Ein Chef bekommt so viele Bewerbungen wie seit Langem nicht mehr – und trennt sich trotzdem von Personal. Exklusive Daten zeigen, warum das kein Widerspruch ist.
Darum geht‘s:
- Dortmunds Stellenangebot sinkt 2026 bereits das dritte Jahr in Folge
- Die ausgeschriebenen Positionen liegen 12,5 Prozent unter dem Niveau von 2019
- Selbst die IT-Branche schrumpft: 2026 nur noch halb so viele Stellen wie 2022
IT-Unternehmer Philipp Wilbrink merkt die schwächelnde Wirtschaft zuerst in seinem E-Mail-Postfach. Allein im Juli 2026 hat er 129 Bewerbungen auf acht ausgeschriebene Stellen bei seiner Amicaldo GmbH bekommen. Im Herbst 2025 hatte er noch 113 Bewerbungen in fünf Monaten erhalten. Für Wilbrink war das damals ein normaler Herbst. Bewältigen kann sein Betrieb das Aufkommen mittlerweile kaum noch.
Wilbrink beschäftigt 13 Menschen, eine Personalabteilung gibt es nicht, das Bewerbermanagement übernimmt seine Assistentin. „Bei 130 Bewerbungen im Jahr oder im Halbjahr war das kein Problem. Bei 130 im Monat wird es schwierig“, sagt er. Nun prüft er, eine KI-Anwendung zu bauen, die Bewerbungen mit den offenen Stellen abgleicht. Sein menschlicher Blick entscheidet am Ende über Zu- oder Absage.
Was Wilbrink erlebt, hat einen größeren Hintergrund. Für unsere Redaktion hat die Personalmarktforschung Index Research den Dortmunder Stellenmarkt ausgewertet, auf Basis von 196 Printmedien, 304 Onlinebörsen, dem Portal der Bundesagentur für Arbeit und rund 900.000 Firmenwebsites. „Im ersten Halbjahr 2026 ist das Stellenangebot in Dortmund im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um moderate drei Prozent zurückgegangen“, sagt Index-Chef Jürgen Grenz.
Dortmunder Firmen schalten mehr Anzeigen auf weniger Stellen
Moderat klingt zunächst harmlos, doch der Rückgang ist der dritte in Folge: minus 7,7 Prozent 2024, minus 13,8 Prozent 2025, jetzt minus 2,9 Prozent. Mit 44.628 ausgeschriebenen Positionen liegt Dortmund heute um 12,5 Prozent unter dem Niveau von 2019. Zugleich schalteten mehr Firmen Anzeigen als damals: 7862 statt 6072. Rechnerisch teilen sich deutlich mehr Unternehmen deutlich weniger Stellen.
Der seit Jahren andauernde Stellenabbau in vielen Branchen und die stagnierende Wirtschaft haben den Arbeitsmarkt radikal verändert – und das trifft längst auch auf Dortmund zu. Noch schwieriger wird es, wenn man weiß, wer die Positionen ausschreibt: „Besonders auffällig ist, dass Personaldienstleister wie Personalberatungen und Zeitarbeitsfirmen im Auftrag ihrer Kundenunternehmen fast 16.000 Stellen in Dortmund ausgeschrieben haben“, sagt Grenz.
Fast jede dritte Position wird nicht vom Betrieb selbst gesucht. Auch Wilbrinks seit Jahrzehnten wachsende IT-Branche schrumpft bei den ausgeschriebenen Stellen: In Information und Kommunikation blieben im ersten Halbjahr 2026 3426 Positionen. 2022 waren es noch 7241 Positionen.
IT-Unternehmer Philipp Wilbrink: „Das ist beängstigend“
Der Dortmunder Arbeitsmarkt hat sich gedreht, doch das scheint bei vielen Bewerbern noch nicht angekommen zu sein, erzählt Unternehmer Wilbrink, der oft mit hohen Gehaltsvorstellungen konfrontiert werde, die aus einer anderen Zeit stammten. „Viele haben noch das Gefühl, ich kann mich bewerben und bekomme dann auch einen Job.“ Erst jetzt, mit Blick auf die Juli-Zahlen, bemerkt er ein „anderes Verständnis“. Die Ansprüche seien legitim, aber oft nicht bezahlbar, gerade für kleinere Firmen wie seine.
Philipp Wilbrink zeigt Wirtschaftsreporter Dennis Pesch seine Bewerberzahlen. Aus dem einstigen Arbeitnehmermarkt ist ein Arbeitgebermarkt geworden.© Leopold Achilles
Denn das Geld muss erwirtschaftet werden. „Wenn der Markt und die Wirtschaft das nicht hergeben, wird es schwierig, hohen Gehaltsvorstellungen gerecht zu werden“, sagt Wilbrink. Unternehmen seien bei Investitionen vorsichtiger, aus Unsicherheit über Wirtschaft und Politik. Das treffe auch Digitalisierungsbudgets. Erschwerend kommt für ihn die Konkurrenz der großen Dortmunder IT-Häuser wie Materna und Adesso hinzu, die den Gehaltsrahmen noch prägen.

Viele Firmen versuchten zudem, „entweder mit dem gleichen Personal oder sogar durch Reduzierung, durch Kündigungen, der wirtschaftlichen Situation gerecht zu werden“. Sein Fazit: „Das ist beängstigend.“ Auch er selbst trifft solche Entscheidungen. Einen Azubi zum Fachinformatiker übernahm er nach dem Abschluss nicht. Von einer Gestalterin in Teilzeit trennte er sich: „Ich habe sie nicht mehr auslasten können. Auch das ist Teil der Wahrheit, selbst für ein Kleinunternehmen.“