„Noch immer holen die Sprengstoffexperten sowie Fachfirmen fast täglich Weltkriegsmunition aus bayerischem Boden“, warnte jetzt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ziehen Experten damit eine „explosive“ Jahresbilanz.

Rund 100 Tonnen alte Kampfmittel wurden 2025 in Bayern beseitigt und entsorgt. Das waren 13 Tonnen mehr als im Jahr zuvor. Unter den Funden befanden sich auch 28 Blindgänger alliierter Spreng- und Splitterbomben, die von den Spezialisten unschädlich gemacht wurden. Die Kosten für Beseitigung und Entsorgung lagen bei knapp 1,9 Millionen Euro und wurden vom Freistaat getragen.

Dabei geht es längst nicht nur um die großen Fliegerbomben, die ganze Stadtviertel lahmlegen. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wird auch bei Zufallsfunden während Freizeitaktivitäten, bei Bauarbeiten oder zur Abholung und zum Transport bereits entdeckter Munition benötigt.

Vor allem in Gebieten, die während des Krieges stark bombardiert wurden, müsse weiterhin mit Blindgängern gerechnet werden, erklärt Herrmann. Ein Satz, der für Augsburg in besonderem Maße gilt.

In der Fuggerstadt muss immer wieder mit Bombenfunden gerechnet werden. Besonders stark bombardiert wurden die nördliche Innenstadt rund um MAN und Haunstetten mit dem früheren Messerschmitt-Werk. Wie viele Blindgänger noch unter Straßen, Häusern und unbebauten Flächen liegen, weiß niemand.

Das Luftbild zeigt den Bombenteppich

Der Bombenteppich über Augsburg: Das Luftbild vom 20. April 1945 zeigt zahlreiche Bombenkrater rund um die Bahnstrecke und zwischen Bahnlinie und Haunstetter Straße. Blindgänger aus dieser Zeit können bis heute im Boden liegen.

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Der Bombenteppich über Augsburg: Das Luftbild vom 20. April 1945 zeigt zahlreiche Bombenkrater rund um die Bahnstrecke und zwischen Bahnlinie und Haunstetter Straße. Blindgänger aus dieser Zeit können bis heute im Boden liegen.
Foto: Foto/Repro: AJ-Archiv

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Der Bombenteppich über Augsburg: Das Luftbild vom 20. April 1945 zeigt zahlreiche Bombenkrater rund um die Bahnstrecke und zwischen Bahnlinie und Haunstetter Straße. Blindgänger aus dieser Zeit können bis heute im Boden liegen.
Foto: Foto/Repro: AJ-Archiv

Wie dicht die Bomben einst fielen, zeigt das historische Luftaufklärungsbild aus dem AJ-Archiv. Besonders rund um die Bahnstrecke und zwischen Bahnlinie und Haunstetter Straße sind zahlreiche Bombenkrater zu erkennen. Das Gebiet gehörte während des Zweiten Weltkriegs zu den bevorzugten Angriffszielen.

Nicht jede Bombe detonierte. Ein Teil der Blindgänger liegt noch heute im Erdreich. Sie kommen vor allem dann ans Licht, wenn gebaut, gegraben oder ein bislang unberührtes Grundstück untersucht wird.

Vor Eingriffen in den Boden müssen Grundstückseigentümer und Bauherren deshalb jedem konkreten Verdacht auf Bomben oder Munition nachgehen. Gegebenenfalls müssen Fachfirmen damit beauftragt werden, das Gelände zu untersuchen und gefundene Kampfmittel bergen zu lassen.

Niedrige Wasserstände legen Kampfmittel frei

Doch die Gefahr schlummert nicht nur im Boden. Innenminister Herrmann macht auf eine weitere Entwicklung aufmerksam: die anhaltende Wasserknappheit. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bislang von Wasser und Sediment bedeckte Kampfmittel „durch niedrige Wasserstände zu Tage treten“.

Diese Warnung passt zu mehreren jüngeren Funden in Augsburg. Im März 2024 rückte die Feuerwehr wegen eines vermeintlichen Kleinbrands an einer Kiesbank in der Firnhaberau aus. Dort lag ein rund 45 Zentimeter langer Gegenstand, aus dem Rauch und Flammen austraten. Der Kampfmittelräumdienst identifizierte ihn als Phosphorbombe vom Typ INC30. Phosphor reagiert mit Sauerstoff und kann sich dabei selbst entzünden.

Im August 2025 wurde erneut eine Phosphorbombe entdeckt – dieses Mal im Lech bei der Radetzkystraße. Einsatzkräfte sperrten das Ufer und die angrenzende Grünanlage ab. Nach fast vier Stunden konnte das Kampfmittel sicher aus dem Fluss geborgen werden.

Die Weihnachtsbombe legt Augsburg lahm

Der spektakulärste Augsburger Fund jährt sich heuer zum zehnten Mal. Am 20. Dezember 2016 wurde bei Bauarbeiten in der Jakoberwallstraße eine britische Luftmine entdeckt. Sie wog 1,8 Tonnen und war wesentlich größer als die Fliegerbomben, die gewöhnlich bei Bauarbeiten gefunden werden.

Die Entschärfung wurde auf den ersten Weihnachtsfeiertag gelegt. Am 25. Dezember mussten rund 54.000 Augsburgerinnen und Augsburger ihre Wohnungen verlassen. Die Sperrzone reichte eineinhalb Kilometer um den Fundort und umfasste etwa 32.000 Haushalte sowie große Teile der Innenstadt.

Mehr als 4.000 Helferinnen und Helfer waren im Einsatz. Ein Krankenhaus und zahlreiche Seniorenheime mussten geräumt werden, sechs Notunterkünfte standen bereit. Erst gegen 19 Uhr kam die erlösende Nachricht: Die Bombe war entschärft. Es war damals die größte Evakuierungsaktion dieser Art in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.

Doch die sogenannte Weihnachtsbombe war kein Einzelfall. Bereits im Oktober 2017 wurde im Siebentischwald eine britische Phosphorbombe entdeckt. Wie das Augsburg Journal damals berichtete, war sie noch vollständig intakt. Sie wurde abtransportiert und in einem Spezialofen in München vernichtet.

Drei Fliegerbomben in einem Jahr

Besonders häufig traf es in den vergangenen Jahren den Toni-Park auf dem früheren Messerschmitt-Gelände. Allein 2022 wurden dort drei Fliegerbomben gefunden.

Im März mussten rund 2.000 Menschen ihre Wohnungen und Büros verlassen. Bei dem Fund handelte es sich um eine amerikanische Fliegerbombe vom Typ GP500. Kopf- und Heckzünder waren noch aktiv, etwa 70 Kilogramm sprengbares Material befanden sich in der teilweise detonierten Bombe.

Im August folgte der nächste Fund. Rund 3.000 Menschen wurden wegen einer 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe aus dem Gefahrenbereich gebracht. Im Oktober tauchte bereits der dritte Blindgänger des Jahres im Toni-Park auf. Dieses Mal mussten mehr als 3.800 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Rund 420 Einsatzkräfte waren an der Evakuierung und Entschärfung beteiligt.

Weitere Funde in Haunstetten und am GVZ

Im Januar 2025 wurde in der Tiroler Straße in Haunstetten eine amerikanische Fliegerbombe mit zwei Zündern und 120 Kilogramm Sprengstoff entdeckt. Etwa 1.500 Anwohnerinnen und Anwohner waren von der Evakuierung betroffen. Auch rund 2.000 Beschäftigte von Premium Aerotec mussten den Gefahrenbereich verlassen.

Nur wenige Wochen später kamen auf einer Baustelle südlich des Güterverkehrszentrums größere Mengen Sprengstoff aus dem Zweiten Weltkrieg zum Vorschein. Die Arbeiten des Kampfmittelräumdienstes dauerten wegen des lehmigen Bodens rund zwei Wochen.

Herrmann warnt vor Zufallsfunden

Wer beim Spazierengehen, an einem Gewässer oder bei Arbeiten im Garten einen verdächtigen Gegenstand entdeckt, darf ihn keinesfalls berühren oder bewegen. Stattdessen muss sofort die Polizei verständigt werden. Sie nimmt anschließend Kontakt mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst auf.

„Gehen Sie hier kein Risiko ein“, appelliert Herrmann. Auch Eltern sollten ihre Kinder auf die Gefahr hinweisen, die von alten Bomben, Granaten und anderen Fundstücken ausgehen kann.