Einen echten Pokalkrimi haben die rund 1.200 Zuschauer geliefert bekommen, die sich am Mittwochabend trotz anhaltenden Nieselregens das Erstrundenspiel des SV Sonsbeck angeschaut haben. Im heimischen Willy-Lemkens-Sportpark verkaufte sich der SVS gegen den ambitionierten Drittligisten Rot-Weiss Essen beim 2:7 (0:2, 2:2) nach Verlängerung ausgesprochen gut. Aber wie konnten die Essener in der Verlängerung fünf Treffer erzielen? Ein ausführlicher Blick auf den spektakulären Abend.
Das etwas ungewohnte Outfit der Gäste von der Hafenstraße, die in gelben Trikots mit blauer Hose aufliefen, hinderte die Essener aber nicht daran, direkt auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich hatte Essen beim letzten Auftritt im Niederrheinpokal in diesem Stadion lange mit 0:1 hinten gelegen. Diesmal wollte der Favorit offensichtlich keine Zweifel an seinem Erfolg aufkommen lassen.
Frühe Essener Führung: RWE lässt keine Zweifel aufkommen
Mit der schnellen Führung wurde das untermauert. Der emsige und pfeilschnelle Semir Telalovic auf dem linken Flügel der Gäste konnte sich durchsetzen und flanken, der Ball wurde nicht klar genug vom SVS geklärt, und aus dem Rückraum konnte Michael Kostka unhaltbar für Julius Paris das 1:0 für RWE erzielen (7.).
Im Anschluss versuchte Essen, das Spiel weiter zu kontrollieren. Der Gastgeber hingegen war keinesfalls mutlos, sondern agierte mit langen Bällen auf Tom Cappel oder Niklas Binn, von denen mindestens einer immer in der Spitze lauerte, um einen Ball festzumachen. So zollte der am Kreuzband und Meniskus verletzte Stürmerkollege Klaus Keisers den beiden nach der Partie „größten Respekt, was die geackert haben“.
Doch gelang es dem SV Sonsbeck meist nur über Standards, für ein wenig Gefahr vor dem Essener Kasten zu sorgen. So auch mit der ersten Ecke, die Essens Keeper Felix Wienand schlecht wegfaustete, doch Philipp Elspaß erwischte den Ball erst hinterm Körper, sodass der Schuss weit übers Tor ging. Das Erstrundenduell plätscherte dahin – Essen kontrollierte, ohne zwingend zu werden, Sonsbeck lauerte.
Erst zum Ende der ersten Hälfte musste SVS-Keeper Paris dann ein paar Schüsse parieren, die allerdings keine große Herausforderung waren. Als allerdings Dickson Abiama zwei Sonsbecker stehen ließ und flach durch die Beine eines Verteidigers aufs kurze Eck zog, konnte Paris nur nach vorne abklatschen. Jaka Potocnik reagierte am schnellsten und traf zum 2:0 für Essen.
„Nach dem 2:0 war ich sicher, dass wir das hier ordentlich hinkriegen“, sagte RWE-Coach Uwe Koschinat später. „Das 2:2 war ein echter Schock.“ Zumal seine Mannschaft gut aus der Pause gekommen war, immer wieder Abschlüsse suchte, doch konsequent an Julius Paris scheiterte. Allein in den ersten sechs Minuten nach Wiederanpfiff hatten Abiama, Potocnik und zweimal Semir Telalovic riesige Chancen, das Ergebnis in die Höhe zu schrauben. Stattdessen wendete sich das Blatt.
Spektakuläre Wende: Sonsbeck gleicht zum 2:2 aus
Ein Freistoß fast von der Mittellinie für den SV Sonsbeck, den Linus Krajac auf den langen Tymoteusz Miller schlagen will. Doch der Verteidiger vor Miller streckt sich und verlängert den Ball an den Fünfmeterraum, wo Niklas Binn sträflich einsam lauert und den Ball direkt unhaltbar in die Maschen hämmert (53.). Kurz darauf Ballbesitz Essen, es wird hintenrum gespielt. Pass auf den letzten Mann Kostka, der sich auf dem Weg zur Ballannahme verletzt und zusammenklappt. Der Ball rollt weiter, doch Shadi Ghrayeb, der schon auf dem Weg zum Angreifen war, bremste ab, spielte den Ball sogar ins Aus. „Er hatte doch eigentlich den Ball“, erläuterte er später, warum er die Chance nicht ergriff, um aufs gegnerische Tor zum möglichen Ausgleich durchzustarten, „ich wollte einfach ein fairer Sportsmann sein.“
Der Ausgleich zum 2:2 fiel dennoch kurz darauf, erneut nach einem Standard, bei dem die Abwehr der Essener nicht gut aussah. Erneut Freistoß Krajac, dieses Mal an den Fünfer, wo RWE nicht sauber klärte, Cappel mit der Brust annahm und direkt abschloss (62.). Danach war es eine lange Zeit offene Partie, wie auch die ehemalige Frauen-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bestätigte: „Das war ein richtig tolles Spiel bis zur Verlängerung.“ Zwar hatte Essen die etwas besseren Chancen, Paris konnte sich wiederholt auszeichnen, aber auch dem SV Sonsbeck boten sich Räume.
Verlängerung: Eingewechselte Joker entscheiden den Pokalkrimi
Am Ende stand dann die Verlängerung, die mit einem schnellen Doppelschlag der Gäste begann. Die eingewechselten Noah Pesch und Marek Janssen schraubten binnen zwei Minuten das Ergebnis auf 4:2. „Diese beiden Tore haben uns das Genick gebrochen“, sagte SVS-Trainer Heinrich Losing später. „Dennoch muss man die Partie vernünftig zu Ende bringen, das müssen wir besser machen.“
Stolz trotz Niederlage: SVS blickt auf Oberliga-Alltag voraus
Ähnlich sah es Elspaß, der mit Kapitän Robin Schoofs enorm viele Angriffsversuche der Gäste unterband. „Wir waren vor zwei Jahren dicht dran“, erinnerte er an die lange Führung damals. „Aber du darfst das dritte und dann das vierte Gegentor nicht kriegen.“ Dennoch ist er wie sein Trainer und die meisten Mitspieler zu Recht stolz auf die Leistung, auch „wenn noch die Enttäuschung überwiegt. Aber das war ein Bonus, unser Fokus liegt auf der Oberliga.“ Luca Janßen sah es ähnlich. „Wir können stolz auf unsere Leistung sein. Am Ende haben die einfach noch einmal große Qualität von der Bank gebracht“, verwies er darauf, dass alle fünf Treffer in der Verlängerung auf das Konto der beiden eingewechselten Joker gingen.
Nun geht es am Sonntag um 15 Uhr im Willy-Lemkens-Sportpark mit dem Spiel gegen den SV Scherpenberg weiter, die Partie gegen Essen bleibt dann in Erinnerung als, wie Losing sagte, „ein toller Pokalfight.“