Wer in Aachen dazugehören will, trifft sich in der „Riders Corner“ neben dem Einritt. Hier drängelt sich die Szene, Reiter, Trainer, Reporter, Funktionäre und wer sonst noch zu dieser Reit-WM angereist ist. Sie reden, diskutieren und schließen vielleicht auch das eine oder andere Pferdegeschäft ab. Mittendrin ein freundlicher älterer Herr, das Haar inzwischen so weiß wie die Schimmel in seinem Stall. Paul Schockemöhle, 81, einst der Bad Boy der deutschen Reiterszene, der Rebell, der Bundestrainer und andere Funktionäre strammstehen ließ, auch mal Ärger mit der Steuer hatte und immer wieder für einen Skandal sorgte.

Schockemöhle ist vor allem nach Aachen gekommen, um seine Pferde zu sehen. Die Pferde, die vom Gestüt Lewitz in Mecklenburg-Vorpommern den Weg in die Weltspitze gefunden haben. 14 Pferde aus Lewitz stehen in Aachen auf der Starterliste. Sie haben geschafft, was, so sagt Paul Schockemöhle, höchstens einem Prozent eines Jahrgangs gelingt. Der Beste ist Chacareno unter Emanuelle Camilli im italienischen Team.

Reit-WM in Aachen

:Die Vermessung des Wassergrabens

Seit der WM 2006 stellt Frank Rothenberger den Reitern und ihren Pferden die Hindernisse in den Weg. Auch in Aachen, wo es für die deutsche Delegation gut läuft – obwohl ein Olympiasieger zuschauen muss.

Als Schockemöhle mit der systematischen Pferdezucht begann, da lagen schon Jahre als erfolgreicher Springreiter hinter ihm. Dreimal wurde er mit Deister Europameister, gewann WM-Silber und Olympiabronze mit dem Team, bis eine Wirbelverletzung 1989 seine Parcourskarriere beendete. Er wurde ein gefragter Trainer, seine Angestellten Ludger Beerbaum, Franke Sloothaak und der heutige Bundestrainer Otto Becker gewannen jeweils olympisches Gold.

Daneben trainierte er Reiter aus aller Welt, aus Korea, Japan und China. Einem saudischen Prinzen, der immer vom Pferd sprang, wenn es brenzlig wurde, brachte er bei, gefälligst nur mit seiner ausdrücklichen Genehmigung abzusteigen. Die Hoheit schluckte den ungewohnten Ton, die Saudis gewannen in London 2012 eine olympische Bronzemedaille. Selbstredend besorgte er seinen Schülern auch gleich die passenden Pferde, nicht zum Schnäppchenpreis.

Aber alles hat seine Zeit, das Reiten, die Trainertätigkeit. „Ich habe mir einen Platz auf Dauer gesucht im Pferdesport, ich hänge einfach an den Pferden“, sagt Schockemöhle. Ein wenig gezüchtet hatte er schon immer, nebenbei als Hobby, im Jahr 2000 wurde es dann professionell. Gleich nach der Wende hatte Schockemöhle 3000 Hektar in Lewitz erworben, eine ehemalige landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG). Jetzt wurden Stuten gekauft, Mütter künftiger Parcourscracks, die möglichst schon die Eigenschaften mitbringen sollten, die man sich von ihren Kindern erhofft, am liebsten Stuten, die selbst Außergewöhnliches geleistet hatten. Die besten Stutfohlen behielt er zur Zucht.

Das Pferd muss springen wollen, sonst wird kein Reiter es über ein Hindernis zwingen

Was macht ein gutes Springpferd aus? Da gebe es mindestens 25 Eigenschaften, sagt Schockemöhle. Ganz oben steht die Leistungsbereitschaft. Das Pferd muss springen wollen, sonst wird kein Reiter es über ein Hindernis zwingen. Es muss es aber auch können, das heißt, über Springvermögen verfügen. Es muss vorsichtig sein, das heißt, von Natur die Stangen nicht berühren wollen, eine gute Technik mitbringen. Und natürlich gesund sein. Die Abstammung sei wichtig, „aber ich schaue mehr auf die Eigenleistung“, sagt Schockemöhle.

Heute stehen circa 2000 Mutterstuten und ihre Nachkommen in Lewitz und dem Trainingszentrum in Mühlen im Oldenburger Münsterland. Dorthin kommen die besten Youngster und werden weiter ausgebildet. Auf der Auktion PSI (Performance Sales International) werden die Besten im Dezember wiederum in alle Welt verkauft, manche für eine Million Euro und mehr.

Aber natürlich sind auch im Stall Schockemöhle nicht alle Pferde Überflieger, so wie die Kinder von Mathematik-Professoren auch nicht automatisch Rechengenies sind. Die Normalbürger unter den Pferden, die nicht über 1,60 Meter hohe Hindernisse wie in Aachen springen, sondern vielleicht nur 1,30 Meter auf dem Lande überwinden, werden von Lewitz aus direkt an Freizeitsportler verkauft. Außerdem veranstaltet Schockemöhle jeden Monat eine Online-Auktion mit vierjährigen Pferden. Sie sind noch nicht geritten, lassen sich gerade mal am Halfter führen. Hier steigert die Hoffnung mit: Jeder Bieter hofft, dass der Chef vielleicht einen künftigen Weltmeister übersehen hat. Mancher „Onliner“ hat es schon bis nach Aachen geschafft. „Wir finden für jedes Pferd einen Weg“, sagt Schockemöhle. Welcher Weg der richtige ist, sagen ihm seine Karteikarten, inzwischen digitalisiert. Da findet sich seine Beurteilung jedes Pferdes, zum ersten Mal mit anderthalb Jahren.

Von den rund 1200 Fohlen, die jedes Jahr in Lewitz geboren werden, sind die Hälfte durch Embryotransfer entstanden, Tendenz steigend. Einer Spenderstute wird das befruchtete Ei entnommen und einer anderen Stute eingesetzt. Während die eine ihre Sportkarriere fortsetzen kann, trägt die andere ihr Fohlen aus. Nicht sehr romantisch, aber heute weltweit praktiziert, nicht nur bei Schockemöhle.

Doch auch das beste Pferd garantiert keine Siege. „Es muss passen“, sagt Schockemöhle. Den richtigen Reiter für jedes Pferd zu finden, macht letztlich den Erfolg aus. Noch hält Paul Schockemöhle die Fäden selbst in der Hand. Aber es soll auch nach ihm weitergehen, dafür hat er gesorgt. Zwei Geschäftsführer und seine Tochter Vivian sind bereit. Aber auf sie warten riesengroße Fußstapfen.