„Fan ist sicher besser als ich.“ Timo Boll sagt es mit einem Lächeln. Fan Zhendong schaut verlegen an die Decke. Es ist einer dieser kleinen Momente, die viel über den neuen Spieler von Borussia Düsseldorf erzählen. Am Donnerstagnachmittag trug sich Fan Zhendong im Rathaus der Stadt ins Goldene Buch ein. Anschließend stellten er und die gesamte Mannschaft sich den Fragen der Journalisten.
Fan fügte sich bescheiden und wie selbstverständlich ins Team ein, keinerlei Allüren zeigte er, hörte konzentriert und lächelnd den Statements seiner Kollegen und des Trainers zu. Seite an Seite mit seinem Freund Timo Boll. Als Fan bei einer an ihn gerichteten Frage nach seinem Befinden in Europa seinen Freund bat zu antworten, tat Boll dies kurzerhand. Eine schöne, sympathische Szene.
Und dann ist da noch etwas, das man einem Mann wie Fan Zhendong vielleicht nicht unbedingt zutrauen würde: Er ist nervös. Ausgerechnet vor seinem ersten Heimspiel für Borussia. Der Olympiasieger, Weltmeister und ehemalige Weltranglistenerste gibt offen zu, dass ihn der Auftritt am Samstag beschäftigt. Es ist die Offenheit, die ihn so nahbar macht. Fan beschreibt Düsseldorf als ein neues Kapitel, will sich weiterentwickeln, Titel gewinnen und sich auch außerhalb des Tisches in seiner neuen Umgebung einleben. Sportlich sind die Ziele allerdings alles andere als zurückhaltend: „Wir wollen in dieser Saison jeden Titel holen.“
Wenn Fan Zhendong am Samstag in der Mitsubishi Electric Halle zum ersten Mal vor heimischem Publikum für Borussia Düsseldorf aufschlägt, wird es nicht nur sportlich ein besonderer Nachmittag. Der Chinese ist einer der größten Stars, die der Tischtennissport hervorgebracht hat. In seiner Heimat ist der 29-Jährige ein Superstar, dessen Bekanntheit weit über die Sporthalle hinausreicht. Er gilt als einer der komplettesten und offensivstärksten Spieler der Geschichte. Und doch scheint Fan Zhendong mit dem Leben als Superstar nicht immer besonders viel anfangen zu können.
Das wurde schon bei seinem ersten Bundesliga-Auftritt für den 1. FC Saarbrücken deutlich. Nicht nur die Gegner interessierten sich für den prominenten Zugang, sondern auch zahlreiche Fans, insbesondere aus China. Der Andrang war so groß, dass seine Mannschaftskollegen nach den Spielen gewissermaßen zu Bodyguards wurden. Sein Saarbrücker Teamkollege Patrick Franziska berichtete mal, er und Darko Jorgic hätten Fan vor den Anhängern abschirmen müssen, damit er in der Halle halbwegs ungestört durch die Menge zu kommen.
Dabei ist Fan Zhendong nicht der Typ, der das Rampenlicht sucht. Wer ihn spielen sieht, erlebt einen hochkonzentrierten Athleten, dessen Emotionen meist nach innen gerichtet bleiben. Große Jubelposen, ausladende Gesten oder das demonstrative Feiern spektakulärer Punkte gehören nicht zu seinem Stil. Vielmehr wirkt er auch nach den größten Erfolgen oft erstaunlich ruhig. Der Starkult, der ihn in China umgibt, gehört zu seinem Leben – es ist aber nicht das, was er sucht. Fan hat sich mehrfach kritisch mit der immer größeren Aufmerksamkeit und dem Druck auseinandergesetzt, der auf Spitzensportlern lastet.
Warum passt also ausgerechnet ein zurückhaltender Weltstar wie Fan Zhendong nach Düsseldorf? Zu einem Verein, dessen Name im Tischtennis für Tradition, Öffentlichkeit und große Erwartungen steht? Möglicherweise aber gerade deshalb. Denn Borussia hat mit Timo Boll über Jahre gezeigt, dass Weltklasse und Bodenständigkeit kein Widerspruch sein müssen.
Die ruhige und zurückhaltende Art verbindet ihn mit Timo Boll. Fan schätzt an dem Düsseldorfer dessen Empathie – einen Menschen, der zuhören kann, sich um andere kümmert und trotz seiner eigenen Weltkarriere nahbar geblieben ist. Aus dieser menschlichen Nähe entstand eine Freundschaft, die den Wechsel nach Düsseldorf noch besonderer macht. Dass beide zusammen in einer Mannschaft stehen, hat nicht geklappt, denn Boll hat seine Karriere vor der vergangenen Saison beendet. Fan Zhendong folgt ihm trotzdem nach Düsseldorf – allerdings nicht als Ersatz, denn diese Rolle könnte ohnehin niemand ausfüllen. Eher tritt er in eine Stadt ein, die für Boll fast zwei Jahrzehnte lang Heimat war.
Fan Zhendongs Weg nach Europa ist keineswegs selbstverständlich. Ende 2024 legte er sich mit der internationalen Tischtennis-Organisation WTT an, nachdem neue Vorgaben den Spielern eine Teilnahme an zahlreichen Turnieren abverlangten. Der Chinese wollte die Terminhatz nicht mehr mitmachen und zog sich aus Teilen der WTT-Tour zurück. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Athleten, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand. Er stellte damit letztlich die Frage, wie viel Spitzensport und wie viel öffentlicher Druck ein Mensch dauerhaft aushalten kann.
Nun beginnt in Düsseldorf ein neues Kapitel. Borussia hat einen Weltstar verpflichtet, der gar nicht unbedingt wie ein Weltstar leben möchte. Einen Spieler, der in China von Tausenden gefeiert wird und in Europa vor Fans geschützt werden muss, der aber gleichzeitig ganz normale Dinge tun möchte: Filme schauen, durch Düsseldorf gehen, Sehenswürdigkeiten kennenlernen. Fan Zhendong sucht in Europa nicht nur neue Gegner am Tisch. Er hofft einen Ort zu finden, an dem er trotz seines Ruhms ein Stück weit Fan Zhendong sein kann – und nicht ständig nur der Superstar Fan Zhendong sein muss. Düsseldorf könnte dafür ein ziemlich guter Ort sein.