Burger. „In tiefere Schichten kommen wir trotzdem nicht.“ Die ständige Bekämpfung sei „unglaublich anstrengend“.

Bilanz der Ameisenbekämpfung? Durchwachsen

Bewusst wahrgenommen hat die breite Öffentlichkeit die Insekten erstmals im Jahr 2024. Damals klagte die baden-württembergische Stadt Kehl über Stromausfälle, nachdem sich die Tiere in einem Verteilerkasten eingenistet hatten. Ein unterhöhlter Spielplatz musste gesperrt werden; die Stadt investierte in Schädlingsbekämpfer und Infomaterial. Sogar ein grenzüberschreitendes Symposium wurde organisiert.

Die bisherige Bilanz? Durchwachsen. Zwar lobt die Stadtverwaltung auf ihrer Website die Bekämpfung mittels Heißwasser („Ameisen einen Dämpfer versetzen“). Komplett verschwunden sind die Tiere dadurch nicht, aber: „Einige Straßenzüge konnten so von den Ameisen befreit werden“, antwortet die Pressestelle auf Nachfrage. Die Belastung sei deutlich geringer als vorher. „Auch das zeigt uns, dass wir mit diesem Verfahren auf einem richtigen Weg zu sein scheinen.“

In Karlsruhe setzt man ebenfalls auf Aufklärung. Auf Schildern im Stadtteil Neureut sind durchgestrichene Ameisen zu sehen, daneben die Aufschrift: „Stopp der Tapinoma magnum!“ Die Menschen sollen ihren Müll mitnehmen, um mögliche Nahrungsquellen einzudämmen. An einigen Stellen hat die Stadt sogar Abfalleimer abmontieren lassen. „Das ist durchaus umstritten“, sagt Ameisen-Koordinatorin Karen Eßrich. Natürlich bestehe die Gefahr, dass am Ende der Unrat einfach in die Landschaft geworfen werde.

Beim Spielplatz vorm Alten Bahnhof hält die Koordinatorin kurz inne: „Schauen Sie, da schleppen sie ihre Brut.“ Eßrich macht sich eine Notiz zu der Ameisenstraße. „Den Spielplatz müssen wir absperren und den Sand unterspülen.“

Seit die Stadt das Problem erkannt hat, ist viel geschehen. Zwei Schädlingsbekämpfer wurden eingestellt, 2.700 Haushalte und Gartencenter über die Ameise informiert. Karen Eßrich organisiert „Ameisen-weg-Wochen“, bei denen sie Flyer vor Straßenbahnhaltestellen verteilt. 150.000 Euro gibt die Stadt für Personal und Biozide aus – und stößt trotzdem an ihre Grenzen.

„Das Problem sind die Privatgrundstücke“, sagt Eßrich. Die Anwohnerinnen und Anwohner sollen die Ameisen in ihren Häusern und Gärten selbst in Schach halten. „Wenn einer nicht mitmacht, ist alles zum Scheitern verurteilt.“ Neben dem Bürgersteig zeigt sie auf mehrere golfballgroße Löcher: Dort hat ihr Team kürzlich Wasserdampf in den Boden gespritzt.

In die benachbarten Gärten wagen sich die Schädlingsbekämpfer nicht vor, selbst dann nicht, wenn dort die meisten Tiere lauern. „Haftungsfragen“, sagt Eßrich. Zu groß ist die Sorge, dass jemand die Stadt verklagen könnte, wenn Pflanzen durch die Arbeit der Kammerjäger eingehen.

Jede Gemeinde kocht ihr eigenes Süppchen

„Außerdem fehlen uns die Ressourcen“, räumt Eßrich ein. „Wir kommen schon auf öffentlichem Grund kaum hinterher.“ Ein weiteres Problem: Eine zentrale Stelle, die die Ausbreitung der Ameisen erfasst, gibt es in Deutschland weder auf Landes- noch auf Bundesebene. Jede Gemeinde kocht ihr eigenes Süppchen.

Überhaupt stellt sich die Frage, was die bisherigen Maßnahmen bringen. „Niemand weiß, wie effektiv die Heißwassermethode ist“, sagt Andreas Martens. Der Biologieprofessor beschäftigt sich an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe seit Langem mit invasiven Arten.

Um mehr zu erfahren, führt Martens eigene Experimente durch. Er setzt auf die sogenannte Lockstein-Methode: Ein mit Folie überzogener, durchlöcherter Ziegelstein wird im Garten an einem warmen Ort platziert. Im Anschluss wird die Umgebung kräftig gewässert.

„Wenn sie eine Bedrohung bemerken, bringen die Arbeiterinnen ihre Brut in Sicherheit“, sagt Martens. Nach wenigen Tagen könne man den Stein hochheben und in einen mit Spülmittel versetzten Wassereimer tunken. „So kann man Tausende von Tieren gezielt loswerden“, hofft der Biologe.

Eine Stunde täglich Ameisen vergrämen

In Karlsruhe probiert Yvonne Matz neuerdings die Lockstein-Methode aus. „Ich tue alles, um die Ameisen in Schach zu halten“, sagt die Anwohnerin, die im besonders betroffenen Stadtteil Neureut lebt. „Als die Ameisen bei mir im Wohnzimmer waren, wurde ich panisch“, sagt sie. „Für mich war das ein richtiger Angriff auf mein Haus.“

Mit heißem Wasser und Chlor habe sie die Tiere in den Garten zurückgedrängt. „Der Kompost ist aber nach wie vor völlig durchseucht, ein richtiger Nistplatz“, sagt Matz. Ihr Gegenangriff: Pflanzen zurückschneiden, Locksteine aufstellen, kochendes Wasser in Plattenritzen schütten. „Jeden Tag verbringe ich sicher eine Stunde nur mit Ameisen-Vergrämung“, sagt die Anwohnerin.

Und im Urlaub? „Da kann ich nur beten. Meine Nachbarn frage ich nicht, ob sie helfen. Das kann man niemandem zumuten.“

Die Schweiz geht voran

Dass man die Plagegeister durchaus loswerden kann, zeigt sich in der Schweiz. In Zürich hat es die Stadt geschafft, die Ameisen an drei Standorten erfolgreich zu bekämpfen. Die Methoden: Ameisen-Gießmittel und Fressköder, verbunden mit einem wöchentlichen Behandlungsrhythmus.

Auf heißes Wasser verzichteten die Schädlingsbekämpfer komplett. Stattdessen lässt die Gemeinde bei einem Verdachtsfall immer Proben nehmen, um zu wissen, womit sie es zu tun hat: „Schädlingsbekämpfungs-Profis erkennen, wenn sich Ameisen anders als üblich verhalten und zum Beispiel die üblichen Ameisenköder nicht annehmen“, sagt Werner Tischhauser, Projektleiter Schädlingsprävention bei der Stadt Zürich. Erhärtet sich der Verdacht, folgt eine rigorose Bekämpfung.

Ein Vorteil in der Schweiz: Anders als in der EU gilt Tapinoma magnum dort offiziell als invasive Art. Eigentümerinnen und Eigentümer sind per Gesetz verpflichtet, die Ameisen auf ihren Grundstücken zu beseitigen.

Darüber hinaus hat der Kanton Zürich den „Maßnahmenplan Neobiota“ erarbeitet, der invasive Arten zurückdrängen soll: Gemeinden, die dem Kanton angehören, erhalten Informationen, Schulungen und einen zentralen Ansprechpartner. Das alles hilft, ist aber kein Allheilmittel.

Laut Tischhauser zählt vor allem Schnelligkeit: „Können Tapinoma-magnum-Ameisen über mehrere Jahre Superkolonien mit mehreren Hundert oder Tausend Ameisenvölkern bilden, ist die Erfolgsaussicht auf eine Tilgung deutlich geringer, als das in Zürich der Fall war.“

Mit Ameisen leben lernen

In Karlsruhe beendet Karen Eßrich ihren Rundgang am Schulzentrum. Neben der Tischtennisplatte haben sich die kleinen Krabbler auf eine tote Schabe gestürzt; eine Ameisenstraße verläuft über den Schulhof bis ins nahegelegene Mauerwerk.

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„Hier haben wir sie vor Kurzem erst bekämpft“, sagt die Koordinatorin. Sobald aber Schülerinnen und Schüler ihr Frühstück auspackten, kämen auch die Ameisen aus ihren Verstecken hervor. „Besorgte Eltern rufen mich an, weil sie in Schulranzen krabbeln“, sagt Eßrich.

Hat sie trotzdem Hoffnung, dass die Ameisen wieder verschwinden? Karen Eßrich sagt, sie wäre schon zufrieden, wenn die Ausbreitung eingedämmt würde. Wenn frustrierte Anwohner keine dubiosen Nervengifte im Internet bestellen, die Menschen und Haustiere gefährden.

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„Ganz weg werden wir die Ameisen wohl nicht mehr bekommen“, sagt Eßrich. „Alles läuft auf eine Begrenzung hinaus.“ In einer Stadt, in der es im Untergrund auf einer Fläche von einhundert Fußballfeldern wimmelt, wäre selbst das ein Erfolg.

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