Berlin war früher eine Hochburg der Sozialdemokraten. Doch das ist vorbei. Vor der Abgeordnetenhauswahl im September sind die Umfragen für die SPD enttäuschend. Spitzenkandidat Steffen Krach erkärte, wie er den unmöglich erscheinenden Wahlsieg noch möglich machen will.
Steffen Krach ist gefühlt gerade überall. Der 47-Jährige ist in der Stadt unterwegs, gibt Interviews, sendet auf Social Media. Hauptsache im Gespräch bleiben. Der gebürtige Hannoveraner steht vor einer schweren Aufgabe: Er soll für die SPD das Rote Rathaus in Berlin zurückerobern.
In den Umfragen vor der Wahl des Abgeordnetenhauses am 20. September liegt seine Partei hinter Linken, CDU, AfD und Grünen. Krach setzt auf einen Stimmungsumschwung in den nächsten Wochen – und auf direkten Kontakt mit den Berlinerinnen und Berlinern.
Beim Treffen im Kurt-Schumacher-Haus, der Parteizentrale der Landes-SPD im früheren Arbeiterstadtteil Wedding, erzählt Krach von einer Begegnung am Vortag. Bei einem Wahlkampfbesuch in Marzahn, tief im Berliner Osten, hat er zwei Jugendliche davon überzeugt, nicht AfD zu wählen. Sie wollen jetzt für die Tierschutzpartei stimmen.
Herr Krach, Sie wollen Regierender Bürgermeister werden. Ihre Partei liegt in den Umfragen abgeschlagen auf Platz fünf. Wie aussichtslos ist Ihr Wahlkampf?
Steffen Krach: Aussichtslos fühlt sich das gar nicht an. Fünf Parteien liegen relativ nah beieinander, die SPD holt auf. Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen und es ist alles drin. Und ich bin Sportler – meine besten Spiele habe ich gemacht, wenn es besonders hart war.
Die SPD blickt in Berlin auf eine lange und stolze Tradition. Warum sackt sie auch hier so ab?
Wir erleben insgesamt einen Vertrauensverlust in die Politik. Darunter leidet die SPD momentan besonders. Viele Menschen sprechen mich darauf an, dass wir seit 37 Jahren ununterbrochen regieren – deshalb werden wir auch für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Das kann ich nachvollziehen. Wir haben aber auch vieles richtig gemacht.
Zum Beispiel?
Nehmen wir die gebührenfreie Bildung. Viele halten es für selbstverständlich, dass die Kita gebührenfrei ist und nicht mehrere Hundert Euro im Monat kostet. Das ist eine sozialdemokratische Errungenschaft – und die kann schneller wieder weg sein, als uns lieb ist. Der CDU-Spitzenkandidat hat angekündigt, das kostenlose Schülerticket und das kostenfreie Schulmittagessen abschaffen zu wollen und als nächstes kommen die Kitagebühren. Das sind krasse Belastungen für Familien und das lehne ich ab.
Viele Berliner haben den Eindruck: Die großen Probleme werden nicht gelöst. Beispiel Mieten. In kaum einer Stadt ist der Druck auf den Wohnungsmarkt so groß wie in Berlin. Dabei regiert die mieterfreundliche SPD.
Ich gebe zu, wir haben zu spät reagiert. Wir dachten, dass wir das Problem im Griff haben. Aber diese Verantwortung tragen wir als Parteien gemeinsam, die SPD hat nie allein regiert. Auch die Linke hat in den letzten 25 Jahren insgesamt 17 Jahre mitregiert – und dabei viele Jahre das Bauressort geführt. Da sind die Mieten drastisch gestiegen. Keine Partei kann behaupten, sie hat damit nichts zu tun.
Das macht die aktuelle Situation nicht besser.
Wir haben in dieser Legislatur so viel erreicht wie nie zuvor. Mit 80.000 neuen Wohnungen und Maßnahmen, mit denen wir Recht und Ordnung bei Mieten durchsetzen. Es gibt eine Mietenprüfstelle des Landes und den Mietenscan, der Wohnungsinserate auf Verstöße gegen die Mietpreisbremse überprüft. Und wir haben ein Mietenkataster auf den Weg gebracht. Darin werden alle 1,8 Millionen Mietwohnungen in Berlin digital erfasst. Das schafft absolute Transparenz bei allen Mieten und wir können Regelverstöße systematisch ahnden. Ich will, dass wir bei Bußgeldern bis zu 100.000 Euro hochgehen.
Die Berliner SPD liebäugelt auch wieder mit einem Mietendeckel. Damit sind Sie schon einmal gescheitert – ganz vergessen?
Ich war damals im Senat dabei. Das Bundesverfassungsgericht hat nicht das Konzept des Mietendeckels verworfen, sondern festgestellt, dass Berlin dafür nicht zuständig ist. Deshalb fordere ich vom Bund, dass diese Kompetenz an die Länder übertragen wird. Dann können sie selbst über einen Mietendeckel entscheiden. Das ist die rechtlich sichere Variante. Bezahlbarer Wohnraum ist eine der zentralen sozialen Fragen, die 44 Millionen Mieterinnen und Mieter in ganz Deutschland betrifft. Als Regierender Bürgermeister will ich in Berlin einen Mietendeckel einführen.
Ein Mietendeckel ändert nichts an der hohen Nachfrage und dem Mangel an Wohnraum. Er schafft außerdem neue Probleme: Wer soll noch bauen und Wohnraum schaffen, wenn Preise künstlich begrenzt werden?
Es ist klar, dass wir das Wohnungsproblem ohne Neubau nicht lösen. Wir wollen 20.000 Wohnungen pro Jahr bauen und auch aus leerstehenden Büros neuen Wohnraum machen. Zweitens, Mietwucher und illegale Ferienwohnungen mit dem Mietenkataster systematisch ahnden. Und der dritte Punkt ist der Mietendeckel.
Was genau schlagen Sie vor?
Mein Wunsch wäre, dass wir ihn nur temporär brauchen. Im Moment ist er notwendig. Auf der Straße berichten mir Menschen von Mieterhöhungen um 60 oder gar 80 Prozent – und das in nur wenigen Jahren. Wohin das führt, ist klar: zu Verdrängung. Ich will aber, dass Menschen dort leben können, wo sie leben wollen – und nicht dort, wo sie wegen der Mieten hinziehen müssen.
Die Linke geht noch einen Schritt weiter. Sie will enteignen. Parteichefin Ines Schwerdtner macht das zur Bedingung für eine Koalition in Berlin. Knicken Sie ein?
Nein, ich halte die Enteignung nicht für den richtigen Weg. Die Finanzierung ist völlig ungeklärt. Dabei geht es um zweistellige Milliardenbeträge. Woher soll das Geld kommen? Und es würde zunächst zu jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen führen, in den nächsten fünf Jahren also nichts passieren. Und falls es durchgeht, würden davon nur die Mieterinnen und Mieter profitieren, die in den 200.000 Wohnungen von Konzernen wohnen. Als SPD wollen wir die Lage von allen Mieterinnen und Mietern in Berlin verbessern, in allen 1,8 Millionen Mietwohnungen. Frau Schwerdtner interessiert mich auch für mögliche Berliner Koalitionsverhandlungen nicht. Sie ist Bundesvorsitzende der Linken. Von ihr lasse ich mir keine roten Linien diktieren.
Ebenfalls für Frust in der Stadt – und schlechte Laune – sorgen Ausfälle und Verspätungen im Öffentlichen Nahverkehr. Was wollen Sie dagegen tun?
Die aktuellen Zahlen sind nicht so schlecht, 87 Prozent der Fahrten sind pünktlich. Trotzdem weiß ich, dass es große Unzufriedenheit gibt – und ich erlebe die Probleme selbst, weil ich viel mit U- und S-Bahn fahre. Die Lage ist vielschichtig und ja, es gibt Störungen. Aber auch, weil eben viel gebaut wird. Diese Investitionen in die Infrastruktur sind gut und zugleich wird die Flotte erneuert, das ist dringend nötig. Ich will auch, dass wir die Digitalisierung, Sauberkeit und Sicherheit deutlich verbessern. Gerade junge Frauen sagen mir, dass sie sich nachts in der U-Bahn oft unsicher fühlen. Das zu ändern, hat für mich hohe Priorität.
Haben die Öffis bei Ihnen Vorrang vor dem Auto?
Ich bin Fan des öffentlichen Nahverkehrs. Aber ich will die Verkehrsmittel nicht gegeneinander ausspielen. Wir brauchen eine bessere Fahrradinfrastruktur und müssen in Bus und Bahn investieren – insbesondere in den Außenbezirken. Gleichzeitig wird es weiterhin Autos geben. Ich fahre selbst auch Auto, genauso wie mit einem Lastenrad. Mein Ansatz ist: Wir müssen die Alternativen so attraktiv machen, dass Menschen gerne auf das Auto verzichten, weil sie mit Bus und Bahn schneller und bequemer unterwegs sind.
Das Thema Drogen spielt in der Stadt wieder eine größere Rolle. Konsum, Handel und die Verelendung von Süchtigen sind vielerorts sichtbar. Worauf setzen Sie: Toleranz oder Repression?
Ich habe einen Masterplan vorgeschlagen, der auf einen Mix setzt. Wir brauchen klare Grenzen. Es ist nicht akzeptabel, wenn auf Spielplätzen Drogen konsumiert, Spritzen in Sandkästen geworfen werden oder Hauseingänge als Konsumplätze dienen. Gleichzeitig reden wir über Suchterkrankungen. Die verschwinden nicht durch Verbote oder Zäune.
Sondern?
Ich will suchtkranke Menschen von der Straße runterbekommen. Deshalb brauchen wir Räume, in denen konsumiert werden kann, wo es medizinische und soziale Betreuung gibt. Auch Housing First – also Wohnraum für obdachlose Menschen – müssen wir ausbauen. Unser Ziel ist, Obdachlosigkeit bis 2030 in den Griff zu bekommen. Aber gegen die Dealer und die organisierte Kriminalität im Hintergrund müssen wir knallhart durchgreifen.
Gibt es Städte, die beim Umgang mit Drogen als Vorbild dienen?
Zum Beispiel Zürich, wo es einen Mix aus Hilfe und klaren Grenzen gibt. Vieles davon haben wir in Berlin bereits übernommen. Mir ist sehr wichtig, dass wir die Aufklärung schon in den Schulen massiv verstärken, um unsere Kinder zu schützen. Durch digitale Messenger und Drogentaxis trifft die Gefahr immer jüngere Menschen. Wir müssen eine zentrale Plattform schaffen, wo solche Angebote schnell gemeldet werden können, um sie besser zu verfolgen. Drug Checking ist auch ein Thema, das wir in Berlin weiter ausbauen wollen. Solche Angebote helfen, Menschenleben zu schützen.
Im Vergleich zu anderen Großstädten wirkt Berlin besonders dreckig. Woran liegt’s?
Die CDU ist angetreten, Berlin sauberer zu machen. Jetzt ist es deutlich schmutziger geworden. Wir müssen weiter in die Stadtreinigung investieren und haben die Mittel bereits deutlich erhöht, von 300 Millionen auf 360 Millionen im aktuellen Doppelhaushalt. Mehr Geld und mehr Personal. Aber wir müssen auch darüber reden, woher der Müll kommt: von Menschen. Es ist nicht okay, seinen Müll einfach auf die Straße zu werfen. Wir brauchen in Berlin einen Mentalitätswechsel, weg von der zunehmenden Ist-mir-egal-Haltung, hin zu mehr Rücksicht und Liebe für die eigene Stadt. Dazu kann jeder Einzelne beitragen.
Was wäre Ihnen nach der Wahl lieber: Juniorpartner der CDU oder der Linken?
Ich will Regierender Bürgermeister werden. Eine Zusammenarbeit schließe ich mit der AfD aus. Mit Grünen, CDU, und Linken werde ich sprechen. Dann entscheiden wir. Ich will eine stabile Regierung, die ambitioniert ist und Mut zu klaren Entscheidungen hat.
Das Wahlprogramm der SPD ist allerdings ziemlich links. Rot-Rot-Grün wäre naheliegend.
Finden Sie? Wir haben ein sehr pragmatisches Programm für Berlin. Im ersten Kapitel steht bei uns die wirtschaftliche Entwicklung. Wir wollen mehr Arbeitsplätze und Berlin zum Innovationsstandort Nummer eins in Europa machen. Wir brauchen die Linkspartei auch nicht für eine soziale Politik. Das haben wir in den vergangenen Jahren gesehen: Wir haben das Mietenkataster auf den Weg gebracht, das Wahlalter auf 16 gesenkt und Berlin hat den höchsten Landesmindestlohn Deutschlands. Das ist SPD pur.
Empfohlenes Video
CDU-Mann Laumann äußert sich bei Lanz zu schlechten Umfragewerten: „Da wird einem angst und bange“

© teleschau
Teile der Berliner Linken scheinen mit Antisemitismus wenig Probleme zu haben. Wo ziehen Sie rote Linien?
Empfehlungen der Redaktion
Für mich ist es selbstverständlich, dass wir gegen jede Form von Antisemitismus vorgehen. Und das glaube ich auch der Spitzenkandidatin der Linken. Ich wundere mich aber, dass die Linkspartei aufheult, wenn ich sage: Mit mir gibt es keine Antisemiten im Senat. Offenbar triggert das dort etwas. Dabei sollte der Kampf gegen Antisemitismus Konsens sein – genauso wie gegen Rassismus oder Queerfeindlichkeit. Seit meiner Aussage werde ich von Leuten aus dem Umfeld der Linkspartei in den sozialen Medien massiv angegangen. Das scheint dort ein größeres Problem zu sein, als die Partei selbst wahrhaben will.
Über den Gesprächspartner
- Steffen Krach, geboren 1979 in Hannover, hat nach dem Abitur Sozial- und Politikwissenschaften in Göttingen und an der Freien Universität Berlin studiert. Den Großteil seines Berufslebens hat er in Berlin verbracht – und in der Politik. Er war unter anderem Staatssekretär in verschiedenen Senaten. Im Jahr 2021 wurde Krach bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen zum Präsidenten der Region Hannover gewählt. Im August 2025 nominierte die SPD Berlin ihn als Spitzenkandidaten für die Wahl zum Abgeordnetenhaus. Inzwischen leitet er den Landesverband auch in einer Doppelspitze. Krach ist verheiratet und hat drei Söhne.