Für Stefan Zott herrscht aktuell Ausnahmezustand. Der Sprecher der Lechallianz, ein Zusammenschluss von Verbänden zum Schutz des Flusses, war in den vergangenen Jahren einiges gewohnt: Trockenphasen, Hitzeperioden, plötzliche Starkregenereignisse. Doch was sich in diesem Sommer abspielt, übertrifft bisher Geschehenes um Längen. Noch nie seit Aufzeichnungsbeginn hatte der Lech laut Daten des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) so wenig Wasser. Die Wassertemperatur lag am Dienstagnachmittag am Hochablass bei 25,5 Grad Celsius. Etliche Lechbewohner kämpfen ums Überleben. Plötzlich gelten sogar Fischbergungen als wahrscheinlich. Der Lech ist laut Zott ein „Intensivpatient“.
Das bisherige Jahr ist deutlich zu trocken. Laut Daten des Deutschen Wetterdiensts (DWD) hat es im Zeitraum 1. Januar bis 9. August in Augsburg lediglich 324 Liter pro Quadratmeter geregnet. Der Mittelwert seit 1947 für besagten Zeitraum liegt bei knapp 500 Litern. Auch die durchschnittlichen Temperaturen liegen im bisherigen Jahr mit 10,71 Grad Celsius erneut deutlich über dem vieljährigen Mittel (8,96 Grad Celsius). Dass Lech und Wertach bereits Anfang August historische Niedrigwerte erreichen, führen Experten zudem auf die deutlich zu trockenen Wintermonate seit Oktober und die geringe Schneeschmelze zurück.
Lech und Wertach: Augsburger Flüssen drohen „massive ökologische Schäden“
„Das Wasserdargebot für die Fische wird immer knapper“, sagt Zott, der zudem Geschäftsführer des Fischereiverbands Schwaben ist. Kälteliebende Arten wie die Forelle, Äsche oder der für den Lech prägende Huchen vertrügen keine derartig hohen Temperaturen. „Sie sind im Todeskampf“, sagt Zott. Zwar soll es etwas kühler werden, der dringend nötige ausreichende Niederschlag scheint sich aber nicht anzubahnen.
Laut dem Wasserwirtschaftsamt Donauwörth drohen massive ökologische Schäden. Im erwärmten Wasser sinke der Sauerstoffgehalt und es drohten kritische Verhältnisse für Fische und andere Wasserorganismen, die bis zum Fischsterben führen könnten. Folge sei zudem ein starkes Algenwachstum, das derzeit im Lech unterhalb des Wehrs in Gersthofen zu beobachten sei.
Experte hält Fischbergungen im Augsburger Lech für „sehr wahrscheinlich“
Noch dramatischer gestaltet sich die Situation an der Wertach. Bereits Mitte Juli wurde die Abflusssituation – die Wassermenge, die an einem Punkt in einer bestimmten Zeit vorbeifließt – als „sehr niedrig“ eingestuft. Einen Monat und kaum Regen später hat sich die Lage weiter verschärft. „Die Abflüsse in der Wertach und in den wertachgespeisten Stadtbächen sind stark reduziert“, heißt es. Beim Gollwitzersteg in Pfersee-Süd bildete sich in den vergangenen Tage teppichgroßer Algenbewuchs auf der Wasseroberfläche, größere Fische sind kaum wahrzunehmen.

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In der Wertach bildete sich zuletzt ein teppichartiger Algenbewuchs.
Foto: Anna Kondratenko
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In der Wertach bildete sich zuletzt ein teppichartiger Algenbewuchs.
Foto: Anna Kondratenko
Den Tieren bleibt laut Zott nur der Rückzug in Regionen, in denen es kühler ist. Dies sind in der Regel sogenannte Gumpen – tieferliegende Kaltwasserrückzugsräume –, die aber aufgrund des sinkenden Wasserdargebots in Lech und Wertach zunehmend rar werden. Deshalb hält Zott Fischbergungen angesichts der Wetterprognosen für den Lech in den nächsten Wochen für „sehr wahrscheinlich“.
Zott plädiert dafür, wo es möglich ist, Grundwasserquellen aufzubaggern, damit mehr kühles Grundwasser seinen Weg in die Flüsse finden kann. „Das wäre eine Akutmaßnahme für Lech und Wertach“, sagt er. Wie berichtet, sprechen sich weitere Experten dafür aus, Neben- und Kleinstgewässer sowie Flusseinmündungen stärker zu begrünen, um die Temperaturbelastung für Fische zu reduzieren. Langfristig müsse es aber vor allem um eines gehen, so Zott. „Wir müssen gemeinsam gegen die Klimakrise kämpfen. Jeder muss seinen Beitrag leisten.“
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