Bielefeld. „Wer in Jöllenbeck lebt, bekommt von der Großstadt Bielefeld nicht unbedingt jeden Tag etwas mit“, sagt Lukas Kleinheinrich. Der 23-Jährige ist der jüngste Teilnehmer der NW-Sommergespräche über das Bielefelder Stadtbild und schätzt genau das an seiner Geburtsstadt: „Bielefeld bietet mir all die Vorzüge einer Großstadt und zugleich die des abgeschiedeneren ländlichen Raumes.“ Deshalb lebe er gerne hier.

Genau deshalb sieht der junge Mann, der bei der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement absolviert, auch keine Veranlassung wegzuziehen, „wenn ich denn eine berufliche Perspektive in der Stadt finde“, schränkt er ein. „Ich fühle mich hier einfach gut aufgehoben.“

Das heißt allerdings nicht, dass Kleinheinrich, der sich seit 2022 in der SPD Jöllenbeck engagiert und seit 2025 der Bezirksvertretung Jöllenbeck angehört („weil ich meine Stadt mitgestalten will“), über die Schwächen seiner Heimatstadt hinwegsieht.

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Illegaler Müll

So stört es ihn zum Beispiel, „dass immer mehr Müll in der Stadt einfach illegal in die Landschaft entsorgt wird.“ Das und auch, dass die Schmuddelecken zunehmen, sei kein reines Innenstadt-Phänomen, fügt er an. „Ich beteilige mich seit mehreren Jahren am Clean-Up-Day in Jöllenbeck. Was ich dort unter und neben Bänken, an den Straßenrändern, in Hecken oder im Wald an Müll finde, erstaunt mich immer wieder: Flaschen, Kartons, Dosen und anderer Abfall, alles wird einfach achtlos weggeworfen.“ Das schade Tieren, verschandele die Landschaft und mache zugleich unser Wohnumfeld unattraktiver. „Ich verstehe nicht, warum Menschen so egoistisch handeln.“

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Kleinheinrich sieht deshalb zuallererst die Bürgerinnen und Bürger selbst in der Pflicht, damit aufzuhören und auf andere Menschen einzuwirken, das zu unterlassen. Von Videoüberwachung an Altglas- und Altkleider-Containern hält er nicht viel, „aber notfalls müsse man auch darüber diskutieren.“

Das Bahnhofsumfeld

Noch größeren Handlungsbedarf sieht der 23-Jährige an einem Ort, den gerade junge Menschen ohne Auto häufig nutzen: dem Hauptbahnhof und seinem Umfeld. Bielefelds Bahnhof habe zwar durchaus „einen gewissen Charme“, sagt Kleinheinrich, aber dort ist vieles auch in die Jahre gekommen. „Das Pflaster, die Haltestellen und die gesamte Ausgestaltung wirken auf mich, wie aus der Zeit gefallen.“ Hier sollte die Stadt durchaus aktiv werden.


Lukas Kleinheinrich wünscht sich eine bessere Verzahunung der Bielefelder Nachtbusse mit dem Bahnverkehr. - © MoBiel/Martin Speckmann

Lukas Kleinheinrich wünscht sich eine bessere Verzahunung der Bielefelder Nachtbusse mit dem Bahnverkehr.
| © MoBiel/Martin Speckmann

Nahverkehr besser abstimmen

Vor allem aber stört ihn auch die mangelhafte Abstimmung der Verkehrsmittel aufeinander. Zwischen Stadtbahn, Bahnhof und einigen Nachtbushaltestellen müssten Reisende teilweise lange Wege und unterschiedliche Ebenen überwinden. Zudem würde er es sehr begrüßen, wenn bei einer Umgestaltung endlich auch Bahnhof, Stadtbahn und am besten auch gleich das unterirdisch angedachte Radparkhaus miteinander verbunden würden. „Das würde die Attraktivität des Nahverkehrs in unserer Stadt deutlich steigern und die Wege für Reisende deutlich einfacher machen“, ist er sich sicher.

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Stadtbahn nach Jöllenbeck verlängern

Grundsätzlich aber stellt Kleinheinrich dem Bielefelder Nahverkehr ein gutes Zeugnis aus. Gerade Jöllenbeck habe in den vergangenen 10 bis 15 Jahren von Verbesserungen profitiert. „Doch wir sollten uns weiterhin dafür starkmachen, dass Jöllenbeck an das Stadtbahnnetz angeschlossen wird. Das würde unseren Stadtbezirk deutlich aufwerten und mit einem integrierten Park-and-Ride-Angebot auch für Verkehrsentlastung sorgen. Zudem könnte man so Menschen, die aus Enger oder Spenge in die Stadt pendeln, viel eher dazu bewegen, ihren Wagen stehen zu lassen.“ Die positive Folge: Jöllenbecker Straße und letztlich auch die Innenstadt würden vom Verkehr entlastet.


Die Fontänen auf dem Kesselbrink werden gern von Kindern zur Ganzkörper-Abkühlung an heißen Tagen genutzt. - © Barbara Franke

Die Fontänen auf dem Kesselbrink werden gern von Kindern zur Ganzkörper-Abkühlung an heißen Tagen genutzt.
| © Barbara Franke

Mehr Hitzeschutz

Für den Jöllenbecker Marktplatz wünscht sich Kleinheinrich mehr Verschattung, denn es sei zwar schön, dass es dort immer wieder Veranstaltungen gebe, aber an Sonnenschutz mangele es. Mehr Bäume oder andere Formen des Hitzeschutzes könnten die Aufenthaltsqualität sehr verbessern, wirbt er für Maßnahmen in diese Richtung. Überhaupt müsse die Stadt in Sachen Hitzeschutz und Bekämpfung der Klimakrise mehr tun. „Ich selbst erlebe als Berufsschüler am Carl-Severing-Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung zum Beispiel, wie schlecht viele Schulgebäude in Bielefeld gegen Hitze gerüstet sind.“

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Er erwartet daher von Politik und Verwaltung eine langfristige Strategie für städtische Immobilien: „Wie machen wir unsere Gebäude klimakrisenfest?“ Schulen müssten Orte bleiben, an denen auch während immer häufigerer Hitzeperioden vernünftig gelernt und gearbeitet werden könne.

Autos nicht verbannen

Beim Thema Autoverkehr, das in Bielefeld ja immer wieder für heftige Debatten sorgt, vertritt Kleinheinrich eine eher pragmatische Position. Dass dem Pkw in der Innenstadt weniger Platz eingeräumt wird als früher, hält er für richtig. Komplett aus der City verbannen möchte er Autos aber nicht. Dafür seien die Voraussetzungen zu unterschiedlich. Gerade Menschen aus dem Umland verfügten nicht überall über attraktive Bus- und Bahnverbindungen in das Oberzentrum. Für sie könne das Auto weiterhin die schnellste Möglichkeit sein, Bielefeld zu erreichen. Deshalb können wir das Auto nicht generell aus der City verbannen, meint er.

In Sachen Kultur schätzt der Azubi das Angebot der „Wissenswerkstadt“ und räumt ein, das Theater und die Kunsthalle eher nicht zu besuchen. „Ihre Angebote sprechen mich bisher nicht wirklich an.“


Schandfleck: Verdreckter Eingang zur Jahnplatzpassage am Imbiss-Rondell. - © Martin Krause

Schandfleck: Verdreckter Eingang zur Jahnplatzpassage am Imbiss-Rondell.
| © Martin Krause

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Jahnplatzpassge als Jugendkulturzentrum

Umso interessanter findet er aber die Idee der Falken, in der verlassenen und verfallenden Jahnplatzpassage ein Jugendkulturzentrum einzurichten. „Die Lage ist aus meiner Sicht ideal, weil sie zentral verortet und unmittelbar an Stadtbahn und Nachtbus angebunden ist.“ Es sollte nochmals geprüft werden, ob sich das Projekt nicht doch noch realisieren lassen könnte, denn es lohne sich dreifach: Ein Stück Bielefelder Stadtgeschichte bliebe so erhalten, ein Innenstadt-Schandfleck würde endlich verschwinden und die Jugendkultur hätte wieder eine zentrale Heimat in Bielefeld, fasst Kleinheinrich die Vorteile dieser Lösung aus seiner Sicht zusammen. „Aus einem alten Ort würde etwas Neues für die Jugend entspringen, das sei ein schöner Gedanke.“

Weltoffenheit verteidigen

Am Ende des siebten NW-Sommergesprächs formuliert der junge Jöllenbecker noch einen Wunsch, der über Stadtgestaltung, Verkehr und Bauprojekte hinausgeht. „Weltoffenheit und Vielfalt sind wichtige Bestandteile unseres Bielefelder Selbstverständnisses. Gerade in diesen Zeiten, in denen unsere Demokratie offen angegriffen wird, sollten wir genau das uns bewahren und verteidigen.“

Die bisherigen NW-Sommergespräche 2026 zum Nachlesen:

NW-Sommergespräche (1): Positiver Charme, aber: „Bielefeld bleibt oftmals unter seinen Möglichkeiten“

NW-Sommergespräche (2): Mut zur Vorreiterrolle: Stadtplaner liebt Bielefeld und übt doch deutliche Kritik

NW-Sommergespräche (3): Thumel kritisiert: „Mich stört diese gewisse Behäbigkeit der Politik in Bielefeld“

NW-Sommergespräche (4): Warum Monika Rister der Bielefelder Jahnplatz verwirrt und der Klosterplatz Hoffnung macht

NW-Sommergespräche (5): Sehr engagiertes Plädoyer für Tempo 30 in der Bielefelder City

NW-Sommergespräche (6): Dringender Appell: „Wir brauchen in Bielefeld mehr Schatten, Bäume und Wasser“