Forscher messen Temperatur und Luftströmung

AUDIO: Klimaanlagen im Kuhstall (5 Min)

Gegen Hitze und Methan

Stand: 22.08.2026 05:00 Uhr

Hitzewellen machen auch vorm Kuhstall nicht halt und Kühe reagieren sehr sensibel auf Hitze. In Leipzig arbeitet ein ungewöhnliches Bündnis an Klimaanlagen für die Tiere: Landwirte und Tierärzte bekommen hier Unterstützung von Bergbau-Experten. Das ist nicht nur gut für das Wohlbefinden der Tiere, sondern auch für den Methanausstoß der Ställe.

von Max Fallert, MDR WISSEN

Der gläserne Kuhstall in Leipzig

Rund 800 Milchkühe teilen sich den Platz im Kuhstall der Agrarprodukte Kitzen. Vor wenigen Jahren wurde die Anlage am Rand von Leipzig modernisiert: Der nun gläserne Kuhstall ist offen für Besucher: Es gibt Führungen für Schulklassen, einen Hofladen und Veranstaltungen. Photovoltaik und eine Biogas-Anlage machen die Anlage energieautark. Mehr Platz haben die Tiere und können je nach Witterung auch mal vor den Stall treten.

Kühe vor Kuhstall

Sie mögen es kühler.

„Im Winter, wenn es kalt wird, will die Kuh nicht unbedingt drin sein, sie ist lieber draußen“, erzählt Landwirt Gunter Zeutschel. Ihre Idealtemperatur liegt bei 15 Grad.

Ab 20 Grad erfahren die Tiere Hitzestress. Ihr Milchfett steigt an – ein Warnsignal: Sie fressen weniger, geben weniger Milch, produzieren in der Bilanz mehr Methan. Die Zahl der auch extremen Hitzetage im Kuhstall nimmt deutlich zu.

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Sprühnebel & Luft-Duschen für Kühe

Die Landwirte der Agrarprodukte Kitzen versuchen gegenzusteuern: Der neue Stall ist luftiger als der alte, Seitenwände wurden entfernt. Liegeflächen aus Sand sollen die Hitze lindern, mit Kissen aus Ernteresten vom Acker. Der Sand kühlt, die Hafer-Pellets reinigen die Tiere.

Seit Neuestem wird eine Art Duschkabine getestet, erzählt Alexander Starke, Professor für Klauentiermedizin von der Uni Leipzig und der verantwortliche Tierarzt. Dort werden die Kühe erst mit feinen Wassertropfen besprüht, ein Ventilator verteilt dann die kühlende Luft.

„Wir wollen jetzt ein Kamerasystem installieren und mit der Klimamessung vergleichen, ob die Tiere das besonders annehmen, wenn mehr Hitzestress ist“, erklärt der Veterinärmediziner. Jeden Tag statten Ärzte und Studierende der Uni den Tieren eine Visite ab.

Kuhstall mit Spruehregen

Der Sprühnebel kühlt, kostet aber Energie und Wasser, gerade das bei Hitze knapp.

Auch in der Wartehalle vor dem Melkroboter rieseln feine Wassertropfen auf die Kühe nieder: Die kühle Dusche soll sie produktiver machen. 33 Liter geben die Kühe hier am Tag. Im Herdendurchschnitt sind es 11 .000 Liter im Jahr. Es gehe sogar noch mehr, sagt Landwirt Gunter Zeutschel: Spitzenbetriebe erzielen 14.000 Liter. Züchtung, Ernährung und Haltung sind die hauptsächlichen Einflussfaktoren, wichtig eben auch: Hitzeschutz.

Dürre und Überschwemmungen.

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Mit Wissen aus dem Bergbau gegen Hitzestress im Kuhstall

Bei der Suche nach Lösungen werden sie unterstützt von Experten aus dem Bergbau, genauer: Wissenschaftlern der Bergakademie Freiberg. Seit Jahrhunderten wird dort an Luftströmungen und Temperaturen in Bergwerken und Minen geforscht – um nun im Kuhstall in Leipzig diese Frage zu beantworten, erklärt Rüdiger Schwarze: „Wann müssen wir wirklich kühlen?

Rüdiger Schwarze von der TU Freiberg

Der Professor für Strömungsmechanik und sein Team wollen auf Basis regelmäßiger Messungen die Witterung im Kuhstall verbessern. Dabei hilft ihnen der so genannte Temperatur-Feuchtigkeit-Index: Mit ihm berechnen sie, wann und wo im Stall den Kühen zu warm ist. Daran sollen die Klimaanlagen und Ventilatoren angepasst werden.

Wie können wir effizient kühlen, dass es wirklich zum Tierwohl beiträgt?

Prof. Rüdiger Schwarze, Bergakademie Freiberg

Forscher messen Temperatur und Luftströmung

Forscher messen Temperatur und Luftströmung im Stall vor dem Melkroboter.

Außerdem analysieren sie Methan, das zweitwichtigste Treibhausgas hinter CO₂. Etwa 30 Prozent der Erderhitzung gehen auf sein Konto. Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Treiber der Methanemissionen und in Deutschland sind Kühe die Hauptquelle.

Methan auf der Spur

Immer mehr Molkereien und Unternehmen achten auf den Methanausstoß in ihrer Produktionskette. „Was man steuern möchte, muss man erstmal messen“, sagt der Freiberger Forscher Hannes Potts.

Hausrinder stehen bei Sonnenschein auf einer Weide bei Rottweil. Rottweil Baden-Württemberg Deutschland.

Die Molkereibranche steht für hohe CO₂-Emissionen – und will doch teilweise bis 2050 klimaneutral werden. Fachleute sehen große Einsparpotenziale, warnen aber: Wirklich klimafreundlich wird Milch nie.

Bislang wird Methan im Kuhstall statistisch erhoben: indem etwa die Menge an Futter mit der Anzahl an Kühen verrechnet wird. Oder man steckt einzelne Kühe für ein paar Minuten in Respirationskammern im Stall und misst den Ausstoß aus ihrem Maul.

Forscher misst Methan im Kuhstall

Hannes Potts misst das Methan im Stall.

Hannes Potts hingegen analysiert mit einem Laser-Detektor an unterschiedlichen Orten im Stall das Treibhausgas. Die Methan-Moleküle werden durch den Laser angeregt und absorbieren das Licht. Der Detektor misst die Reflexion und bestimmt die Menge an Methan pro Meter.

Eine zweite Person prüft die Luftgeschwindigkeit, um zu wissen, wie sich das Gas im Stall verteilt. Hannes Potts hat auf dieser Grundlage auch einen digitalen Zwilling des Stalls für Simulationen gebaut. Im Projekt entsteht so eine neue Methode.

Weg von einzelnen Kühen, unterstreicht Rüdiger Schwarze: „Wir haben hier eine Herde von hunderten Tieren, die wahrscheinlich sehr individuell Methan ausstoßen und da sind wir genauer, wenn wir das im Stall messen“. Hannes Potts ergänzt: „Die Methode funktioniert. Die Simulationen im digitalen Zwilling und die Messungen passen zueinander.“

Kühe im Stall.

Der Beruf der Melker leidet unter Nachwuchsmangel. Ein Agrarbetrieb lockt junge Menschen mit dem „Gläsernen Kuhstall“ in Leipzig-Großzschocher. Moderne Technologie samt KI sollen dort auch das Tierwohl verbessern.

Methan aus dem Kuhstall saugen – Neue Technologie für den Klimaschutz?

Perspektivisch können die Klimamessungen helfen, die Methanemissionen zu senken. Hitzeschutz ist ein wirksames Mittel, die Methanbilanz insgesamt zu verbessern: Kühlere, gesündere Kühe produzieren mehr Milch pro Gramm Methan. Studien zeigen außerdem, dass es spezielle Nahrungszusätze für Kühe gibt, die den Methanausstoß reduzieren.

Tiermediziner Alexander Starke geht mit seiner Frage noch einen Schritt weiter: „Kann man gegebenenfalls das Methan aus dem System herausfiltern, dass es nicht in die Umwelt geht?“

Um Projekte wie diese umzusetzen, haben die Forscher gemeinsam mit Landwirten in Sachsen 2025 einen Verein gegründet: Mit dem Zentrum für zukunftsfähige Tierhaltung erproben sie neue Ideen für Tierwohl und Klimaschutz im Kuhstall.