Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach aus, was in Russland seit einiger Zeit als Gerücht kursiert: „Nach den sogenannten Wahlen plant Putin eine schnelle Mobilisierung mehrerer Hunderttausend Russen bis zum Jahresende.“ Der ukrainische Militärgeheimdienst habe interne Dokumente aus dem russischen Staatsapparat ergattert, die das beweisen.
Eine Massenmobilisierung gilt in Russland als besonders heikel. Das zeigt die Erfahrung aus dem Herbst 2022: Als Präsident Wladimir Putin die Teilmobilisierung verkündete, flohen Hunderttausende russischer Männer aus dem Land. Um eine weitere Ausreisepanik zu vermeiden, dementieren die Behörden Berichte wie den Selenskyjs entschlossen.
Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, bezeichnete sie als „verlogene Provokation“ und erklärte, die Armee werde weiterhin mit Vertragssoldaten und Freiwilligen aufgefüllt.
Ein russischer Mann gibt seine Fingerabdrücke in einem Rekrutierungszentrum ab.
© IMAGO/SNA/Sergey Bobylev
Um die anzulocken, zahlen die Regionen mittlerweile bis zu 22.000 Euro für einen Vertragsschluss, ein Vielfaches eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Auch nicht getilgte Vorstrafen sind kein Hindernis für einen Vertragsschluss mehr. Außerdem lockt Russland Rekruten aus wirtschaftlich schwachen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens in sein Militär, manche mit dem falschen Versprechen auf Arbeit und Ausbildung.
Geht die Schattenmobilisierung verstärkt weiter?
Doch reichen diese Methoden aus, um Putins ambitionierte Truppenziele zu erfüllen?

Wladislaw Inosemzew ist Mitbegründer des Center for Analysis and Strategies in Europe, Ökonom und Soziologe.
Der russische Ökonom und Soziologe Wladislaw Inosemtsew bezweifelt das. „Das System nähert sich einer Grenze“, sagt er dem Tagesspiegel. Die aktuellen Rekrutenzahlen reichten nicht aus, um die Verluste an der Front vollständig auszugleichen. Gleichzeitig baut Putin die Streitkräfte weiter aus: Ende Juli erhöhte er ihre Sollstärke auf 2,43 Millionen Stellen, darunter 1,535 Millionen Militärangehörige – bereits zum dritten Mal seit Jahresbeginn.
Doch Inosemtsew vermutet, dass die Mobilisierung auch nach dem Herbst verdeckt weiterlaufen könnte. Das wäre politisch weniger riskant. Neu ist weniger das System regionaler Rekrutierungsvorgaben als der wachsende Druck, zusätzliche Rekruten zu finden.
Im März erhielten russische Hochschulen laut der Journalistin und Russland-Expertin Farida Rustamova etwa die Vorgabe, zwei Prozent ihrer Studierenden als Vertragssoldaten anwerben zu müssen. Solche Quoten könnten künftig vermehrt zum Einsatz kommen.
Das System nähert sich einer Grenze.
Der russische Ökonom und Soziologe Wladislaw Inosemtsew
Zugleich mehren sich Berichte über deutlich härtere lokale Methoden. „Der Kreml versucht bereits, auf diese Weise vorzugehen. Das zeigen neue Versuche einer ‚regionalen Mobilisierung‘, unter anderem im Gebiet Pensa“, sagt Inosemtsew. Das Gebiet liegt rund 600 Kilometer südöstlich von Moskau. Dort machten zuletzt Berichte über die Zwangsrekrutierung besonders vulnerabler Männer die Runde – also Schuldner, Männer, die betrunken auf der Straße aufgegriffen wurden oder solche mit offenen Unterhaltsforderungen.
So würden an die Stelle einer zentralen Ankündigung der Mobilisierung zahlreiche lokale Kampagnen treten. Jede beträfe nur eine begrenzte Zahl von Menschen und würde keine landesweite Reaktion wie die Teilmobilisierung 2022 auslösen, sagt Inosemtsew.
Zugleich könnten die Behörden verstärkt elektronische Einberufungsbescheide nutzen. Wer einer Vorladung nicht folgt, muss mit Einschränkungen rechnen: Betroffenen können unter anderem die Ausreise, Immobiliengeschäfte, die Registrierung von Fahrzeugen oder die Aufnahme von Krediten untersagt werden.
Der hohe Preis der Mobilisierung
Inosemtsew geht davon aus, dass der Staat in der Lage wäre, weitere 300.000 bis 800.000 Menschen einzuberufen. Doch die sind nicht automatisch kampffähige Soldaten: Die Mobilisierten müssen ausgebildet, ausgerüstet und in funktionsfähige Einheiten integriert werden. Dafür brauche es Ausbilder, Offiziere, Technik und Zeit.
Vertrag on the go: Russische Soldaten werben Freiwillige auf der Straße mit mobilen Rekrutierungszentren an.
© REUTERS/SERGEY PIVOVAROV
Nach Angaben des russischen Exilmediums „Verstka“ sind viele der 2026 eingetroffenen Vertragssoldaten schlecht vorbereitet oder verlassen den Dienst vorzeitig, während andere Einheiten chronisch unterbesetzt sind. Diese Angaben lassen sich zwar nicht unabhängig bestätigen.
Die Zahl der unterzeichneten Verträge lässt sich daher nicht ohne Weiteres mit der Zahl der tatsächlich für einen Fronteinsatz verfügbaren Soldaten gleichsetzen. Auch eine Masseneinberufung würde dieses Problem nicht lösen.
Um neue Rekruten gut vorbereitet in den Kampf zu schicken, müsste Russland laut einer groben Schätzung Inosemtsews Dutzende Milliarden Euro aufwenden. Die Rechnung enthalte den Sold, die Ausbildung, die Ausrüstung und die Unterbringung der Soldaten.
Außerdem müsste die zivile Wirtschaft auf Hunderttausende Männer im erwerbsfähigen Alter verzichten. Das würde den bereits bestehenden Arbeitskräftemangel verschärfen und die Unternehmen dazu zwingen, die Löhne zu erhöhen, um Arbeiter anzulocken, oder die Produktion zu reduzieren.
Mehr zum ThemaNach „Anruf von oben“ Moskauer Top-Ökonom sagt Russland Niederlage voraus – und wird prompt gefeuert „Keinerlei Notwendigkeit“ Kreml dementiert geplante Zwangsmobilisierung – doch viele Russen glauben das nicht „Müssen darauf vorbereitet sein“ Putin könnte bald eine Zwangsmobilisierung starten – Selenskyj besorgt
Inosemtsew schätzt, dass ärmere Regionen weiterhin stärker von Rekrutierung und Schattenmobilisierung betroffen sein werden: „Deren Bewohner haben weniger Möglichkeiten, sich gegen den Druck der Behörden zu wehren. Wohlhabendere Russen dürften dagegen häufiger versuchen, der Einberufung durch Vitamin B oder Bestechung zu entgehen.“
Je stärker der Zwang wird, desto schneller dürfte auch der Markt für korrupte Dienstleistungen wachsen, sagt der Experte. Und desto deutlicher würde werden, dass die Pflicht zum Kriegseinsatz nicht für alle gleichermaßen gilt.