Ungewohnter Auftritt in der Fremde
Zum ersten Mal in seiner Amtszeit muss Thomas Stamm mit Dynamo Dresden in der ersten Hauptrunde auswärts antreten. „Ungewohnte Rolle, wir haben die ersten zwei Jahre immer zu Hause gespielt“, räumte der Cheftrainer auf der Pressekonferenz ein, fügte aber an: „Freuen uns auf den DFB-Pokal. Auswärts ist es, glaube ich, immer was Besonderes.“
Austragungsort ist nicht Rhynern selbst, sondern das rund 33 Kilometer entfernte Preußenstadion in Münster. Eine Konsequenz aus der geringen Kapazität der heimischen Kümpel & Hellmeister Arena, die für ein Fan-Schwergewicht wie Dynamo schlicht zu klein ist. Stamm sieht darin keinen Vorteil für seine Mannschaft: „Hätten wir bei ihnen gespielt, hätten wir es angenommen. Jetzt spielen wir in Münster und nehmen es genauso an.“
Bereits am heutigen Freitag spielt Preußen Münster im Preußenstadion ihr Pokalspiel gegen den Karlsruher SC; Dynamos Auftritt wird also das zweite Spiel innerhalb von zwei Tagen auf dem Rasen in Münster, der dann vermutlich nicht mehr in seinem besten Zustand zu bespielen sein wird.
Über 7.000 Zuschauer haben bereits Tickets erworben, darunter 1.900 Gästefans aus Dresden: Das komplette bereitsgestellte Kontingent der Schwarz-Gelben ist damit ausgeschöpft.
Historischer Moment für den Außenseiter
Für Westfalia Rhynern ist die Begegnung das absolute Highlight ihrer Vereinsgeschichte. Der Verein aus dem mit rund 18.500 Einwohnern größten Stadtbezirk der Stadt Hamm nimmt erstmals am DFB-Pokal teil. Anders als die meisten Amateurvereine erreichte Rhynern die Qualifikation nicht über den Landespokal, sondern über die Meisterschaft in der Oberliga Westfalen, da der entsprechende Verband als einer der größten Landesverbände zwei automatische Pokal-Startplätze zusichert.
Nach dem sofortigen Wiederabstieg aus der Regionalliga 2017/18 kehrte Rhynern erst nach acht Jahren in der Oberliga zurück in die vierte Liga. Mit fünf Punkten Vorsprung auf die SG Wattenscheid, obwohl bereits Platz zwei zum sportlichen Aufstieg gereicht hätte war es letzlich die Meisterschaft, die auch das Pokalticket brachte.
In der Rückrunde verlor Rhynern nur zwei Oberligaspiele und erzielte 50 Tore in 18 Partien. Der Schwung trägt bislang auch in die Regionalliga West, wo der Aufsteiger nach drei ungeschlagenen Spielen auf Platz zwei steht während Konkurrent SG Wattenscheid 09, ebenfalls aus der Oberliga aufgestiegen, das Tabellenende belegt. Mit Akhim Seber und Philipp Ratz stellt Rhynern zudem zwei Spieler mit je zwei Saisontoren.
Trainer mit Profi-Vergangenheit
Verantwortlich für die Akklimatisierung in der Regionalliga ist auch Markus Stiepermann, der den Klub in diesem Jahr vom ehemaligen Oberliga-Konkurrenten ASC 09 Dortmund übernommen hat.
Als Spieler durchlief der 35-Jährige die Dortmunder Jugend und Stationen in Aachen, Cottbus, Fürth und Bochum, bevor er für vier Jahre zu Norwich City auf die Insel wechselte und seine Karriere anschließend in der Regionalliga ausklingen ließ.
Zehnmal traf Stiepermann als Profi bereits auf Dynamo Dresden, dreimal siegreich. Und äußerte sich gemäß der eigenen Chancen zuversichtlich, denn die Chance auf einen Erfolg gegen Dynamo Dresden sei nunmal größer als gegen den FC Bayern München.
Respekt vor spielstarkem Gegner
Trotz der klaren Rollenverteilung warnte Stamm ausdrücklich davor, Rhynern zu unterschätzen. Zehn Neuzugänge im Durchschnittsalter von 21 Jahren aus Ober- und Regionalliga sowie sieben Abgänge haben den Kader in diesem Sommer umgeformt, um Klassenerhalt und Pokalabenteuer gleichermaßen anzugreifen.
Auch im Westfalenpokal setzte sich Rhynern bereits gegen den ASC 09 Dortmund nach einem späten Tor von Henrik Koch in der ersten Runde durch.
Stamm beschrieb den Gegner differenziert: „Sie haben im letzten Jahr eine tolle Entwicklung genommen. Sie zeigen jetzt auch, dass sie eine sehr gute Energie haben und eine sehr bemerkenswerte Art und Weise, wie sie jetzt auch in der Regionalliga auftreten. Es wird eine Mannschaft sein, die Fußball spielen wird.“
Zur eigenen Vorbereitung erklärte er: „Wir haben jetzt die Ligaspiele von ihnen gesehen, haben aus der Vorbereitung entsprechendes Videomaterial bekommen. Die Herangehensweise ist genau die gleiche und soll genau die gleiche sein.“
Entscheidend werde am Ende die emotionale Komponente sein: „Für sie wird es das Top-Spiel sein und für uns muss es von der emotionalen Ebene mindestens gleich so wichtig sein.“
Dynamos Bilanz mit Ausrufezeichen
Sportlich ist Dynamo Dresden mit einem 1:0 gegen Darmstadt 98 durch das frühe Tor von Jonas Sterner erfolgreich in die Woche gestartet. Im DFB-Pokal ist der Klub seit der Saison 2019/20 erstmals wieder im Profitopf vertreten, wofür eine Platzierung oberhalb von Rang 15 der 2. Bundesliga nötig war.
So richtig erfolgreich war Dynamo im Pokal bislang selten: Neunmal war bereits in der ersten Runde Schluss, zuletzt stand man 2014/15 im Achtelfinale, schied dort aber mit 0:2 beim Bundesligisten Borussia Dortmund aus.
2018 endete das Abenteuer sogar gegen einen Regionalligisten: Nach Verlängerung verabschiedete man sich mit einer 2:3 Niederlage gegen den SC Verl-Rödinghausen.
Auch Im Vorjahr scheiterte Dynamo trotz guter Leistung mit 1:0 am Bundesligisten 1. FSV Mainz 05 in der ersten Runde.
Finanzielle Dimension nicht zu unterschätzen
Neben dem sportlichen Reiz hat die erste Runde für Dynamo auch eine handfeste wirtschaftliche Komponente. Allein durch die Teilnahme am Pokal hat der Verein bereits rund 200.000 Euro eingenommen, hinzu kommen 45 Prozent der Zuschauereinnahmen aus dem Spiel in Münster, da im DFB-Pokal die Einnahmen zwischen den Vereinen geteilt werden. Ein Weiterkommen in die zweite Runde würde weitere rund 430.000 Euro in die Vereinskasse spülen.
Personalfragen vor dem Anpfiff
Personell muss Thomas Stamm weiterhin auf mehrere Akteure verzichten. Neben Lars Bünning und Kenneth Schmidt, die weiterhin ihr Reha-Programm absolvieren ist auch Till Neininger im Aufbautraining und „noch keine Option für Sonntag“.
Zu Kenneth Schmidt, der seine Reha nach Verletzung in Düsseldorf nun in Dresden fortsetzt, sagte Stamm: „Er ist jetzt fest hier und wird die Schritte, bis er wieder auf den Platz kommt, hier in Dresden absolvieren. Der nächste Schritt wird sein, an den Ball zu gehen.“
Auch für Tobias Raschl, der die komplette Vorbereitung verpasst hatte, dämpfte Stamm die Erwartungen: „Wenn alle anderen auf den jeweiligen Positionen fit sind am Wochenende, wird er noch kein Kaderbestandteil sein, weil es einfach noch zu früh ist.“
Zur grundsätzlichen Aufstellungsphilosophie stellte der Cheftrainer klar: „Wir werden grundsätzlich die Besten spielen lassen, wie die ersten zwei Spieltage auch, weil wir eine Runde weiterkommen wollen.“
Das gelte auch für Jonas Oehmichen, der mit gewissen Erwartungen aus einem Leihjahr in Aachen zurückgekehrt ist: „Das kann er jeden Tag zeigen. Am Ende werden die Besten spielen.“
Elfmeter als Dauerthema statt Sonderprogramm
Auf die Frage, ob Dynamo angesichts möglicher Verlängerung und Elfmeterschießen gezielt trainiere, reagierte Stamm gelassen: „Wir haben Jungs, die machen das jede Woche, ein oder zwei Elfmeter zu schießen. Das jetzt explizit nur in der Woche trainieren zu lassen, wo dann sowas stattfindet, hat nicht den Mehrwert, den du am Ende des Tages brauchst. Das ist etwas, was du permanent machen solltest.“