Früher ist hier das ein oder andere Bier über den Tresen gereicht worden. Morgens vor der Arbeit im Steinwurf entfernten Schlacht- und Viehhof oder später zum Einläuten des Feierabends. Die Taxifahrer waren ebenfalls oft gesehene Gäste. Soweit die Geschichten, die man sich bis heute erzählt.

Heute und das schon seit über 15 Jahren ist es still in der ehemaligen Kneipe geworden. Geht das Leben dennoch weiter, auf mehreren Metern großen Leinwänden. Still und wild zugleich. Eine Frau, die auf einem weißen Stier davongetragen wird, ein Mann, der sich mit grimmiger Mine die Krone aufs eigene Haupt setzt, ein Junge, der auf Fabeltieren kniend ins Bild reitet. Ineinander verschlungen, rasant, ringend, verharrend. Welten, erschaffen von Annette Marks in ihrem Atelier im ehemaligen Schankraum an der Viehhofstraße. Der Schlachthof vis-à-vis dient heute Bildungs- und Campuszwecken. Die Künstlerin hat einen der Bergischen Zukunftspreise dieses Jahres gemalt.

Der Weg zur Kunst war für Annette Marks nicht vorgezeichnet, ergab sich beim Erproben des Lebens und seiner Möglichkeiten. In den 1960/70er Jahren in Bremen aufgewachsen zog es die junge Frau nach dem Abitur fort in die Welt. Zunächst in die Provence, später nach Rom, kehrte nach einem Jahr zurück und studierte. Anthroposophie in Witten-Herdecke, dann Deutsch, Russisch, Kunst auf Lehramt in Oldenburg. Sie begegnete einem Mann, der zeichnete. Viel zeichnete. Man fand zusammen, die Tage begannen am Frühstückstisch mit Papier und Stift. Gemeinsam bewarb man sich an der Hochschule für Künste in Bremen. Ihr erster Professor wurde Wolfgang Schmitz, der später nach Wuppertal zog. Nach einem Jahr bewarb sie sich an die renommierte Kunstakademie Düsseldorf. 1986 ging es los, nach dem obligatorischen Orientierungskurs fing sie in der Klasse des Malers Jan Dibbets an und fand dort zur Bildhauerei, bewarb sich beim Bildhauer Tony Cragg und fand zurück zur Malerei. Den Abschluss legte sie in Malerei und Bildhauerei ab – blieb bei der Malerei, „weil ich da ganz andere Welten und Räume schaffen kann, während ich bei der Bildhauerei ans Material gebunden bin“. Das Malen ist für sie mehr als eine Sprache: „Ich glaube schon, dass es eine wunderbare Möglichkeit ist, Räume zu erreichen, etwas über den Menschen auszudrücken, was Sprache nicht kann.“ Bilder entstehen, die sie selbst überraschen, „sie sind manchmal weiter als ich selbst“.

Wuppertal machte sie
„mit Hügeln schwindelig“

Nach dem Studium folgte ein einjähriger Abstecher in die norddeutsche Heimat, bevor es sie wieder ins Rheinland zurückkehrte. Nicht nach Düsseldorf, „das ist nicht meine Stadt“. Wuppertal dagegen machte sie direkt beim ersten Besuch „mit seinen Hügeln schwindelig. Ich dachte wow“, erinnert die Künstlerin, betont die Offenheit von Stadtlandschaft und Menschen, die sie immer noch schätzt. 2000 zog sie an den Arrenberg, zunächst an die Quellenstraße, rund zehn Jahre später an die Viehhofstraße. Über ihren 4,40 Meter hohen Räumen im Gründerzeitgebäude thronen dreieinhalb Stockwerke mit Wohnungen. Die ehemalige Kneipentür ist geschlossen, im Raum dahinter lagern Bilderberge, warten Pinselarmadas, Wertstoffe, Werkzeuge. Zum Atelier mit seinen hohen Wänden gehören eine Küche und ein weiteres Bilderlager.

Am Anfang ist die Idee, ein Thema, das den Weg in eine Zeichnung findet. Nicht selten auch heute noch am Frühstückstisch. Weil es sie „reizt, den Tag so zu beginnen, das ist etwas Schönes“. Mit Kohle in flinken Strichen hält sie fest, was im Kopf geboren wurde. Dabei durchaus schon komponiert, was ihr wichtig ist „wie in der Musik, damit alle Teile zusammenkommen“. Bildkompositionen aus mal mehr, mal weniger Teilen. Stets gleichberechtigt behandeln sie ein Thema, „an dem ich mich abarbeite“. Themen wie Macht und Ohnmacht, Leben und Tod, Liebe, gerne die großen Dinge, Menschen in existenziellen Situationen. In der Rückschau entstehen Zyklen, Phasen – auch sie nicht geplant. Wenn man mal von ihren Arbeiten für die katholische Citykirche absieht, zu der sie 2014 fand. Und die sie im Stadtbild bekannt machten.

Kunst im öffentlichen Raum gebe „die Möglichkeit, viele Menschen mit ihren Botschaften zu erreichen“, freut sie sich. Und erzählt, wie sie dazu kam. 2004 sah sie auf dem Laurentiusplatz die Graffiti-Krippe, machte sich kundig und nahm mit Pastoralreferent Werner Kleine Kontakt auf, der für die Katholische Citykirche hinter dem Projekt steht. Er bot ihr die Passion Christi an. Zwei Jahre arbeitete sie an dem Gemäldezyklus, der im Rahmen des wegweisenden Kunstprojekts „Tal-Passion“ bekannt wurde. Schrieb sich dafür extra an der christlichen Hochschule ein. Gerade ist sie am nächsten Banner dran, das sie für Kleine im Herbst gestaltet. „Ich bin total glücklich, dass ich das machen darf, das ist ein Geschenk.“

Zurück zu ihren Skizzen, die einen spannenden Malprozess anstoßen. Hauptakteure sind Figuren, die Marks erschafft, während Stillleben und Landschaften, die sie viele Jahre, auch draußen malte, heute meist zum Zuge kommen, wenn sie sich etwas erholen muss, nicht immer an der eigenen Vorstellungskraft abarbeiten will. Figuren, die so werden müssen, wie sie sein müssen. Intuitiv, das richtige Gefühl muss sich einstellen. Auch sie entwickeln sich beim Tun, erstaunen immer wieder die Schöpferin selbst. Formal arbeitet sie in der Traditionslinie von Spätexpressionismus und Neuem Realismus. Die Farbwahl fällt je nach Phase aus, die Grundfarben haben sicher ein Übergewicht, „sodass eine Buntheit entsteht“. Gemalt wird mit Öl auf Leinwand, die gerne groß, lebensgroß ist, was ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz erlaubt und ihr das Malen in Bewegung. Am Tisch still sitzen und zeichnen, will sie nicht.

Titel sind allein schon durch die Themen gesetzt. Der Betrachter ist dennoch gefragt, sie zu lesen, zu entschlüsseln. Was im jeweiligen Fall herauskommt, „sagt auch viel über den Betrachter aus“, sagt Marks, die sich gern an ihre zehnjährige Tätigkeit als Museumsführerin erinnert, an die Kinder und das, was sie gemacht haben. „Es ist toll, bildimmanent zu arbeiten, ohne Kenntnisse reinzugehen.“