Frau Eralp, in einem Wahlkampfvideo sagen Sie: „Menschen wie ich sollen in diesem Land eigentlich nicht Bürgermeisterin werden.“ Was meinen Sie damit?
Es gibt nur wenige Menschen in hohen Regierungsämtern, die nicht schon jahrzehntelang im Politikbetrieb waren, die die Alltagssorgen der Menschen wirklich kennen und eine Migrationsgeschichte haben.
Welche Rolle spielt das aus Ihrer Sicht?
Es ist wichtig, dass sich die gesamte Bevölkerung in der Politik abbildet. Frauen und queere Menschen sind unterrepräsentiert, aber eben ganz klar auch Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch ihnen will ich im Roten Rathaus eine Stimme geben.
Sie haben Ihren Wahlkreis mitten in Kreuzberg. Ihre Kampagne richtet sich vor allem an ein junges, urbanes Publikum. Können Sie auch den Berliner Stadtrand vertreten?
Ich bin viel in den Außenbezirken unterwegs und habe auch viel Kontakt mit älteren Menschen. Was alle verbindet – egal, ob alt oder jung, mit oder ohne Migrationsgeschichte –, ist die Frage der Bezahlbarkeit.
Wenn man Ihren Wahlkampf beobachtet, muss man den Eindruck bekommen, dass Menschen, die Eigentum besitzen oder wirtschaftlich erfolgreich sind, Ihrer Partei suspekt sind.
Nein. Es gibt viele Menschen, etwa aus der sogenannten Gastarbeitergeneration, die sich ihr Eigenheim hart erarbeitet haben und darin wohnen. Es geht überhaupt nicht darum, jemandem Steine in den Weg zu legen. Wir möchten, dass Berlin wirtschaftlich floriert. Wir unterstützen kleine und mittelständische Betriebe, beispielsweise mit unserer Forderung nach einem Gewerbemietendeckel und einem Gründerbonus.
Zur Person
Elif Eralp wurde 1981 in München geboren. Ihre Mutter flüchtete während der Schwangerschaft aus der Türkei. Später wuchs Eralp in Dortmund und Hamburg auf, wo sie ein Studium der Rechtswissenschaften 2007 mit dem Ersten Juristischen Staatsexamen abschloss. Eralp zog anschließend nach Berlin und arbeitete in der Bundestagsfraktion der Linken. Erst 2017 trat sie auch in die Partei ein und wurde ein Jahr später in den Berliner Landesvorstand gewählt. Seit der Wahl 2021 sitzt sie für die Linke im Abgeordnetenhaus und ist seit Herbst 2025 Spitzenkandidatin für die kommende Wahl. Eralp lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Kreuzberg.
Sie tragen seit Längerem eine goldene Mietendeckel-Kette. Würde das auch so bleiben, wenn Sie Regierende Bürgermeisterin würden?
Ja, klar!
Die Bundesspitze Ihrer Partei ist zuletzt vorgeprescht: Eine Koalition soll es mit Ihnen in Berlin nur geben, wenn eine Vergesellschaftung von Wohnkonzernen umgesetzt wird. Sie selbst haben zurückhaltender reagiert. Worauf müssen sich die Wählerinnen und Wähler nun einstellen?
Die Berlinerinnen und Berliner haben 2021 bei einem Volksentscheid mit fast 60 Prozent für eine Vergesellschaftung von großen Wohnungsbeständen der Immobilienkonzerne gestimmt. Das ist ein demokratischer Auftrag, der an alle Parteien geht, nicht nur an uns.
Ich habe immer gesagt: Wenn die Linke in die Regierung geht, wird der Volksentscheid umgesetzt. Nichts anderes hat auch unsere Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner gesagt. In dieser Frage sind wir uns völlig einig.
Sie würden also keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem das Ziel der Vergesellschaftung von Wohnraum nicht enthalten ist?
Eine Linke in der Regierung wird vergesellschaften. Dazu stehe ich weiterhin.
„Mietendeckel“ steht auf der Halskette von Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp.
© TSP/Nassim Rad
Möglicherweise fehlt Ihnen dafür aber die Mehrheit. Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hat angekündigt, bei Enteignungen nicht mitzumachen. Gehen Sie im Zweifel lieber in die Opposition, statt zu regieren?
Ich denke, nicht wir, sondern der Spitzenkandidat der SPD sollte seine Position überdenken, denn schließlich haben die Berliner ein klares Votum gegeben, genauso wie übrigens seine eigene Partei.
Die Mitglieder der Linken haben zu Recht hohe Ansprüche an eine Regierungsbeteiligung. Für uns steht im Zentrum, die Mietenkrise zu lösen. Dazu gehören ein Mietendeckel bei den landeseigenen Wohnungen, ein konsequentes Vorgehen gegen Mietwucher, mehr sozialer Wohnungsbau und die Vergesellschaftung. Wenn wir diese Punkte in den Koalitionsvertrag bekommen, wird die Mitgliedschaft das sehr unterstützen.
Und wenn nicht?
Ich trete dafür ein, das umzusetzen, und dabei bleibe ich.
Dabei dürfte auch Ihnen klar sein, dass das Vorhaben extrem kompliziert ist und in den kommenden fünf Jahren keine Wohnungsbestände tatsächlich vergesellschaftet werden. Wann sagen Sie das auch Ihren Wählern?
Wir haben nie gesagt, dass das von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Das wird ein langwieriger Prozess. Entscheidend ist aber, dass wir ihn überhaupt beginnen, und wir werden ab Tag eins daran arbeiten. Mein Ziel ist es, dass wir innerhalb des ersten Jahres dem Abgeordnetenhaus ein entsprechendes Gesetz vorlegen können.
Was wäre Ihr Zieldatum?
Das kann ich derzeit nicht seriös sagen, aber so schnell wie möglich.
Das große Feindbild ist Vonovia. In deren Berliner Bestand liegen die Durchschnittsmieten aktuell bei 8,23 Euro pro Quadratmeter. Das sind nicht die Wuchermieten, von denen Sie oft sprechen.
Aktuell haben viele Wohnungen aufgrund alter Mietverträge teilweise noch sozialverträgliche Mieten. Wenn jemand auszieht, wird eine Wohnung jedoch häufig saniert und anschließend an der Mietpreisbremse vorbei für das Doppelte angeboten. Das kann man verhindern, indem man mehr Wohnungen in die öffentliche Hand überführt.
Also lieber vergesellschaften statt zu bauen?
Es gibt kein Entweder-oder. Wir wollen gleichzeitig ein kommunales Wohnungsbauprogramm auflegen und damit innerhalb von zehn Jahren 75.000 bezahlbare Wohnungen über die landeseigenen Wohnungsunternehmen schaffen.
Haben auch Sie eine Frage an Elif Eralp?
Am 17. September lädt die Tagesspiegel-Chefredaktion die Spitzenkandidaten zur Abgeordnetenhauswahl ins Deutsche Theater, um über die größten Probleme der Stadt zu sprechen: Verkehr, Wohnen, Sicherheit und Sauberkeit. Mit dabei sind Elif Eralp (Linke), Stefan Evers (CDU), Werner Graf (Grüne) und Steffen Krach (SPD).
Haben auch Sie eine Frage an die Kandidaten? Anke Myrrhe und Christian Tretbar stellen sie gerne für Sie. Schicken Sie Ihre Frage an chefredaktion@tagesspiegel.de.
In Lichtenberg hat Ihre Partei gerade gefeiert, dass neue Wohnhäuser der landeseigenen Howoge im Ilse-Kiez gestoppt werden. Wollen Sie überhaupt in Berlin bauen?
Ja, und zwar bezahlbar. Deshalb wollen wir die landeseigenen Wohnungsunternehmen mit einer Eigenkapitalzuführung von anderthalb Milliarden Euro jährlich stärken und ein Zehnjahresprogramm auflegen. Und wir wollen dafür gemeinsam mit den Anwohnerinnen und Anwohnern Konzepte entwickeln. Uns ist auch nicht geholfen, wenn wir alles zubetonieren. Die Menschen, die dort leben, brauchen auch noch Grünflächen. Ich sehe daher vor allem in den 24 neuen Stadtquartieren Potenzial.
Und wie wäre es mit einer Randbebauung des Tempelhofer Felds?
Das Feld wird wöchentlich von fast 200.000 Berlinerinnen und Berlinern besucht. Auch ich war gerade erst wieder mit meinen Kindern dort. Wo haben wir das schon in der Großstadt, dass man mal den Horizont sehen kann? Deswegen finde ich, dass das Tempelhofer Feld unbebaut bleiben muss.
Sie versprechen allerlei soziale Wohltaten. Dabei befindet sich Berlin in einer äußerst schwierigen Haushaltslage. Die Stadt muss in den nächsten Jahren massiv sparen. Wie wollen Sie das alles bezahlen?
Die Haushaltslage ist eine sehr große Herausforderung. Das Defizit wird sich auch unter Führung der Linken nicht von heute auf morgen auflösen lassen. Deshalb wollen wir neu priorisieren. Olympische Spiele etwa sind aus meiner Sicht Geldverschwendung. Und ohne eine Stärkung der Einnahmenseite wird es nicht gehen.
Wie soll die aussehen?
Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer auf Bundesebene würde Berlin fünfeinhalb Milliarden Euro jährlich bringen …
… dafür fehlen die Mehrheiten im Bund.
Das könnte sich aber ändern, wenn in der Hauptstadt erstmals die Linke regiert.
Und was kann Berlin selbst tun?
Wir wollen eine Luxusvillensteuer einführen für alle, die eine Villa oder ein Haus im Wert von mehr als vier Millionen Euro besitzen oder erwerben. Wir haben berechnet, dass sie bis zu 200 Millionen Euro einbringen kann. Zudem wollen wir eine Steuer auf unbebauten Boden erheben, weil damit in Berlin noch immer spekuliert wird. Und wir müssen eine Erhöhung der Anwohnerparkgebühren in Erwägung ziehen.
Welche Höhe schwebt ihnen vor?
Mindestens hundert Euro im Jahr sind aus meiner Sicht möglich. Das ist öffentlicher Raum, der privat genutzt wird. Das wird zusätzliche Einnahmen generieren. Wir müssen aber auch zusätzliche Kredite aufnehmen. Wir wollen den möglichen Kreditrahmen innerhalb der Schuldenbremse von einer Milliarde Euro ausschöpfen.
Zeigt allein das nicht, dass Ihre Pläne nicht nachhaltig finanzierbar sind?
Der aktuelle Senat hat ebenfalls Kredite in Milliardenhöhe aufgenommen. Das wird von jeder Landesregierung gemacht. Es hat keiner etwas davon, wenn unsere Stadt verfällt und junge Menschen hier keine gute Zukunft haben. Jeder Euro, den wir jetzt in unsere Stadt investieren, kommt zehnfach zurück.
Der Berliner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak hat gefordert, die Polizei zu entwaffnen. Schließen Sie sich dem an?
Die Linke steht dafür, dass hier alle Menschen in Sicherheit leben können. Dafür muss die Polizei gut ausgestattet sein. Wir werden nicht bei der Sicherheit der Berlinerinnen und Berliner sparen. Aber man muss kritisch hinterfragen, ob beispielsweise bei Demonstrationen bestimmte Polizeieinsätze angemessen sind.
Ihr Neuköllner Bürgermeisterkandidat Ahmed Abed nannte den Bürgermeister der israelischen Partnerstadt Bat Yam bei dessen Besuch einen „Faschisten“. Wie viel Einfluss werden solche Positionen zum Thema Israel und Nahostkonflikt künftig auf den Senat haben, falls Sie regieren?
Zum Thema Antisemitismus haben wir sehr klare Beschlüsse gefasst, hinter denen sich die Partei versammelt hat. Für meinen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz und zur Stärkung jüdischen Lebens habe ich viel positive Resonanz erhalten.
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde nennt diesen Fünf-Punkte-Plan ein Feigenblatt …
Das finde ich sehr schade. Wir haben ihm viele Gesprächsangebote gemacht, und ich hoffe, dass wir dazu noch miteinander ins Gespräch kommen. Wir stehen für den Schutz und die Sicherheit aller Menschen in Berlin: für jüdische Menschen, die derzeit besonders viel Antisemitismus erleben, für muslimische und für palästinensische Menschen, die ausgegrenzt werden. Das ist auch mein Vorwurf an den Regierenden Bürgermeister: Er hat es nicht geschafft, sich mit Palästinenserinnen und Palästinensern zu treffen, die Angehörige in Gaza verloren haben, ihre Sorgen und Nöte anzuhören und Empathie zu zeigen.
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Sie haben eine Städtepartnerschaft mit der palästinensischen Stadt Ramallah gefordert. Wird es die mit Ihnen als Regierender Bürgermeisterin geben?
Ich werde mich dafür einsetzen. Berlin hat beispielsweise eine Städtepartnerschaft mit Tel Aviv, und ich halte solche Partnerschaften für wichtig, für den Austausch der Zivilgesellschaft und für eine friedliche Verständigung.
Sie werben stark um die arabische Community in Berlin. Nützen Ihnen die Antisemitismusvorwürfe, die es immer wieder gibt, vielleicht mehr, als sie Ihnen schaden?
Antisemitismusvorwürfe nützen niemandem. Ich lehne jede Form von Antisemitismus ab. Übrigens auch jeden Generalverdacht gegen die arabische Community.