Die Berliner Clubkultur prägt seit Jahrzehnten das internationale Image der Stadt. Trotzdem mussten in den vergangenen Jahren zahlreiche legendäre Clubs schließen.
Auf dem ehemaligen Gelände der Griessmühle am Neuköllner Schiffahrtskanal ist inzwischen das „Shed“ von Müller Reimann Architekten entstanden. Das Areal nutzt vor allem die private SRH University. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
© Titelbild: Wikimedia Commons, Wildtierreservat, CC BY-SA 3.0
Volle Tanzflächen, leere Kassen: Die wirtschaftliche Lage der Berliner Clubs bleibt angespannt. Laut der aktuellen Studie „Clubkultur Berlin 2026“ der Clubcommission arbeiten nur noch 61 Prozent der Clubs kostendeckend. 2017 waren es noch 79 Prozent.
Steigende Kosten, sinkende Kaufkraft und ein verändertes Ausgehverhalten setzen die Branche unter Druck. Allein seit 2020 mussten nach Angaben der Studie mindestens 24 Clubstandorte schließen. Doch hinter dieser Zahl stehen sehr unterschiedliche Geschichten: Manche Clubs scheiterten an steigenden Kosten oder wirtschaftlichen Problemen, andere verloren ihre Räume durch neue Nutzungen oder auslaufende Miet- und Pachtverträge. Fünf Beispiele zeigen, wie sich der Wandel der Berliner Clublandschaft konkret bemerkbar macht.
Griessmühle an der Sonnenallee: Trotz Protesten weicht der Club einer Privatuniversität
Am Ufer des Neuköllner Schifffahrtskanals entstand mit dem Shed-Quartier ein neues Gewerbe- und Bildungsareal. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Von 2012 bis 2020 war die Griessmühle an der Sonnenallee zu Hause, auf dem Gelände einer ehemaligen Nudelfabrik, mit drei Dancefloors und einem Außenbereich am Kanal. Einen eigenen Mietvertrag besaßen die Betreiber nie, nur einen Untermietvertrag mit einer Logistikfirma.
Als die neue Eigentümerin, die S Immo AG, diesen Vertrag 2019 nicht verlängerte, setzten sich Lokalpolitiker für den Erhalt ein. Eine Petition sammelte über 54.000 Unterschriften für den erhalt des Clubs. Im Februar 2020 fand dennoch die letzte Party statt; noch im selben Jahr eröffnete das Kollektiv als Revier Südost in Niederschöneweide neu. Die ehemalige Nudelfabrik am Neuköllner Schifffahrtskanal wurde abgerissen und neu bebaut, statt Kulturräumen entstanden hier vorrangig neue Gewerbeflächen.
Mensch Meier im Prenzlauer Berg: Ein linkes Kollektivprojekt schließt endgültig
An der Storkower Straße betrieb ein Kollektiv fast zehn Jahre lang den Club Mensch Meier nach basisdemokratischen Prinzipien, alle Mitglieder verdienten gleich viel und durften mitentscheiden. Mit der Reihe „Spaceship“ öffnete der Club sein Programm gezielt auch für Menschen mit Behinderungen.
Im Sommer 2023 kündigte das Gründungskollektiv an, die Verantwortung abgeben zu wollen. Eine Sprecherin nannte gegenüber der taz die Folgen der Corona-Pandemie, gestiegene Energiekosten und die Inflation als Gründe für das Aus. Ein Nachfolgekollektiv fand sich nicht, noch im selben Jahr schloss der Club endgültig.
SchwuZ im Rollbergkiez: Insolvenz beendet fast 50 Jahre queere Clubgeschichte
Das SchwuZ befand sich zuletzt auf dem Vollgut-Areal in Neukölln. Trotz der Weiterentwicklung des Geländes wollte die Vollgut eG den Club im Gebäude halten, jedoch meldete der Trägerverein 2025 Insolvenz an. / © Foto: ENTWICKLUNGSSTADT
Fast 50 Jahre nach seiner Gründung musste das SchwuZ im November 2025 schließen. Der Club war zuletzt in der Vollguthalle untergebracht, die aktuell ebenfalls vor einer grundlegenden Neustrukturierung steht. Er galt als einer der ältesten und größten queeren Clubs Europas. Ende Juli 2025 hatte der Trägerverein Insolvenz angemeldet.
Investorengespräche scheiterten, eine Spendenkampagne brachte über 50.000 Euro für den Erhalt zusammen – trotzdem musste der Club schließen. Aktuell suchen die Veranstalter neue Räumlichkeiten, um wieder langfristig einen festen Standort zu finden. Gleichzeitig gingen aus dem SchwuZ mehrere queere Institutionen hervor, die bis heute bestehen, darunter der Buchladen Prinz Eisenherz und das Magazin Siegessäule.
Watergate in Kreuzberg: International bekannter Technoclub schließt
22 Jahre lang zählte das Watergate an der Spree in Kreuzberg zu den bekanntesten Adressen der internationalen Technoszene. Im September 2024 gaben die Betreiber bekannt, den Pachtvertrag nicht zu verlängern. Als Gründe nannten sie steigende Kosten und eine sich wandelnde Clubkultur.
Mitbetreiber Ulrich Wombacher sagte der Berliner Zeitung, Kreuzberg habe an Charme verloren, das Geschäft sei nach der Pandemie nie wieder richtig in Fahrt gekommen. Einen eigenen Standort gibt es seitdem nicht mehr; unter dem Namen Watergate finden aber weiterhin einzelne Veranstaltungen statt.
Techno-Club Planet in Mitte: Vom besetzten Spreeufer zum Holzmarkt-Areal
Der Club Kater Holzig war von 2010 bis 2014 an der Michaelkirchstraße in Mitte ansässig, auf dem Gelände des früheren Techno-Clubs „Planet“, bevor daraus der Club Kater Blau hervorging. / © Foto: Wikimedia Commons, Toms Baugis, CC BY 2.0
An der Spree in Mitte betrieb ein Kollektiv von 1991 bis 1993 den Techno-Club Planet, die Atmosphäre soll wärmer und verspielter gewesen sein als im benachbarten Tresor. Am selben Standort eröffnete 2010 der Club Kater Holzig, der bis 2014 bestand. Auf der gegenüberliegenden Spreeseite bestand unabhängig davon von 2004 bis 2010 die Bar 25.
Dort, wo früher die Bar 25 stand, befindet sich heute das Holzmarkt-Gelände, ein gemischt genutztes Areal aus Gastronomie, Kultur und Wohnen. Aus Kater Holzig ging der Club Kater Blau hervor, der bis heute auf dem Gelände besteht.
Clubschließungen in Berlin: Zwischen Verdrängung und Neuanfang bleibt die Clubkultur im Umbruch
Die fünf Beispiele zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Entwicklung und zugleich, wie unterschiedlich die Gründe für eine Clubschließung sein können. Dahinter steht ein strukturelles Problem, auf das auch die Studie hinweist: Nur 8 Prozent der Berliner Clubs besitzen eine eigene Spielstätte, 95 Prozent sehen ohne bessere Rahmenbedingungen die langfristige Existenz vieler Clubs gefährdet.
Entsprechend ist die Zukunft auch an zahlreichen anderen Standorten ungewiss: etwa am Humboldthain, wo über einen möglichen Hotelneubau und den Erhalt eines Clubs gestritten wird, oder am RAW-Gelände, wo neben den bestehenden Kultur- und Clubnutzungen inzwischen auch Wohnungen geplant sind. Der Druck auf die Berliner Clublandschaft bleibt damit bestehen und wird die Stadt voraussichtlich auch in den kommenden Jahren beschäftigen.
Die Studie bringt die Herausforderung auf den Punkt: Es gehe längst nicht mehr darum, ob Berlin seine Clubkultur braucht, sondern darum, was sie zum Überleben benötigt.
Quellen: Clubcommission Berlin e. V., Der Tagesspiegel, taz, Der Spiegel, Berliner Zeitung, tipBerlin, Wikipedia



