Kurios ist es ja schon. Manche würden vielleicht auch sagen: ganz schön dreist. Jedenfalls bleibt man hängen an dem Info-Text, der an einer Baustellenwand beim Stuttgarter Hauptbahnhof befestigt ist. Darauf steht: „Die Rückkehr des Sterns – Bald dreht sich der Mercedes-Stern wieder auf dem Bahnhofsturm.“ Nun, „bald“ ist ein dehnbarer Begriff…

Das fünf Meter durchmessende Signet des heimischen Autokonzerns ist 1952 dort oben platziert worden. Es wurde rasch zu einem Wahrzeichen der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Einheimische begriffen den Stern als Symbol, in einer immens wichtigen Auto-Stadt zu leben. Lange stand dieser Stern für den Stolz der ganzen Region am mittleren Neckar.

Der vollständige Abschluss von Stuttgart 21 mit allem Drumherum ist jetzt bis Dezember 2033 geplant

Seit Frühjahr 2021 ist er nicht mehr da – abgenommen wegen des Endlos-Bahnprojekts Stuttgart 21. Der Stern störte bei den Sanierungsarbeiten am Hauptbahnhof. Die Projektverantwortlichen der Deutschen Bahn teilten mit, nach Abschluss der Arbeiten solle er ab 2025 wieder auf dem Turm sein. Das Wahrzeichen würde also wieder strahlen und sich wie früher drehen, war die landläufige Annahme.

Aber nichts ist. Inzwischen kämpft der Autokonzern selbst, wie alle deutschen Wettbewerber, gegen eine massive Krise, und der Stern ruht sanft in der Ausstellung des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart-Cannstatt. Was daran liegt, dass die Sanierung des eindrucksvoll mit Muschelkalk-Quadern verkleideten früheren Bahnhofsempfangsgebäudes weiter läuft. Es ist denkmalgeschützt, prägend für seinen Standort und wird als einziges Überbleibsel des bisherigen Kopfbahnhofs erhalten. Dies ist wiederum damit verknüpft, dass hier der höchst angesehene Architekt Paul Bonatz von 1914 bis 1928 zugange war.

Wie sich jedoch bis in die allerletzten Winkel Deutschlands herumgesprochen hat, halten nicht nur die Arbeiten an Bonatz‘ heiligen Hallen an. Das komplette S21-Projekt wird nicht fertig: weder der Tiefbahnhof mit seinen künftig durchgehenden Gleisen, noch weitere Schienenwege, Tunnels, Brücken oder neue Haltestellen.

Zuletzt hat die Deutsche Bahn den Zeitpunkt der Inbetriebnahme um weitere Jahre nach hinten verlegt. Zuerst hatte es geheißen, 2019 sei es so weit. Dies wäre neun Jahre nach Baubeginn gewesen. Weitere Verschiebungen folgten. Jetzt soll 2031 wenigstens der Tiefbahnhof nutzbar sein. Der vollständige Abschluss des Gesamtprojekts mit allem Drumherum ist bis Dezember 2033 geplant. Hinzu kommt, dass sich die Gesamtkosten um weitere drei Milliarden Euro erhöhen – auf jetzt 14,5 Milliarden Euro.

Der Mercedes-Stern auf dem Stuttgarter Bahnhofsgebäude könnte 2027 wieder installiert werden – oder auch nicht

In diesem Zusammenhang kann das Fehlen des Mercedes-Sterns fast schon als weiteres Zeichen einer Endlos-Peinlichkeit begriffen werden. Wobei es aber auch bei ihm eine neue Ansage für die Wiederinstallierung gibt. Demnach könnte er 2027 wieder auf den Turm kommen. Oder auch nicht.

Der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit Mercedes-Stern. Eine Aufnahme aus dem Jahr 2012.

Icon vergrößern

Der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit Mercedes-Stern. Eine Aufnahme aus dem Jahr 2012.
Foto: Marijan Murat, dpa (Archivbild)

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit Mercedes-Stern. Eine Aufnahme aus dem Jahr 2012.
Foto: Marijan Murat, dpa (Archivbild)

Der erste Passant, den man vor dem Bahnhof auf das Phänomen Stuttgart 21 anspricht, setzt eine entsprechende Miene auf. Er ist Bauingenieur-Student an der Universität und meint salopp: „Ach, das wird doch nie fertig.“ Da er von auswärts komme, sei ihm der Hauptbahnhof und die Umgebung während seiner Studienzeit nur als Baustelle bekannt. „Das wird auch so bleiben. Nächstes Jahr nach dem Master-Abschluss gehe ich wieder.“

Anderen Menschen bleibt nichts anderes übrig, als zu bleiben und mit dem Baustellen-Monster weiterzuleben – so wie sie es schon 16 Jahre lang tun. Dies gilt für Anwohner, Geschäftsleute, Ladenbetreiber oder auch für Pendler. Wie hält man das aus?

„Eigentlich erträgt man es gar nicht mehr“, sagt Amelie Botta, Betreiberin eines gut sortierten Fotogeschäfts vis-à-vis des Hauptbahnhofs. „Wir haben die Schnauze so was von voll. Lärm, Staub, Dreck, Kunden bleiben weg“, klagt sie und fährt fort: „Dafür drückt sich bei uns auf den Straßen und Gehwegen immer mehr fragwürdiges Publikum herum.“

Ladeninhaber Alper Opal spricht angesichts von Stuttgart 21 von einem „fortwährenden Albtraum“

Doch das Bahnhofsumfeld war auch schon vor Stuttgart 21 von Drogenabhängigen, Bettlern und Obdachlosen frequentiert worden – speziell die Klettpassage, eine unterirdische Ladenzeile mit Abgängen zur S- und U-Bahn sowie Treppen zum Hauptbahnhof. Anderes steht tatsächlich in direktem Zusammenhang mit dem Megaprojekt: Schmutz, Krach, ewig lange Bauzäune, Baucontainer, Materiallager, Baustellen-Brachen und die hoch aufragenden Kräne, gegenwärtig sechs an der Zahl.

In einer Parfümerie ein paar Meter weiter spricht Ladeninhaber Alper Opal von einem „fortwährenden Albtraum“. Auch er berichtet von Umsatz-Rückgängen. Opal redet sich in seinem fein duftenden Geschäft den Frust von der Seele. Am Schluss meint er: „Und was sollen die ganzen Gäste von Stuttgart denken? Wenn diese ankommen, erleben sie zuerst die Baustelle.“

Nun ist Stuttgart zwar größer als S21. Aber abseits genervter Einheimischer kann jeder Ortsfremde tatsächlich das ganze Baustellen-Ungemach recht schnell selbst erleben. Wer sich von auswärts traut, mit dem Auto in die Bahnhofsgegend zu fahren, sollte gute Nerven haben. Provisorisch verlegte Fahrspuren, Richtungspfeile, die durchgestrichen sind, Hinweise, die irgendwann behelfsmäßig aufgestellt wurden.

Wer mit dem Zug ankommt, stößt auf ähnliche Herausforderungen. Er hält nämlich weit im Vorfeld des alten Kopfbahnhofs. Von dort aus muss ein Reisender erst einmal den Weg zum Ausgang finden. Südlich geht es über eine rund 350 Meter lange, eingedeckte Baustellenrampe. Wer sie bewältigt hat, ist immerhin in greifbarer Nähe zum Stadtzentrum mit der zentralen Stuttgarter Einkaufsmeile Königstraße.

Früher standen die Taxis immer direkt vor dem Empfangsgebäude des Alt-Bahnhofs – aber diese Stelle gehört jetzt zum Bau-Areal

Alternativ kann ein Fahrgast versuchen, nach Norden hin das Bahnhofsprovisorium zu verlassen. Sollte er sich nicht in diversen Durchgängen verirren, kommt er im Europaviertel bei der Baden-Württembergischen Landesbank heraus. In dieser mit recht engen Straßen versehenen Ecke existiert eine Art Hilfstaxi-Stand. Die Folge: immer mal wieder erschwertes Durchkommen für jeglichen Verkehr.

Früher standen die Taxis immer direkt vor dem Empfangsgebäude des Alt-Bahnhofs – dort, wo eine große Freitreppe den einstigen portalhaften Haupteingang markiert. Aber diese Stelle gehört zum Bau-Areal. Pech für Taxifahrer. Ihre potenziellen Gäste verlieren ebenso, weil sie zumindest für den Moment bei der Suche nach einer Fahrgelegenheit orientierungslos sind.

Blick auf die S21-Baustelle des künftigen Hauptbahnhofs.

Icon vergrößern

Blick auf die S21-Baustelle des künftigen Hauptbahnhofs.
Foto: Christoph Schmidt, dpa

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Blick auf die S21-Baustelle des künftigen Hauptbahnhofs.
Foto: Christoph Schmidt, dpa

Wobei es eine weitere vorläufige Taxi-Station gegenüber beim Hotel Graf Zeppelin gibt, einer zentralen alteingesessenen Luxusherberge. Der Standort wirkt indes ähnlich versteckt wie jener bei der Baden-Württembergischen Landesbank – in diesem Fall, weil der Verkehr an dieser Stelle auf mehr als vier Fahrbahnen rollt, wenn man die Abbiegespuren hinzuzählt. Anders ausgedrückt: Der Taxi-Stand wird fast vom Verkehr erdrückt.

„Das ist hier ein völliger Schwachsinn“, schimpft dann auch einer der Miet-Chauffeure. „Wer mit dem Zug kommt, tut sich schwer, uns hier zu finden.“ Man glaubt es gerne, zumal sich bruddelnd ein Koffer-schleppender Reisender nähert. „Das ist doch alles ein Scheißdreck“, diktiert er einem frank und frei in den Schreibblock.

Selbst Stuttgarts Oberbürgermeister sagt: „Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko“

An der nahen, edlen und klimatisierten Rezeption im Graf Zeppelin ist man derselben Meinung. Die Worte werden in Anbetracht der Klassifizierung mit fünf Hotel-Sternen nur vornehmer gewählt. „Die Baustelle bringt unglückliche Konstellationen mit sich. Dies steigert sich durch die lange Bauzeit“, heißt es.

Wenn man so will, scheint sich Stuttgart mit Blick auf die S21-Baustelle ziemlich einig zu sein. Dies hat noch nicht einmal zwangsweise mit einer möglichen Positionierung gegen das Projekt zu tun. So ist Oberbürgermeister Frank Nopper ein erklärter Befürworter des Tiefbahnhofs mit den durchgehenden Gleisen.

Frank Nopper (CDU) ist seit 2021 Oberbürgermeister von Stuttgart.

Icon vergrößern

Frank Nopper (CDU) ist seit 2021 Oberbürgermeister von Stuttgart.
Foto: Christoph Schmidt, dpa

Schließen

Icon Schließen

Icon vergrößern

Icon verkleinern

Icon Pfeil bewegen

Frank Nopper (CDU) ist seit 2021 Oberbürgermeister von Stuttgart.
Foto: Christoph Schmidt, dpa

Zum einen gefallen dem CDU-Mann schnellere Zugverbindungen, die S21 verspricht. Des Weiteren freut er sich über den oberirdischen Wegfall der Kopfbahnhof-Gleise. Weite Flächen werden frei. Die Kommunalpolitik sieht ungeahnte städtebauliche Chancen – sollte die Bahn endlich zu Potte kommen. „Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko“, hat Nopper deshalb kürzlich den Verantwortlichen ins Stammbuch geschrieben.

Übrigens haben auch die altgedienten S21-Gegner auf die jüngste Verschiebung der Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs reagiert. Man erinnere sich: Beim Baubeginn fanden Massenproteste gegen S21 statt. Jeden Montag gab es eine große Demonstration inklusive Verkehrszusammenbruch auf der Straße vor dem Hauptbahnhof.

Heute betreiben die Gegner von S21 noch eine Holzbude beim Bahnhof, die als Stützpunkt für Mahnwachen dient

Es kam dann zu einem Volksentscheid über S21. Er ging 2011 zugunsten der Befürworter aus. Heute betreiben die Gegner noch eine grün angestrichene Holzbude beim Bahnhof, die als Stützpunkt für Mahnwachen dient. Ein Mann, der sich Frank nennt, begrüßt einen herzlich. „Wissen Sie, dass wir uns jetzt nicht mehr gegen S21 wenden?“, sagt er in scherzhaftem Ton. „Wegen des neu genannten Fertigstellungsdatums 2031 wenden wir uns jetzt gegen S31.“

Sagt‘s und drückt einem einen der bekannten gelben Aufkleber mit dem durchgestrichenen Stuttgart-Schriftzug in die Hand. Darauf steht tatsächlich „Stuttgart 31“ – durchgestrichen natürlich. Man denkt sich das seine und hofft, dass am Schluss nicht noch Stuttgart 41 daraus wird.