Langsam und kontrolliert lenkt Karl Heinz Gretschel den Rollstuhl ins Badezimmer. Der Boden ist ebenerdig und schwellenlos, durch den 80 Zentimeter breiten Türrahmen passt das Gefährt ohne Probleme. Die Dusche hebt sich nur durch andersfarbige Fliesen und eine Vorhangstange vom Rest des Raumes ab. Hürden gibt es keine, auch nicht in der restlichen Wohnung: Die Räume gehören zu einer Musterwohnung für barrierearmes Wohnen in Stadtbergen, die von der Wohnberatung des Landkreises Augsburg betrieben wird. Sie soll zeigen, durch welche Maßnahmen und Hilfsmittel man auch im Alter noch in der eigenen Wohnung leben kann, denn der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum in Augsburg steigt – und ist im Moment nicht gedeckt.

Studie: Nur ein Bruchteil der Wohnungen in Augsburg ist altersgerecht gebaut

Karl Heinz Gretschel manövriert den Rollstuhl weiter ins Badezimmer, unter den Duschkopf und wieder zurück. Der 78-Jährige aus Dinkelscherben ist seit zwei Jahren als ehrenamtlicher Wohnberater beim Landkreis tätig, benutzt für gewöhnlich kein Hilfsmittel – aber er möchte demonstrieren, was er zuvor erklärt hat: Die Dusche muss mindestens 1,2 Quadratmeter groß sein, damit eine Person mit Rollstuhl darin komfortabel wenden kann.

Über so eine bodengleiche Dusche verfügt etwa ein Fünftel der Wohnungen im Augsburger Stadtgebiet; fast die Hälfte der Bäder ist zu klein, um darin mit einem Rollator wenden zu können. Das hat eine Studie ergeben, die das Pestel-Institut im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) durchgeführt hat. Demnach sind nur etwa 10.700 der knapp 167.300 Wohnungen in Augsburg so gebaut, dass ältere Menschen darin ideal klarkommen. Augsburg habe einen „enormen Nachholbedarf, um den Wohnungsbestand fit fürs Alter zu machen“, sagt Matthias Günther, der das Forschungsinstitut mit Sitz in Hannover leitet.

Wohnberater Karl Heinz Gretschel demonstriert mit einem Rollstuhl, warum eine barrierefreie Dusche ebenerdig, leicht zugänglich und mindestens 1,2 Quadratmeter groß sein sollte.

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Wohnberater Karl Heinz Gretschel demonstriert mit einem Rollstuhl, warum eine barrierefreie Dusche ebenerdig, leicht zugänglich und mindestens 1,2 Quadratmeter groß sein sollte.
Foto: Marcus Merk

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Wohnberater Karl Heinz Gretschel demonstriert mit einem Rollstuhl, warum eine barrierefreie Dusche ebenerdig, leicht zugänglich und mindestens 1,2 Quadratmeter groß sein sollte.
Foto: Marcus Merk

Bei den meisten Menschen, die Karl Heinz Gretschel für eine Wohnberatung in ihrem Zuhause besucht, befänden sich die größten Hindernisse im Bad und an der Treppe. Teilweise lassen sich diese mit speziellen Hilfsmitteln wie Badewannen- und Treppenliften oder frei stehenden Haltevorrichtungen überwinden. In der Musterwohnung in Stadtbergen sind zahlreiche solcher Geräte installiert, damit Ratsuchende sie testen können. Manchmal muss eine Wohnung aber auch baulich verändert werden, damit sie altersgerecht und barrierearm ist: Laut der Pestel-Studie sind allein 27 Prozent der Hausflure in Augsburg nicht breit genug, um gut mit einem Rollstuhl durchkommen zu können.

Altbauwohnungen sind häufig nicht barrierefrei

Dass viele Wohnungen in Augsburg nicht alterstauglich sind, hängt vor allem mit dem Alter der Wohnungen selbst zusammen: Gut ein Drittel aller Wohngebäude in Augsburg ist in den 50er und 60er Jahren entstanden, mehr als ein Fünftel vor dem Jahr 1949. Ältere Häuser sind häufig nicht altersgerecht gebaut, und einen Altbau barrierearm zu sanieren, sei nicht immer möglich, merkt Matthias Günther vom Pestel-Institut an: In Wohnhäusern aus den 50er Jahren sei die Decke oft zu dünn, um dort eine bodengleiche Dusche einzubauen.

3000

So viele zusätzliche altersgerechte Wohnungen könnten laut dem Sozialreferat bis 2035 in Augsburg benötigt werden.

Die ältesten Gebäude in Augsburg befinden sich vor allem im Stadtkern – im Ulrichsviertel, der Jakobervorstadt oder im Domviertel etwa. Der Anteil der Bewohnerinnen und Bewohner, die älter als 65 Jahre sind, ist in diesen Bezirken gering. In Göggingen, im Antonsviertel und im Hochfeld leben dagegen überdurchschnittlich viele ältere Menschen, erklärt das Sozialreferat der Stadt Augsburg auf Anfrage. Die Nachfrage nach altersgerechten Wohnungen und barrierearmen Wohnformen dürfe dort besonders hoch sein, heißt es.

Das Sozialreferat beobachtet generell, dass der Bedarf an alterstauglichem Wohnraum gestiegen ist. Der Seniorenanteil in Augsburg wachse ebenso wie die Nachfrage älterer Haushalte nach geförderten Wohnungen. Aufgrund des demografischen Wandels geht man zudem davon aus, dass der Bedarf steigen wird: Bis 2035 könnten in Augsburg 3000 zusätzliche altersgerechte Wohneinheiten benötigt werden, so das Sozialreferat. Die Stadt beschäftige sich daher zunehmend mit alternativen Wohnformen für ältere Menschen und wirke bei Förderprogrammen für Wohnformen für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf mit, bei denen regelmäßig barrierefreie Wohnangebote entstünden.

Bad barrierefrei sanieren: Welche Zuschüsse gibt es?

Wohnberater Karl Heinz Gretschel empfiehlt zudem, frühzeitig zu agieren: „Die simpelsten Sachen kann jeder selbst machen – Stolperfallen beseitigen zum Beispiel“, sagt er. Die Fachstelle für Senioren der Stadt Augsburg vermittelt entsprechende Beratungen, in der Ratsuchende erfahren, welche individuellen Maßnahmen in ihrem Zuhause möglich wären und wie diese finanziert und gefördert werden können. Wer bereits einen Pflegegrad hat, kann etwa für bestimmte Maßnahmen – wie den Einbau einer ebenerdigen Dusche – einen Zuschuss von bis zu 4.180 Euro bei der Pflegekasse beantragen.