Als Anahita Nouris Name auf der Leinwand erscheint, klatschen die anderen Absolventen. Einige machen Fotos. Sie erhebt sich langsam von ihrem Platz und geht mit einem Lächeln nach vorn, um ihr Zertifikat entgegenzunehmen. Das Zertifikat, für das sie drei Monate lang gelernt hat: Die Iranerin kann nun Berliner Schulkindern das Schwimmen beibringen.
Unter den Absolvent:innen des Lehrgangs sind vor allem Geflüchtete und Menschen mit Migrationsgeschichte, denn die Schulung richtete sich vor allem an sie. Das Ziel: die Förderung der Vielfalt.
Für Anahita Nouri gehört Sport ohnehin zu ihrem Leben: Sie arbeitete bereits im Iran als Sportlehrerin. In der Hauptstadt Teheran, wo sie mit ihrer Familie lebte, studierte sie Leistungssport. Den Erste-Hilfe-Schein und den Kurs zum Thema Kinderschutz machte sie bereits dort.
„Bei ihr weiß man: Das kann nicht schiefgehen“
Den Schwimmlehrer-Kurs in Deutschland absolvierte Nouri dennoch komplett. Nach einer gemeinsamen Intensiv-Woche trainierte die Gruppe zwei- bis dreimal in der Woche in einer Schwimmhalle in Pankow. Und nun sitzt sie im Untergeschoss der Sportschule des Landessportbundes Berlin in Schöneberg, bei der Übergabe der Zertifikate.
Anahita Nouri und die anderen Absolvent:innen können nun Kindern das Schwimmen beibringen.
© Defne Arslan
Manuel Kopitz, Geschäftsführer des Berliner Schwimm-Verbandes, richtet ein paar Worte an Anahita Nouri, die Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt: „Bei ihr weiß man: Das kann nicht schiefgehen. Wir sind stolz, dass wir dich in unseren Reihen aufnehmen können“, sagt er. Während Kopitz spricht, lächelt die 34-Jährige, schaut auf den Boden und nickt.
Mit Zertifikat und Sonnenblume in der Hand geht Nouri langsam zu ihrem Platz zurück und lässt sich auf den Stuhl fallen. Ihre iranischen Freunde und Mitabsolventen gratulieren ihr aufgeregt. Sie atmet tief aus, betrachtet das Zertifikat und murmelt: „Viel Arbeit“.
Nicht nur die Arbeit für das Zertifikat kostete sie in den vergangenen Monaten und Jahren Kraft: Drei Monate, nachdem Nouri nach Deutschland gekommen war, rief ihre Mutter sie an. „Sie sagte, dass mein Vater im Krankenhaus liegen würde. Er habe stark abgenommen und sie vermutete, dass er es nicht mehr schaffe“, berichtet sie. „Sie hatte recht und mein Vater starb im Alter von 59 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Diagnose bekam er im Endstadium.“ Nouri fiel daraufhin in ein tiefes Loch, spricht von einer Depression, mit der sie zeitweise kämpfte.
Trotz der schwierigen Zeit, die die 34-Jährige dann erlebte, verfolgte sie den Traum von einem sicheren Leben in Deutschland weiter. „Meine Professoren waren sehr lieb und offen. Ich konnte an vielen Veranstaltungen online teilnehmen”, erzählt die Studentin.
Anahita Nouri kam vor dreieinhalb Jahren mit einem Visum für das Masterstudium „High Performance Sport“ an die Universität Saarbrücken. Aktuell schreibt sie an ihrer Masterarbeit. Zwar gefalle ihr Saarbrücken gut, aber die Stadt sei ihr etwas zu klein. Deshalb wollte sie in eine andere Stadt ziehen. „Nach vier Monaten habe ich dann schnell in Berlin einen Job in einer Schwimmschule gefunden“, erinnert sich die 34-Jährige.
Die Kinder haben mich bei Fehlern nicht verurteilt und ich konnte selbstbewusst Deutsch lernen.
Anahita Nouri
„Am Anfang konnte ich noch kein Deutsch sprechen und habe mich deshalb mit Körpersprache und Gestik mit den Kindern verständigt“, berichtet Nouri. „Nach einiger Zeit habe ich die Sprache gelernt. Die Kinder haben mich bei Fehlern nicht verurteilt und ich konnte selbstbewusst Deutsch lernen.“
„Ich habe die Ausbildung zur Schwimmtrainerin angefangen, um später bessere Chancen zu haben, einen guten Beruf zu finden. In Deutschland ist es sehr wichtig, offizielle Papiere wie ein Zertifikat vorzuweisen“, erzählt Nouri. „Ich will Sportlehrerin werden, so wie ich es im Iran schon war.“ Sie habe dafür schon wichtige Dokumente gesammelt – wie jetzt das Zertifikat. Nun wolle sie den Weg in Richtung Lehramt einschlagen. Sie liebe die Arbeit mit Kindern.
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (l., CDU) und die Vizepräsidentin des Landessportbundes Berlin, Claudia Zinke (r.), gratulieren Anahita Nouri.
© Defne Arslan
Der Krieg in ihrem Heimatland beschäftigt sie sehr. Von Berlin aus verfolgt sie die Geschehnisse. „Ich denke so viel an meine Heimat, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.“ Ihre Mutter und ihr sechs Jahre jüngerer Bruder sind noch im Iran. Dort wolle sie bald wieder hinreisen, um ihre Familie zu sehen.
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„Auch wenn die Schwimmtrainer-Ausbildung sehr anstrengend war, habe ich viel daraus mitgenommen“, erzählt Nouri. „Ich mochte die Kombination aus Theorie und Praxis sehr. Ich habe einige Freunde aus dem Iran gefunden und so viele Menschen aus anderen Ländern kennengelernt.”
Sie hofft sehr, dass sie sich ihren Traum, Sportlehrerin zu werden, bald erfüllen kann. Erfahrung als Lehrerin und die Ausbildung als Schwimmtrainerin – die hat sie ja schon.