
Eine Patriot-Luftabwehrbatterie
(Bild: jamesonwu1972/Shutterstock.com)
Der Ukraine geht die Patriot-Munition aus – russische Raketen treffen fast ungehindert. Vor dem Winter sinken die Chancen auf eine Waffenruhe.
Russland hat die Angriffe auf Kiew in den vergangenen Tagen intensiviert und dabei ballistische Raketen sowie Hyperschallwaffen eingesetzt. Wie der Economist berichtet, verbringen viele Bewohner der ukrainischen Hauptstadt ihre Nächte inzwischen in überfüllten U-Bahn-Stationen oder in Tiefgaragen.
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Die Luftangriffe haben sich dabei zu einem regelrechten Schießstand entwickelt: Der Ukraine sind die Patriot-Abfangraketen inzwischen praktisch ausgegangen. Der US-Sender CNN veröffentlichte kürzlich exklusive Aufnahmen leerer Patriot-Abschussanlagen – ein ukrainischer Chefingenieur sagte dem Sender, er habe seit sechs Wochen keinen Patriot-Start mehr erlebt.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte die Lage konkret: Die Ukraine benötige 5 Prozent des US-Bestands an Abfangraketen, um durch den Winter zu kommen, verfüge aktuell aber nur über 1 Prozent.
Ukrainische Luftabwehr versagt
Die schwierige Lage der Ukraine ist Ausdruck eines strukturellen Mangels an Abfangmitteln im Westen: Die USA und lizenzierte Hersteller in Deutschland und Japan produzieren zusammen nur etwa 840 Patriot-Einheiten pro Jahr – während Russland allein rund 750 Iskander-Raketen jährlich fertigt und die Produktion weiter steigern will.
Verschärft wird die Lage durch den US-Krieg gegen den Iran, der die Bestände zusätzlich belastet hat; die US-Lieferungen von Patriot-Raketen an Kiew sind derzeit eingestellt. Die Abfangquote sei dadurch von zuvor über 70 Prozent praktisch auf null gefallen, schreibt Jack Watling, Militärforscher am Royal United Services Institute, in einem Meinungsbeitrag im Guardian. Die Nato-Staaten hätten bei der Verteidigungsplanung „kläglich versagt“ – mit schweren Folgen für die Ukraine.
Dabei verfügt die Ukraine über ein tief gestaffeltes Luftabwehrsystem sowie über ein leistungsfähiges Netzwerk zur Abwehr von Drohnenschwärmen. Auch dank westlicher Luftabwehrsysteme kann sie die meisten großen Marschflugkörper abfangen. Bei ballistischen Raketen stößt dieses System jedoch an seine Grenzen: Nur Patriot-Systeme sind in der Lage, russische ballistische Raketen vom Typ „Iskander-M“ und die aeroballistische Hyperschallrakete „Kinschal“ abzufangen.
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Wie zugespitzt die Situation ist, zeigt der Umgang der ukrainischen Luftstreitkräfte mit den eigenen Erfolgszahlen: Sie haben inzwischen aufgehört, öffentlich über abgeschossene Raketen zu berichten.
Zu beobachten ist eine neue Eskalation im Russland-Ukraine-Krieg, der sich bereits im fünften Jahr befindet. In vielen Phasen des Konflikts wurde deutlich, dass eine Seite zeitweise einen leichten Vorsprung oder Vorteil hatte – sowohl auf dem direkten Kampffeld als auch bei der automatisierten Kriegsführung im Luftraum. Auf solche Entwicklungen reagierte die jeweils andere Seite stets mit Gegenmaßnahmen.
Gegenschläge und Eskalation
Dem derzeit harten Vorgehen Russlands gingen intensive ukrainische Angriffe unterschiedlichen Charakters voraus. Diese richteten sich unter anderem gegen Raffinerien und andere Erdöl-Infrastrukturen, Stromanlagen sowie zuletzt gegen Lagerhallen und Verteilerzentren des Unternehmens Wildberries – häufig als „russisches Amazon“ bezeichnet.
In den vergangenen Wochen kam es zudem zu Angriffen auf Getreideschiffe, die vom Asowschen Meer nach Rostow unterwegs waren. Auch zwei Getreideterminals im russischen Hafen Noworossisk wurden beschädigt und stellten den Betrieb ein.
Es folgten Angriffe russischer Streitkräfte auf die ukrainische Schwarzmeer-Region, woraufhin der Betrieb der Häfen Odessa, Tschornomorsk und Juschny ausgesetzt werden musste. Über diese Häfen läuft ein erheblicher Anteil der Frachten, die auf den ukrainischen Seehäfen umgeschlagen werden.
Die ukrainische Wirtschaft ist gezwungen, dringend nach alternativen Transportwegen zu suchen. Reziprok auf die Angriffe auf Wildberries nimmt Russland nun auch ukrainische Lagerhallen mit Lebensmitteln sowie Verteilerzentren, etwa der größeren Handelskette „Silpo“, ins Visier.
Berichten des Verteidigungsministeriums zufolge richteten sich russische Schläge zuletzt gegen mehrere militärisch-industrielle Ziele in der Ukraine. Darunter war auch eine Produktionsstätte des Rüstungsunternehmens Fire Point in Kiew, das nach russischen Angaben Komponenten und Gefechtsköpfe für die Flamingo-Marschflugkörper herstellt.
Bereits seit Wochen führt die Ukraine massive Angriffe auf die Krim aus, mit dem Ziel, die Halbinsel von der Versorgung abzuschneiden. Hinzu kommen Schläge weit ins russische Hinterland. Die Ukraine erhält dabei enorme westliche Unterstützung. So werden jedes Mal, wenn die Ukraine auf einem bestimmten Gebiet einen zeitweiligen Vorteil erzielt, in westlichen Medien neue sogenannte „Gamechanger“ durch die Medienlandschaft getrieben und eine nahende Niederlage Russlands diskutiert.
Westliche Rolle und Eskalationsdynamik
Dabei zeigt sich eine klare Entwicklung: Während zu Beginn des Krieges vor allem Helme und Schutzwesten geliefert wurden, geht es inzwischen um weitreichende Waffensysteme, Satellitenaufklärung und KI-gestützte Zielerfassung. Besonders die Rolle der USA hat sich gewandelt: Unter Präsident Joe Biden bestand lange Zurückhaltung bei Angriffen auf russisches Kernterritorium mit US-Waffen; unter seinem Nachfolger Donald Trump wurde diese Beschränkung gelockert. Dadurch wurden Angriffe tief im russischen Staatsgebiet erst möglich.
Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer, bekannt für seine sachlichen Analysen der gegenwärtigen Kriegssituation im österreichischen und deutschen öffentlichen Fernsehen, sieht in dieser Eskalation ein typisches Muster langwieriger Konflikte. Jede Seite überschreite eine bisherige Grenze, während keine Seite bereit sei nachzugeben. Um den Krieg zu gewinnen, sei man bereit, diese Grenze immer weiter nach hinten zu verschieben.
Reisner verwendet dafür den militärischen Begriff „Center of Gravity“. Für die Ukraine liege dieser „Schwerpunkt“ in der Unterstützung durch den Westen.
Russland müsse deshalb nicht zwingend nur militärische Ziele in der Ukraine zerstören – strategisch wirksamer wäre es, einen Keil zwischen die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer zu treiben, etwa durch hybride Angriffe oder Sabotageakte, die die westliche Bevölkerung dazu bringen könnten, die Unterstützung infrage zu stellen. Aus russischer Sicht gelten die westlichen Unterstützer dabei ohnehin bereits als Kriegsparteien.
Maßnahmen dieser Art sind in der russischen Militärdoktrin auf einer bestimmten Stufe der Eskalation tatsächlich ausdrücklich vorgesehen. Somit verfügt Russland unterhalb der nuklearen Schwelle noch über einige Handlungsmöglichkeiten im weiteren Verlauf des Konflikts.
Atomwaffen betrachtet Reisner als ein reales Eskalationsinstrument. Er sagt explizit nicht, dass Russland zwangsläufig Atomwaffen einsetzen werde, hält es jedoch für falsch, die russischen Nukleardrohungen grundsätzlich als Bluff abzutun.
Der Winter naht
Oberst Reisner deutet die jüngste ukrainische Eskalation – den Krieg zunehmend nach Russland und damit vor die eigene Haustür der Angreifer zu tragen – vor allem als Versuch, noch vor dem Winter eine Waffenruhe zu erzwingen. Denn der kommende Winter könnte für die Ukraine sehr hart werden, sollten russische Streitkräfte erneut beginnen, bereits beschädigte kritische Infrastruktur gezielt anzugreifen.
Bislang ist dieser Versuch nach Einschätzung Reisners jedoch gescheitert: Die massiven ukrainischen Angriffe setzen Russland zwar ökonomisch unter Druck, doch Moskau reagiert darauf nicht mit Zugeständnissen, sondern erhöht seinerseits kurzfristig den militärischen Druck. Beide Seiten schaukeln sich damit in einer Eskalationsspirale gegenseitig hoch.
Kürzlich lehnte Moskau eine von Kiew angefragte Waffenruhe für Angriffe auf zivile Schiffe und Häfen im Schwarzen Meer ab. Marija Sacharowa, Pressesprecherin des Außenministeriums der Russischen Föderation, erklärte dazu, Moskau habe nicht die Absicht, „dem Kiewer Regime eine temporäre Verschnaufpause zu gewähren“.
Vor einem Jahr kamen die Präsidenten Wladimir Putin und Donald Trump in Anchorage, Alaska, zu einem Gipfeltreffen zusammen, das damals als möglicher Durchbruch bei den Bemühungen um eine Beilegung des Ukraine-Krieges gehandelt wurde. Doch heute ist der sogenannte“Geist von Anchorage“ längst verpufft. Die Chancen, noch in diesem Jahr eine Waffenruhe zu für beide Seiten akzeptablen Bedingungen zu erreichen, stehen schlecht.